Leiterin der Gedenkstätte Mauthausen: "Das Leid hörte 1945 nicht auf"

Interview28. August 2015, 05:30
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Gedenkarbeit muss anders als bisher erfolgen, sagt Barbara Glück. Man müsse jene erreichen, die sich via Internet informieren

STANDARD: Bisher war Mauthausen der Abteilung "Kriegsgräberfürsorge und Gedenkstätten" im Innenministerium unterstellt. Jetzt soll es eine Bundesanstalt werden, aber immer noch unter der Ägide des Innenministeriums. Wo ist da der Vorteil?

Glück: Wir sind in den letzten Jahren sehr stark gewachsen, haben uns personell verfünffacht, Sonderbudget für die Ausstellung bekommen und sind zu einer richtigen Lern- und Bildungseinrichtung geworden. Unser inhaltliches Anliegen ist, dass wir unsere Arbeit zum ersten Mal gesetzlich verankern möchten.

Es gibt bis dato kein eigenes Gesetz, das unsere Arbeit absichert und die Existenz der Gedenkstätte manifestiert. Es wäre jetzt einfach zeitgemäß, wie es auch für andere Gedenkstätten üblich ist, dass man eine eigene Rechtsform findet. Wir haben uns alle infrage kommenden Rechtsformen angesehen und sehen jene, die auch die Bundesmuseen gewählt haben, als die geeignete an.

STANDARD: Das Gesetz sollte noch vor der Sommerpause vom Nationalrat behandelt werden. Das ist nicht geschehen. Woran hakt es?

Glück: Es ist derzeit in der politischen Abstimmung, ich hoffe, es ist bald abgeschlossen.

STANDARD: Man hört, es gehe auch darum, wer bei der Besetzung der Kuratorien politischen Einfluss in Mauthausen und beim Haus der Geschichte haben werde.

Glück: Seit 1947 ist das Innenministerium für die Gedenkstätte verantwortlich, und gerade heute ist das Commitment der zuständigen Ministerin besonders groß. Im neuen Kuratorium sollen darüber hinaus erstmals auch andere Ministerien, die inhaltlich mit dem Thema befasst sind, an Bord geholt werden. Da wollten wir uns möglichst breit aufstellen und auch noch einmal die Verantwortung der Republik unterstreichen.

STANDARD: Die Grünen würden gerne Mauthausen, wie den Nationalfonds, in der Verantwortung des Parlaments ansiedeln und wollen eine "große Lösung", etwa als Teil eines großen Projekts "Haus der Geschichte", mit mehreren Standorten. Was halten Sie davon?

Glück: Visionen und Ideen habe ich auch viele. Als Historikerin sehe ich sehr viele Synergieeffekte mit den unterschiedlichsten Archiven und Instituten. Aber in erster Linie ist es mir jetzt ein Anliegen, dass wir gesetzlich abgesichert sind – auch für die Zukunft der Gedenkstätte.

STANDARD: Ein Nebeneffekt der Ausgliederung wäre, dass Sie dann Direktsubventionen annehmen dürfen. Das ist einerseits natürlich positiv, andererseits: Wollen Sie wirklich, dass Firmen, die ihr Image aufpolieren wollen, das via Mauthausen tun ?

Glück: Darum darf es nie gehen. Die Republik darf sich ja nicht aus der Verantwortung ziehen, dass jemand Privater für die Erinnerungsarbeit aufkommt. Es ist unvorstellbar, dass der Großsponsor kommt und das Besucherzentrum nach ihm benannt wird. Aber es geht um Teilprojekte: Deutsche Erinnerungsstätten können sich etwa zusammenschließen, um ein pädagogisches Projekt zu starten. So etwas schwebt mir auch vor – mit dem Schwerpunkt auf internationalen Kooperationen. Zum Beispiel kann man bei der Europäischen Union projektbezogen um Förderungen einreichen.

STANDARD: Donors wie in den USA üblich können Sie sich vorstellen?

Glück: Wir sind eine Gedenkstätte und ein Friedhof, da muss man sehr behutsam sein. Vieles ist im Entwicklungsstadium und kann erst starten, wenn es die Bundesanstalt gibt. Ich glaube, dass es uns für die internationale Vernetzung viel bringen wird. Ich war ein halbes Jahr lang in Washington, hatte ein Forschungsprojekt im Holocaust-Museum ... Unbestritten, diese Möglichkeiten sind ganz andere. Aber das ist ein Museum an einem neutralen Ort. Wir sind das nicht.

STANDARD: Mauthausen ist heute ganz anders gestaltet als vor 20 Jahren. Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?

Glück: Jein. Einerseits freue ich mich über das, was uns gelungen ist, andererseits weiß ich, wir dürfen nie stehenbleiben. Das Thema und die Überlegungen dazu müssen immer in Bewegung bleiben. Wir haben jetzt einmal den ersten Schritt von vielen gemacht. Als wir 2007 begonnen haben, über eine neue Ausstellung nachzudenken, haben wir es uns nicht leichtgemacht, sondern gefragt: Was braucht dieser Ort? Das ist auch nicht letztgültig zu beantworten. Wenn mein Sohn erwachsen ist, braucht es in Mauthausen wahrscheinlich anderes als heute. Alles, was wir dort machen, ist Intervention.

STANDARD: Bei den Feiern zum Befreiungstag waren 22.000 Menschen in Mauthausen – aber nur mehr 50 Überlebende. Muss man da Erinnerungsarbeit neu denken?

Glück: Wir diskutieren das intern sehr stark, und ich stelle immer wieder die Frage: Was ist Erinnerung? Ist das, wenn ich mich an selbst Erlebtes erinnere oder wenn mir jemand von seinen Erinnerungen erzählt? Letzteres ist bald nicht mehr möglich, das ist der Transformationsprozess, in dem wir stecken. Und wir sollten uns darauf besinnen, zu fragen, welche Berechtigung, welchen Anspruch, welche Mission und Vision die Gedenkstätte Mauthausen 2015 hat. Jeder Jugendliche wird sich fragen: Schön, das war vor 70 Jahren – und was hat das mit mir zu tun? Das ist die Frage, auf der unser pädagogisches Konzept aufbaut.

STANDARD: Was heißt das konkret?

Glück: Wir haben den Rundgang entlang des Areals so aufgebaut, dass wir immer wieder Fragen stellen. Etwa: Das Konzentrationslager war ja kein isolierter Ort. Da haben rundherum Leute gewohnt. Die Gefangenen kamen am Bahnhof, mitten im Ort, an – und mussten zu Fuß ins Lager hinaufgehen. Was war da mit der Bevölkerung, was hat man ihnen erzählt, was haben sie geglaubt? Hier entstehen viele Fragen, auf die wir nicht alle eine Antwort finden können. Denn 70 Jahre danach geht es uns natürlich um das Heute und Jetzt.

Unser Anliegen ist, Grundwerte wie etwa Zivilcourage zu vermitteln. Alle Besucher bringen heute ihren Alltag, ihre Gegenwart mit an den Gedenkort. Hier soll jeder für sich die Frage stellen: Wo hätte ich oder wo könnte ich anders reagieren – wo ist heute meine Zivilcourage gefragt?

STANDARD: Die deutsch-israelische Schriftstellerin Mirna Funk hat kürzlich in einem STANDARD- Interview gesagt: "Filme von Leichenbergen in der Schule zu zeigen – da setzt eine Blockade ein." Was sagen Sie dazu?

Glück: Wir haben intensiv diskutiert, ob wir Fotos von Leichenbergen in der Ausstellung zeigen sollen – und wir haben uns dagegen entschieden. Für mich stellt sich immer die Frage: Welche Botschaft vermittle ich, brauche ich solche Bilder? Geht es um das bessere Vorstellen? Ich glaube nicht, ich kann mir diese Zeit nicht vorstellen. Wir sind davon überzeugt, dass man anders viel mehr bewirken kann.

STANDARD: Auf welche Art?

Glück: Wir arbeiten mit Lebensgeschichten – etwa anhand von Objekten. Wir haben in der Ausstellung ein Fahrrad, an sich nichts Besonderes. Aber dieses Rad gehörte Stanislaw Kudlinski, einem Polen, der 1945 in Gusen befreit wurde, sich bis nach Linz durchschlug und dort von Klosterschwestern gesundgepflegt wurde. Diese schenkten ihm ein Fahrrad, mit dem er bis nach Polen, nach Posen, fuhr. Dort fand er seine Verlobte wieder, heiratete sie und hob das Rad bis zu seinem Tod auf. Wir haben das zufällig entdeckt.

STANDARD: Und was besagt diese Geschichte?

Glück: Sie erzählt das Überleben des Stanislaw Kudlinski, aber auch die Geschichte des Heimkommens – die nicht immer so gut ausging wie in diesem Fall. Wir zeigen auch die Blechtafel, die der Rohrbombenattentäter Franz Fuchs 1995 bei seinem Terroranschlag in Oberwart fabrizierte, auf der steht: "Roma zurück nach Indien." Warum? Weil auch diese Tafel zwei Geschichten erzählt. Jene des österreichischen Rom Michael Horwath, den die Nazis nach Mauthausen deportierten, der befreit wurde und auf der Straße stand.

Zu uns hat er gesagt: "Ich wusste nicht, wohin ich sollte. Ich hatte kein Zuhause, nichts, niemanden." Michael Horwath musste sich alles von vorne wieder aufbauen. Und 1995 hat Franz Fuchs zwei seiner Enkelkinder ermordet. Das Leid hat 1945 nicht aufgehört – und auch nicht die Fremdenfeindlichkeit.

STANDARD: Wie setzen Sie sich mit den sozialen Medien auseinander? Wenn dort ein Jugendlicher Fremdenfeindliches von sich gibt, dafür öffentlich angeprangert wird und daraufhin seinen Job verliert – hat das nicht auch etwas von modernem Denunziantentum?

Glück: Das ist ein schwieriges, aber sehr spannendes Thema, da stehen wir ganz am Anfang. Ich definiere das als eine unserer kommenden Aufgaben. Wir haben eine Studie, gemeinsam mit der New York University gemacht. Wir haben untersucht, woher Jugendliche ihr Wissen zum Nationalsozialismus haben. Die Antwort: aus dem Internet natürlich. Das heißt, wir haben es schon auch in der Hand, unser Wissen nicht nur am Gedenkort weiterzugeben. Ich denke, wir müssen uns bemühen, auch jene zu erreichen, die noch nie in Mauthausen waren.

STANDARD: Wann erwarten Sie, dass das Gesetz zur Ausgliederung verabschiedet wird?

Glück: Ich hoffe, im Herbst, so schnell wie möglich.

STANDARD: Werden Sie sich für die Leitung bewerben?

Glück: Ich habe noch viele Ideen – aber das entscheide ich erst, wenn es so weit ist. (Petra Stuiber, 28.8.2015)

Barbara Glück (36) leitet seit 2005 das Mauthausen Memorial, die größte KZ-Gedenkstätte Österreichs. Glück promovierte an der Uni Wien in Geschichte und Politikwissenschaften, zuletzt hatte sie ein Forschungsstipendium am US-Holocaust Memorial Museum in Washington.

  • Glück im Archiv des Mauthausen Memorials im Wiener Innenministerium: Eine eigene Rechtsform, wie sie auch andere Gedenkstätten haben, wäre zeitgemäß, meint die Leiterin. Noch gibt es kein Gesetz.
    foto: christian fischer

    Glück im Archiv des Mauthausen Memorials im Wiener Innenministerium: Eine eigene Rechtsform, wie sie auch andere Gedenkstätten haben, wäre zeitgemäß, meint die Leiterin. Noch gibt es kein Gesetz.

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