Wolfgang Bauer: Theaterfahrt von Annabichl nach Bengasi

28. August 2015, 05:30
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Zehn Jahre nach seinem Ableben belegt ein Band mit nachgelassenen Werken: Bereits in jungen Jahren war der Grazer Dramatiker ein eigenwilliger Meister des absurden, philosophischen Humors

Wien – Seit zehn Jahren ist Wolfgang Bauer nun schon tot, doch sein dramatisches Werk wächst unaufhörlich. Bereits im Februar des laufenden Jahres wurde ein nicht für möglich gehaltener Glücksfund angezeigt. Thomas Antonic, Germanist der Universität Wien, war über die heitere Tragödie Der Rüssel gestolpert. Das absurde Stück über die Klimaerwärmung des Alpengebiets war im Nachlass des Leibnitzer Komponisten Franz Koringer aufgetaucht (der Standard berichtete).

Bauer besaß eine bemerkenswerte Laxheit im Umgang mit den eigenen geistigen Erzeugnissen. Ursprünglich im Sommer 1962 geschrieben, war das Typoskript über Umwege nach Leibnitz gekommen. Der posthume Abdruck des Rüssels in der Zeitschrift manuskripte Ausgabe 55 (2015) ließ nicht den geringsten Zweifel an der außerordentlichen Qualität der "Tragödie in elf Bildern". Vor den Kulissen des Bauerntheaters erzählt Bauer von heftigen Geburtswehen unter Blitz und Donner, woraufhin ein Elefant einem Wildbach entschlüpft.

Palmen sprießen in dem abgelegenen Bergdorf. Die Älpler versuchen, von der Afrika-Werdung ihrer Umwelt zu profitieren. Bauer nimmt das Faktum der Erderwärmung mit Witz und Weitsicht vorweg. In dem Text findet sich Platz für die Geistererscheinung eines gewissen Herrn Claudius, Shakespeare-Rüpel tummeln sich zu nächtlicher Stunde unter dem Galgen eines Gehenkten. Bauer, damals gerade einmal 21 Jahre alt, dürfte zu dieser Zeit nicht nur seinen geliebten Eugène Ionesco studiert, sondern auch den Hamlet in Griffweite liegen gehabt haben.

Längst ist die Theaterwelt auf das erste abendfüllende Stück Bauers aufmerksam geworden. Die Wiener Burg hat sich dem Vernehmen nach die Aufführungsrechte gesichert. Aber der Nachlass des Grazer Enfant terrible scheint überhaupt ein unversieglicher Quell. Dieser Tage hat der bereits zweite Nachlassband beim Klagenfurter Ritter-Verlag das Licht der Welt erblickt. Das Buch Der Rüssel enthält nicht nur denselben, sondern vier weitere Texte, die das Bauer'sche Frühwerk auf ebenso erhellende wie amüsante Weise komplettieren.

Da wäre zum Beispiel der Einakter Der Abrater. 1962/63 rackerte sich der Stückeschreiber Bauer mit wahrem Feuereifer am Thema Eisenbahn ab. Neben Werken wie Katharina Doppelkopf oder Zwei Fliegen auf einen Gleis (sic!) entstand eben auch besagter Abrater. Ein geheimnisvoller Mann, Autor eines Mammutlexikons, sitzt in einem Eisenbahncoupé. Er erweist sich für die gutgläubigen Mitreisenden als wahre Fundgrube des "falschen" Wissens. So behauptet der Abrater nebst anderen Merkwürdigkeiten, dass "China" bloß die alte Bezeichnung für Salzburg sei. Die beiden Länder, China und Salzburg, seien "im Zuge der pseudomongolischen Generalamnestie" miteinander vertauscht worden.

Waggerl und Laotse

Ein Abteilgast fragt fassungslos: "Waggerl und Laotse sind also ein und dieselbe Person?" Der Abrater, genüsslich: "Tja ... da ist nichts zu ändern ..." Die kuriose Fahrt endet in der ersten Station nach Annabichl: in Bengasi.

Nebst einem Mikrodrama (Odysseus) findet sich in dem zweiten Bauer-Band bei Ritter nach Der Geist von San Francisco (2010) noch ein weiteres unbekanntes Juwel. Mit der Hochstaplerkomödie Von der Steinschleuder zum Lipizzaner (1964) nährte der junge Bauer seine Hoffnungen auf einen Platz im etablierten Theaterbetrieb. Auf einem verfallenen Schloss begrüßt der Burgherr ein Ganovenpärchen, das er seinerseits zu erpressen versucht. Kein Meister-, aber doch ein heiteres Machwerk, das die merkwürdige Faszination der heimischen Avantgardisten für aristokratische Gepflogenheiten belegt. (Ronald Pohl, 28.8.2015)

Wolfgang Bauer, "Der Rüssel. Szenische Texte aus dem Nachlass". Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Thomas Antonic. € 23,90 / 288 Seiten, Ritter: Klagenfurt und Graz 2015

  • Wolfgang Bauer (1941-2006), hier auf einem Bild aus den späten 1960ern: Bereits in jungen Jahren löckte der Grazer Dramatiker wider den Stachel  der Theaterkonvention.
    foto: otto breicha / imagno / picturedesk.com

    Wolfgang Bauer (1941-2006), hier auf einem Bild aus den späten 1960ern: Bereits in jungen Jahren löckte der Grazer Dramatiker wider den Stachel der Theaterkonvention.

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