Hunderte Tote bei Untergang vor Flüchtlingsbooten vor Libyen

28. August 2015, 14:25
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82 Tote geborgen, mehr als 100 Vermisste – 2015 bereits mehr als 300.000 Menschen über Mittelmeer nach Europa geflohen

Tripolis/Genf – Nach dem Kentern von zwei Flüchtlingsbooten vor der Küste Libyens werden weiterhin rund 200 Tote befürchtet. 82 Leichen wurden bis Freitagmittag geborgen, über 100 Menschen werden noch immer vermisst, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters einen Mitarbeiter der Hilfsorganisation Roter Halbmond, Ibrahim al-Attoushi. Etwa 198 Personen wurden demnach gerettet.

147 seien in ein Lager westlich der Hauptstadt Tripolis gebracht worden. Insgesamt befanden sich an Bord des Schiffes etwa 400 Flüchtlinge. Der britische Sender BBC zeigte Freitag früh Fernsehbilder von zahlreichen Leichensäcken. Mindestens 100 Leichen seien in das Krankenhaus von Zuwara westlich von Tripolis gebracht worden, sagte ein Anrainer dem Sender.

Aktivisten des Zuwara-Medienzentrums sprachen von 65 Leichen, die in die Stadt gebracht wurden. Eine Sprecherin des Flüchtlingshochkommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR) in Libyen sagte der Nachrichtenagentur dpa, es gebe sehr unterschiedliche Zahlen, die bisher nicht verifiziert werden konnten.

Keine Notrufe eingegangen

Bereits am Donnerstagabend war ein kleineres Flüchtlingsboot gekentert. Mindestens 30 Personen kamen dabei ums Leben. Die meisten der geborgenen Flüchtlinge kamen aus afrikanischen Ländern, wie die libysche Küstenwache mitteilte. Zwölf Tote, darunter Kinder, seien geborgen worden, erklärte die Hilfsorganisation Migrant Report in Malta unter Berufung auf Behörden in Libyen. "Es ist ein totales Chaos, wir haben kaum Ressourcen für eine kleine Rettungsaktion, geschweige denn für so etwas", zitierte die Organisation einen Behördenvertreter.

Die italienische Küstenwache, die auch Rettungseinsätze vor der libyschen Küste koordiniert, erklärte, zu der möglichen neuen Katastrophe seien bei Ihnen keine Notrufe eingegangen. Es seien aber in verschiedenen Einsätzen im Mittelmeer 1.430 Menschen am Donnerstag gerettet worden. Unter anderem habe ein Handelsschiff einem Holzboot mit 125 Flüchtlingen Hilfe geleistet. Auf dem Boot seien zwei Tote geborgen worden.

Zehn Schlepper festgenommen

Nachdem am Mittwoch die Leichen von 52 Flüchtlingen auf einem Schiff im Mittelmeer entdeckt worden sind, hat die Polizei auf Sizilien zehn mutmaßliche Schlepper festgenommen. Dabei handelt es sich um Tunesier und Marokkaner, denen mehrfacher Mord und Schlepperei vorgeworfen wird. Sie befinden sich in einer Haftanstalt in Palermo, berichteten italienische Medien.

Die Schlepper hatten sich unter die 460 Überlebenden gemischt, die in der Nacht auf Freitag in Palermo eingetroffen sind. Die 52 Toten waren vor der libyschen Küste im Laderaum des Boots gefunden worden. Vermutlich sind die Migranten an Abgasen erstickt. Die Leichen wurden obduziert.

Brutale Misshandlungen

Zeugen berichteten über brutale Misshandlungen, denen die im Lagerraum eingepferchten Migranten unterzogen worden seien. Die Flüchtlinge seien mit Stöcken geschlagen und mit Messern verletzt worden, um sie daran zu hindern, den Lagerraum zu verlassen, berichteten die Überlebenden, die mehrheitlich aus Syrien, Sudan, Guinea, Pakistan und dem Irak stammen.

Über 200 Menschen seien im circa 1,5 Meter hohem Lagerraum eingepfercht gewesen. "Wir konnten nicht atmen. Wir baten, die Türen zu öffnen, um nicht zu ersticken. Die Schlepper schlugen uns", so ein Überlebender.

300.000 Flüchtlinge seit Beginn des Jahres

Seit Beginn des Jahres haben nach Angaben der Vereinten Nationen bereits mehr als 300.000 Flüchtlinge den lebensgefährlichen Weg über das Mittelmeer nach Europa genommen. Rund 2.500 Menschen seien dabei ums Leben gekommen, teilte die UNHCR-Sprecherin Melissa Fleming mit.

Fast 200.000 Menschen erreichten demnach Griechenland, weitere 110.000 gelangten nach Italien. Im Vorjahr flohen insgesamt 219.000 Menschen über das Mittelmeer nach Europa, so Fleming.

Frontex-Chef: "Krise wird noch Jahre dauern"

Der Exekutivdirektor der EU-Grenzschutzagentur Frontex, Fabrice Leggeri, ist überzeugt, dass die Flüchtlingskrise noch Jahre lang anhalten wird. "Diese Situation wird nicht sechs Monate und auch nicht nur wenige Jahre dauern. Mein Mandat läuft 2020 aus und die einzige vernünftige Prognose, die ich machen kann, ist dass die Aktivität von Frontex weiterhin zunehmen wird", betonte Leggeri am Freitag.

"Die Ursachen des Flüchtlingsnotstands bleiben erhalten: Die politische Situation im Nahen Osten und der Mangel an Entwicklungsperspektiven in Afrika. Das sind strukturelle Elemente, die anhalten und sich vielleicht sogar verschärfen werden", so Leggeri im Interview mit der römischen Tageszeitung "La Repubblica". (APA, Reuters, 28.8.2015)

  • Bis zu 200 ertrunkene Flüchtlinge vor der Küste Libyens befürchtet.
    foto: reuters/darrin zammit lupi

    Bis zu 200 ertrunkene Flüchtlinge vor der Küste Libyens befürchtet.

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