Ungarns Polizei setzt Tränengas bei Flüchtlingszentrum ein

Ansichtssache26. August 2015, 15:18
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Röszke – Die ungarische Polizei hat in einem Erstaufnahmelager für Flüchtlinge am Mittwoch Tränengas gegen Asylwerber eingesetzt. Ein Polizeisprecher sagte der Nachrichtenagentur AFP, rund 200 Flüchtlinge hätten im südungarischen Röszke versucht, sich dem Registrierungsverfahren zu entziehen. Sie weigerten sich offenbar, ihre Fingerabdrücke abzugeben.

Die Polizei versuche "die Lage zu beruhigen", sagte Polizeisprecher Szabolcs Szenti und berichtete von schreienden Flüchtlingen. Der Nachrichtensender Hir TV hatte zuvor berichtet, dass sich die Situation zwar beruhigt habe, aber nach wie vor gespannt sei. Das Zentrum in Röszke bei Szeged ist das derzeit wichtigste Erstaufnahmelager des Landes für die über Serbien ankommenden Flüchtlinge.

Medien- und Polizeiberichte stimmen nicht überein

Die Darstellung der Ereignisse durch die Polizei stimmte nicht zur Gänze mit den Medienberichten überein: Hir TV hatte berichtet, dass die Zufluchtssuchenden vermutlich mit Journalisten sprechen wollten. Die Polizei hatte die Flüchtlinge demnach nicht zu den Reportern vorgelassen, weshalb es zu einem Gerangel kam.

Hir TV und die Deutsche Presseagentur nannten Beschwerden der Flüchtlinge über die Enge in dem Lager als Grund für die Unruhen. Auslöser der Klagen war demnach, dass Kinder sich bei Regen im Freien aufhalten müssten. Die Lage habe sich schnell wieder beruhigt, als ein Sprecher der Flüchtlinge auf Arabisch mit den Flüchtlingen sprach, erklärte die Deutsche Presseagentur.

Mehr Grenzkontrollen

Ungarn will die Grenzkontrollen angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen weiter verschärfen. Die Behörden kündigten am Mittwoch an, 2.100 Polizisten an die Grenze zu Serbien zu entsenden, um den Flüchtlingsandrang einzudämmen. Bereits im Bau sind zwei Zäune an der Grenze, von denen das eineinhalb Meter hohe Drahtgeflecht bis Ende des Monats fertiggestellt sein soll.

Die Zahl der täglich nach Ungarn kommenden Flüchtlinge hatte zuletzt neue Rekordwerte erreicht. Allein am Dienstag seien mehr als 2.500 Menschen über die südliche Grenze angekommen, teilte die ungarische Polizei am Mittwoch mit. Das sei der bisher höchste Wert an einem Tag. Am Montag waren es den Angaben zufolge mehr als 2.000 Neuankömmlinge. Der Polizei zufolge stammen die meisten Flüchtlinge aus den Kriegs- und Krisenländern Syrien, Afghanistan und Pakistan.

Die Menschen gehören zu den rund 7.000 Flüchtlingen, die in der vergangenen Woche an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien festsaßen. Mazedonien hatte angesichts des Andrangs den Notstand ausgerufen und die Grenze drei Tage lang geschlossen.

Europaratskommissar rügt Bulgarien und Ungarn

Der Menschenrechtskommissar des Europarats, Nils Muiznieks, hat die Pläne Bulgariens und Ungarns, ihre Grenzen zu Mazedonien und Serbien durch die Armee zu verstärken, kritisiert. Die Grenzen zu militarisieren sei die "falsche Antwort" und "unklug", schrieb Muiznieks via Kurznachrichtendienst Twitter am Mittwochnachmittag. Es sei unbedingt notwendig, eine europäische Antwort zu finden, die Zugang zu Asyl und humane Aufnahmebedingungen sicherstellt, so Muiznieks.

Bereits 100.000 Flüchtlinge in diesem Jahr angekommen

In Ungarn kamen in diesem Jahr bereits rund 100.000 Flüchtlinge an – mehr als doppelt so viele wie im gesamten vergangenen Jahr. Die Zahl der Neuankömmlinge pro Tag stieg von durchschnittlich 150 in der ersten Jahreshälfte auf mehr als 2.000 im August.

An der ungarisch-serbischen Grenze entstehen aufgrund von Zeitknappheit derzeit zwei Zäune. Der vom rechtskonservativen Premier Viktor Orbán angekündigte Fertigstellungstermin für die 175 Kilometer lange und viereinhalb Meter hohe Grenzsperre, der 31. August 2015, kann offenbar nicht eingehalten werden.

Deshalb wird aktuell ein 150 Zentimeter hohes Stacheldrahtgeflecht entlang der Grenze gezogen. Dahinter entsteht die endgültige und weitaus höhere Sperre, die im November fertiggestellt werden soll.

200.000 Migranten in Griechenland angekommen

Mehr als 200.000 Migranten sind nach Angaben aus Athen seit Jahresbeginn auf den griechischen Ostägäisinseln eingetroffen. Davon kamen 100.000 allein in den vergangenen zwei Monaten. Dies teilte am Mittwoch der für die Küstenwache zuständige Minister Thodoris Dritsas im griechischen Fernsehen mit. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) sprach zuletzt von fast 150.000 Flüchtlingen.

Die meisten dieser Menschen kommen anschließend auf das Festland und ziehen gen Norden in Richtung Westeuropa. Wie viele Migranten bereits über die griechisch-mazedonische Grenze gegangen sind, sagte der Minister nicht. (AFP/APA, 26.8.2015)

foto: ap/bela szandelszky

Syrische Flüchtlinge schlüpfen unter einem Stacheldrahtzaun entlang der serbisch-ungarischen Grenze durch. Die Menschen befinden sich rund 180 Kilometer von Budapest entfernt. Viele Menschen versuchen die Grenze auch entlang der Gleise zu überwinden.

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