Affen wären bei Querschnittslähmung bessere Versuchstiere als Ratten

30. August 2015, 10:00
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Schweizer Studie weist auf wichtigen Unterschied zwischen Primaten und Nagetieren hin, der Forschungsergebnisse verzerren kann

Zürich/Lausanne – Das Ergebnis einer aktuellen Studie zum Thema Rückenmarksverletzungen ist vielleicht nicht ganz überraschend, vor dem Hintergrund der Diskussion um Tierversuche aber brisant: Ratten sind Schweizer Forschern zufolge nämlich keine besonders geeigneten Modellorganismen – ganz anders als Primaten.

Schweizer Wissenschafter haben die Regeneration von 400 Menschen mit Rückenmarkverletzungen ausgewertet. Diese gewannen ebenso wie andere Primaten spontan mehr Bewegungsfunktionen zurück als Nagetiere, berichten die Forscher im Fachjournal "Science Translational Medicine". Dies liege daran, dass die neuronalen Grundlagen bei Ratten grundlegend anders seien.

Entscheidende Unterschiede

Bei Ratten führt die sogenannte Pyramidenbahn, die motorische Nerven enthält, nur auf einer Seite des Rückenmarks hindurch. Bei Primaten – und somit auch bei Menschen – hat sich diese Bahn im Lauf der Evolution zweigeteilt und kam auf beiden Seiten des Rückenmarks zu liegen, wie die ETH Lausanne (EPFL) erläuterte.

"Deshalb werden bei einer Verletzung viele Fasern verschont", wurde Gregoire Courtine vom Zentrum für Neuroprothetik und dem Brain Mind Institute in der Mitteilung zitiert. "Die Pyramidenbahn kann daraus Umleitungen um die verletzte Stelle bilden und so die Kommunikation zwischen dem Gehirn und den Steuerungsnerven für die Gliedmaßen wieder herstellen." Diese Flexibilität sei bei der Ratte minimal.

Während Ratten zwar die Fähigkeit wieder erlangen konnten, auf ebenem Boden zu laufen, erholte sich bei Menschen und Primaten auch die Feinmotorik. Sie konnten wieder Objekte wie Nahrung greifen. Betraf die Verletzung nur eine Seite des Rückenmarks, war dieser Unterschied laut Courtine noch ausgeprägter.

Die Folgerung

Das Team plädiert aufgrund der Resultate dafür, dass neue Therapien gegen Querschnittlähmung zunächst an Primaten getestet werden sollten, bevor Studien an Menschen begännen. "Ethische und gesellschaftliche Hürden sowie die Kosten und Komplexität von Primatenexperimenten haben diesen Forschungsrahmen, um Therapien in die Praxis umzusetzen, verlangsamt", schrieben die Forscher in dem Artikel.

Rattenexperimente seien weiterhin wichtig, um neue Therapien zu entwickeln. Die neuen Erkenntnisse untermauerten unterdessen den Bedarf von nicht-menschlichen Primatenmodellen für Querschnittlähmungen, um die Genesung von Millionen von betroffenen Patienten zu verbessern. Alle Versuche an Primaten in dieser Studie waren den Autoren zufolge Teil von Experimenten, die der Entwicklung von konkreten Therapien dienten.

Die Forschungsarbeit fand in Kooperation mit dem UC Primate Consortium in San Diego (Kalifornien), dem Paraplegikerzentrum Balgrist in Zürich und dem Unispital Lausanne (CHUV) sowie den Beteiligten an der Europäischen Multizentren-Studie zu Rückenmarkverletzungen (EMSCI) statt. (APA/red, 30. 8. 2015)

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