Evergreens der schlechten Laune

27. August 2015, 05:30
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Dr. Dre schuf mit dem Soundtrack zu "Straight Outta Compton" sein erstes Album in 14 Jahren

Wien – Das Cover des Albums zeigt den Blick runter auf Los Angeles. In nächster Nähe sind jene Lettern zu sehen, die den berühmten Hollywood-Schriftzug bilden. Doch die gezeigten Buchstaben lesen sich "Compton". So heißt ein Viertel in L.A., das vom gepflegten Vorstadtbezirk der 1950er-Jahre zum Ghetto der 1980er und 1990er verkommen war. Dort gab es damals die landesweit größte Zahl an Morden, die schlimmste Drogenkriminalität und die daraus resultierenden Beilagen Hoffnungslosigkeit und Zorn.

foto: interscope / universal music

Es war die Heimat und der Nährboden für die Kunst der Hip-Hop-Formation N.W.A. (Niggaz wit' Attitude), deren Geschichte nun von Hollywood verfilmt wurde. Zu den fünf jungen Niggaz zählte Andre Young alias Dr. Dre. Er ist der erfolgreichste Hip-Hop-Produzent der Welt und hat nun 14 Jahre nach seiner letzten Veröffentlichung den Soundtrack für die Verfilmung der Geschichte von N.W.A. produziert.

Knallten bei N.W.A. aus dem Funk und Electro überführte Beats schnörkellos hinter den Tiraden der Rapper hervor, hört man auf Compton heute Pathos und Bombast. Compton, Hollywood-Style. Zwar lässt Dre dann und wann die Beats rattern wie Salven aus Maschinenpistolen. Doch während das früher die Authentizität von Field Recordings besaß, ist das heute ein dem Thema geschuldeter Nachbau.

1986 formierte sich N.W.A., und nach einigen personellen Rochaden veröffentlichten Ice Cube, Eazy-E, Dr. Dre, DJ Yella und MC Ren 1988 ihr Debütalbum Straight Outta Compton. Sie zählten damit zu den prägendsten Protagonisten des Gangsta Rap. Auf Basis so harter wie lässiger Beats schufen sie Evergreens der schlechten Laune wie das vom gewalttätigen Polizeiapparat inspirierte Fuck Da Police. Ein Titel, der heute angesichts vieler von der Polizei ermordeter Afroamerikaner wieder traurige Aktualität genießt.

N.W.A. heroisierten Outlaws in Gangsta Gangsta und berichteten in eloquent dreckigen Reimen vom Leben im Ghetto, von Drogen, Sex und Gewalt. Das ergab eine wilde und aufregende Musik, eine Kulturrevolution. Während Public Enemy an der Ostküste versuchten, Hip-Hop als schwarzes CNN in Stellung zu bringen, reimten diese Typen vom schnellen Geld, von schnellen Autos oder den Freuden der Fellatio.

Träge Eleganz

Nach zwei millionenfach verkauften Alben, einem bösen Brief vom FBI und internen Reibereien waren N.W.A. Geschichte. Ice Cube ging als Erster und begann eine Solokarriere. Parallel dazu etablierte er sich über John Singletons Drama Boyz n the Hood erfolgreich als Schauspieler. Eazy-E starb 1995 an Aids, MC Ren blieb im Hip-Hop, DJ Yella wurde ein Star als Pornoregisseur.

Doch keiner wurde so groß wie Dr. Dre. Er gilt als erster Milliardär des Hip-Hop – wenngleich er sich diesen Knödel zu einem Gutteil mit der Kopfhörermarke Beats verdient hat und nicht nur mit Musik. Dre fand den Weg vom Mischpult ans Mikrofon erst spät. Er ist nicht der geborene Frontmann, obwohl seine träge Eleganz mit der Heaviness seiner Produktionen bestens konveniert. Das blitzt in einzelnen Stücken von Compton immer noch auf, dabei klingt es weder spektakulär noch überraschend. Man weiß, was der Mann kann. Er hat Eminem oder 50 Cent groß gemacht.

Compton klingt wie eine Mischung aus Pflicht und Kür. Einerseits gilt es die Geschichte von N.W.A. neu zu bespielen, was bei der (selbst geschaffenen) Vorlage schwer zu toppen ist. Andererseits wollte sich Dre beweisen, dass er es am Mikrofon noch draufhat. Die Dringlichkeit und Genialität der Arbeiten von N.W.A. nachzustellen gelingt ihm nicht. Deren Mischung aus Eleganz und Derbheit, aus Funk und Saubartelei, aus Wut und verdrogtem Witz bleibt unerreicht. Muss auch so sein. Ein 50-jähriger Milliardär ist schließlich kein räudiger Kleinkrimineller mehr. Oder nur noch ganz wenig. (Karl Fluch, 27.8.2015)

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