Abgasplakette: Ein Pickerl wirbelt Staub auf

28. August 2015, 11:58
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Die Abgasplakettenplicht, die derzeit schon im Großraum Wien für alle Lastfahrzeuge gilt, könnte jederzeit auch für Pkws eingeführt werden. Damit dürften im Großraum Wien keine Autos vor Baujahr 2000 mehr fahren

In Österreichs Ballungsräumen werden die in den EU-Regeln festgeschriebenen Feinstaub- und Stickoxidgrenzwerte regelmäßig überschritten. Besonderer Leidensdruck diesbezüglich herrscht unter anderem im Großraum Graz, in Teilen des Wiener Beckens und südlich von Linz. Die Ursachen dafür sind breit gestreut, der Autoverkehr stellt in jedem Fall eine signifikante Größe dar.

Um diese Probleme in den Griff zu kriegen, wurden schon zahlreiche Maßnahmen im Bereich des Lkw-Verkehrs gesetzt. So müssen alle Lastkraftwagen, die nach Wien oder in die umliegenden Bezirke einfahren, eine Plakette an der Windschutzscheibe tragen, die ihre Abgasklasse ausweist. Alte Stinker sind damit ausgesperrt. Das betrifft dann nicht nur klassische Lastwagen, sondern alle Fahrzeuge, die als Lkws angemeldet sind, also auch Kleintransporter und Pickups, sogenannte Fiskal-Lkws.

Der Stand der Dinge: Derzeit müssen Fahrzeuge der Gruppe N (Lkws) ein Abgaspickerl haben, und Fahrzeuge der Abgasklasse Euro 1 oder schlechter dürfen nicht mehr in den Großraum Wien einfahren. Aus diesem Grund waren viele Gewerbebetriebe gezwungen, ihren Fuhrpark zu erneuern. Das traf einige finanziell hart, vor allem kleinere Unternehmen.

Es wird noch strenger

Ab 1. Jänner 2016 gilt diese Regelung auch für Euro 2, also im Wesentlichen für alle Autos mit Baujahr vor dem Jahr 2000. Weitere Verschärfungen sind jederzeit möglich.

Das sollte alles nicht weiter aufregen, gäbe es da nicht die Möglichkeit, diese Regelung sozusagen über Nacht auch auf normale Personenwagen auszudehnen. Zwar wurde diese Absicht bis jetzt noch von keiner offiziellen Stelle bestätigt, aber die Vorbereitungen dafür sind längst getroffen.

Von EU-Ebene bis auf Gemeindeniveau sind alle Zuständigkeiten geklärt, alle Spielregeln synchronisiert. Jederzeit könnte diese Regelung überall auch auf Pkws erweitert werden. Im Herbst stehen allerdings noch einige Wahlen bevor, deshalb ist fürs Erste eher noch nicht damit zu rechnen. Was gleich danach kommt, bleibt aber völlig offen.

Auf den Plaketten ist jedenfalls bereits eine Lochungsmöglichkeit für Personenwagen vorgesehen, erkennbar am Buchstaben M, denn Gruppe M ist die EU-weit gültige Kurzformel für Personenwagen. Es gibt auch eine Webseite, wo man seine individuell zutreffende Abgasklasse ausrechnen lassen kann – nicht nur für Lkws, auch für Pkws.

Die Folgen für die Bewohner

Während der positive Effekt eines Einfahrverbots für Pkws in bestimmten Regionen auf die Luftqualität umstritten ist, hätte es ganz sicher weitreichende Folgen für die Bewohner. Ihre alten Autos hätten über Nacht nur mehr Schrottwert. Ihr Mobilität wäre mitunter stark eingeschränkt, weil bei weitem nicht der ganze Gültigkeitsbereich ausreichend mit Öffis erschlossen ist.

Ein Argument für die Ausweitung der Abgasplakette auf Pkws ist auch, dass sich ähnliche Regelungen in anderen Ländern längst bewährt hätten, etwa in Deutschland und in Italien. Der Unterschied: In Deutschland gelten Fahrverbote nur in Zentren von Großstädten. Sie betreffen nicht eine ganze Region mit einem erheblichen Anteil an ländlichem Gebiet. In Berlin etwa gibt es sogar Korridorstrecken, also Autobahnteilstücke, die ein Queren der Stadt auch ohne Pickerl ermöglichen.

Bürgerproteste in Graz

So gilt die Abgasplakette auch im Großraum Graz nach heftigen Bürgerprotesten nicht für alle Lkws, sondern nur für jene über 7,5 Tonnen. Nicht ganz verständlich ist derzeit auch die Situation in Linz, dort hat man die Einführung eines Lkw-Fahrverbots immerhin noch auf Mitte nächsten Jahres verschoben. Dort gilt die Pickerlpflicht für alle Lkws auf der Autobahn zwischen Enns und dem Knoten Haid. Fataler Ausweichverkehr ist jetzt schon programmiert: über die Bundesstraße und durch das Ortsgebiet von Linz-Ebelsberg. Zumindest geht das für alle leichteren Lkws, die nicht vom 7,5-Tonnen-Fahrverbot betroffen sind.

Die einzigen Besitzer alter Autos, die sich jetzt beruhigt zurücklehnen können, sind jene, die historische Fahrzeuge haben, also solche, die älter als 30 Jahre sind. Sie sind im Wesentlichen als Einzige vom Fahrverbot ausgenommen, wenn oder falls es kommt. (Rudolf Skarics, 28.08.2015)

  • Wenn die Idee der Abgasplakette, mit der nun ältere Lkws aus Wien verbannt werden, um sich greift, geht es auch normalen Pkws wie dem Golf 3 Cabrio an den Kragen.
    foto: volkswagen

    Wenn die Idee der Abgasplakette, mit der nun ältere Lkws aus Wien verbannt werden, um sich greift, geht es auch normalen Pkws wie dem Golf 3 Cabrio an den Kragen.

  • Der Fiat Fiorino musste aus dem Großraum Wien verschwinden. Er ist zu alt, erfüllt die Abgasnormen nicht mehr. Für manche Kleinunternehmer bedeutet das weitere Belastungen.
    foto: fiat

    Der Fiat Fiorino musste aus dem Großraum Wien verschwinden. Er ist zu alt, erfüllt die Abgasnormen nicht mehr. Für manche Kleinunternehmer bedeutet das weitere Belastungen.

  • Die Abgasplakette

    Die Abgasplakette

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