Letztes Rätsel um Eisbär Knut gelöst

27. August 2015, 18:48
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Die genaue Todesursache konnte jahrelang nicht bestimmt werden. Nun stellte sich heraus, dass es eine Krankheit war, die man bisher nur bei Menschen kannte

Berlin/Wien – So ganz wird sich vielleicht nie nachvollziehen lassen, wie der 2006 im Zoologischen Garten Berlin geborene Eisbär Knut zu einem Medienhype ohnegleichen werden konnte. Dass Tierbabys in Zoos von ihrer Mutter nicht akzeptiert werden und von Hand aufgezogen werden müssen, ist alles andere als eine Seltenheit. Der Berliner Bär jedoch wurde zu einem globalen Medienphänomen.

Knuts Popularität schrumpfte in dem Ausmaß, in dem er wuchs und sich von einem flauschigen Teddy zu dem Raubtier entwickelte, das er nun einmal war. Seine Geschichte als Medienstar erreichte noch einmal einen tragischen Höhepunkt, als er 2011 nach epileptischen Anfällen im Becken seines Geheges ertrank.

Beispielloser Aufwand

Bei der Obduktion konnte festgestellt werden, dass Knut an einer Entzündung des Gehirns gelitten hatte. Offen blieb, was diese ausgelöst hatte – ob Infektion mit einem Virus, einem Bakterium oder einem Parasiten. Ein letztlich unbefriedigendes Ergebnis dafür, dass noch nie zuvor ein derartiger Untersuchungsaufwand für ein einzelnes Tier betrieben worden war.

Die Auflösung kommt nun aus der Humanmedizin. Der Neurowissenschafter Harald Prüß von der Berliner Charité ging Knuts Obduktionsergebnisse durch und sah sich an eine Krankheit erinnert, deren Bedeutung für den Menschen man erst seit wenigen Jahren kennt. Die sogenannte Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis ist eine Form der Gehirnentzündung, die nicht auf einer Infektion, sondern auf einer Autoimmunreaktion beruht, bei der Antikörper die eigenen Nervenzellen angreifen. Beim Menschen wird sie mittlerweile für einen Großteil der früher unbestimmbar gebliebenen Enzephalitisfälle verantwortlich gemacht.

Knut ist der allererste Fall eines Tiers, bei dem diese Enzephalitisform festgestellt wurde. Die bei ihm gefundenen Antikörper wurden an Gehirnproben von Ratten getestet und zeigten eine praktisch identische Wirkung wie die Antikörper menschlicher Patienten. In ihrer in "Scientific Reports" veröffentlichten Studie schließen die Forscher, dass Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis unter Säugetieren weit verbreitet sein könnte: Eine wichtige Erkenntnis für Tiermediziner, denn die Krankheit ist behandelbar – auch Knut hätte geholfen werden können. (Jürgen Doppler, 28.8.2015)

  • Beinahe lebensecht, mit Betonung auf beinahe: Knuts Fell wurde über einen Kunststoffkörper gezogen und ist für die nächsten Jahre im Berliner Museum für Naturkunde zu bestaunen. Hier im Bild ist er im Museum Naturalis im niederländischen Leiden zu sehen, das ihn 2013 vorübergehend als Leihgabe erhalten hatte.
    foto: apa / epa / robin van lonkhuijsen

    Beinahe lebensecht, mit Betonung auf beinahe: Knuts Fell wurde über einen Kunststoffkörper gezogen und ist für die nächsten Jahre im Berliner Museum für Naturkunde zu bestaunen. Hier im Bild ist er im Museum Naturalis im niederländischen Leiden zu sehen, das ihn 2013 vorübergehend als Leihgabe erhalten hatte.

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