Verzerrung der Wirklichkeit: Kritik an Pressearbeit der Polizei

26. August 2015, 11:57
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Recherchenetzwerk "Correctiv": Viele Raubüberfälle und Drogenkriminalität, kaum Vergewaltigungen und rassistisch motivierte Gewalt in Aussendungen

Wien – Die Wiener Polizei informiert in Medienmitteilungen auffallend häufig über Handtaschenraub und Drogenkriminalität, jedoch fast nie über Vergewaltigung und rassistisch motivierte Gewalt. Das ergab eine Analyse zweier ORF-Journalistinnen mit Unterstützung des Recherchenetzwerks "Correctiv", für die alle Aussendungen der Landespolizeidirektion Wien der Jahre 2013 und 2014 ausgewertet wurden.

Jeder fünfte Handtaschenraub vermeldet

Rund 200.000 Anzeigen pro Jahr stehen weniger als 2.000 Pressemitteilungen gegenüber. "Das führt unweigerlich zu einer Verzerrung der Wirklichkeit", konstatierten die Autorinnen auf correctiv.org. Die Polizei vermeldete in den beiden Jahren demnach nur jede 43. Vergewaltigung, aber jeden fünften Handtaschenraub.

Keine Berichte über rassistisch motivierte Gewalt

Überhaupt nie standen Fälle von unterlassener Hilfeleistung im Scheinwerferlicht der Polizeipressearbeit. Auch rassistisch motivierte Fälle von Körperverletzung, Drohungen und Beleidigungen kamen nicht vor, aber nahezu jeder Juwelier- und Banküberfall und jeder zweite Taxiraub. Von Angriffen auf Polizisten beziehungsweise Widerstand gegen die Staatsgewalt verschickt die Polizei ebenfalls sehr häufig Pressemitteilungen.

Jeden zweiten Tag Meldung über Suchtgiftdelikte

Die Topthemen in den Aussendungen waren Raubüberfälle, Diebstähle, Delikte gegen Leib und Leben und Einbruchsdiebstähle. Auf Platz sechs fand sich Drogenkriminalität. "Jeden zweiten Tag informierte die Wiener Polizei über Dealer oder Suchtkranke, die sie erwischte", heißt es auf correctiv.org.

Im Vergleich zu Handtaschenraub seien Diebstähle, Einbrüche und Drogenkriminalität jedoch unterrepräsentiert. Angesichts von fast 39.000 Einbrüchen hätte es – nach dem Maßstab der Mitteilungen über Handtaschenraub – fast 8.000 Aussendungen geben müssen, konstatierte "Correctiv". Tatsächlich waren es 232, in denen häufig über ganze Serien berichtet wurde.

Kriminalsoziologe: "Inszenierung als Retter"

"Tatort- und Soko-Kitzbühel-Kriminalität" nennt es der von den Autorinnen befragte Kriminalsoziologe Reinhard Kreissl. Es sei die Art von Kriminalität, bei der sich die Polizei gut als Retter inszenieren könne.

"Die Polizei hat hier die Herrschaft über die Wirklichkeit", wird Kreissl zitiert. Dabei gehe es auch um politische Interessen. "Die Polizei hat es gern, wenn die Gesellschaft ordentlich und sauber ist. Nach dem Motto: Wir sind die Normtreuen, und dann gibt es am Rand der Gesellschaft die Bösen, die Handtaschen rauben und mit Drogen dealen", sagte der Kriminalsoziologe.

Diese Verzerrungen prägten die Gesellschaft. 80 bis 90 Prozent der Medienberichte über Kriminalität beruhten auf Polizeiaussendungen. Praktisch alles, was Normalbürger über Kriminalität wüssten, stamme wiederum aus den Medien, so Kreissl.

Polizei prägt Kriminalitätsbegriff

"Was die Bürger für kriminell halten, ist wesentlich vom Kriminalitätsbegriff der Polizei geprägt", erläutert Kreissl auf correctiv.org. Daraus folgt: Straftaten, die in der Öffentlichkeit weniger präsent sind, werden möglicherweise auch seltener angezeigt.

Wenig Berichterstattung über Vergewaltigungen stütze den Mythos, "dass nur ganz wenige Männer Täter sind, die psychisch gestört oder in einem sexuellen Notstand sind, und dass Vergewaltigungen nur einzelne Frauen betreffen, die sich womöglich unvorsichtig verhalten haben", wird die Sozialarbeiterin Ursula Kussyk in der Studie zitiert. Mehr Berichterstattung wünscht sie sich trotzdem nicht uneingeschränkt: "Besser, es wird wenig berichtet, als so, dass den Opfern die Schuld zugewiesen wird und sie dadurch retraumatisiert werden."

Schutz der Privatsphäre bei Vergewaltigungen

Die Zurückhaltung der Wiener Polizei bei Informationen über Vergewaltigungsfälle erklärt deren Sprecher Johann Golob den Autorinnen der Studie mit dem im Medienerlass des Innenministeriums festgehaltenen Grundsatz, den Schutz der Privatsphäre zu berücksichtigen.

Außerdem: Anders als bei Handtaschenrauben müsse man meistens nicht mehr nach den Verdächtigen fahnden, weil man sie bereits kenne. Auch deshalb werde über Handtaschenraube häufiger berichtet. Fahndungen auf Anordnung der Staatsanwaltschaft müssten zudem immer veröffentlicht werden.

Die vielen Aussendungen über Drogenkriminalität seien der Imagepflege geschuldet, räumt der Sprecher ein. Diese sei ebenfalls im Medienerlass vorgesehen. Da Drogenbesitz meist im Zuge von Personenkontrollen angezeigt werde, liege die Aufklärungsquote bei fast 100 Prozent. Außerdem könne man so zeigen, dass man "im öffentlichen Raum sehr präsent ist", wird Golob zitiert.

Polizei widerspricht Teilen des Berichts

Dass rassistisch motivierte Gewalttaten in den Presseaussendungen fehlen, dementiert der Polizeisprecher. Er nennt einen Vorfall, bei dem ein Mann in einer U-Bahn-Station krankenhausreif geschlagen wurde. Von einem möglichen rassistischen Motiv erfuhr man, so die Studienautorinnen, aus der Pressemitteilung nichts, hier war nur die Rede von einer "verbalen Auseinandersetzung".

Abgesehen davon wurde der Vorfall durch einen Bericht der Zeitung "Österreich" bekannt – die Polizei veröffentlichte erst mehr als einen Monat später eine Fahndung. Auch in mindestens zwei weiteren Fällen von Körperverletzung blieben rassistische Motive in den Aussendungen der Polizei demnach unerwähnt und wurden erst auf Nachfragen von Medien zum Thema.

Kritik auch an Umgang mit Opfern von rassistisch motivierter Gewalt

Rund 45 Fälle von rassistisch motivierter Gewalt wurden dem Verein Zara, der Opfer und Zeugen von Rassismus berät, 2013 und 2014 in Wien gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte weit höher sein, wie es in der Studie heißt. Als Beispiel angeführt wird der Fall eines Arztes, der der Polizei keine Presseaussendung wert gewesen sei: Er sei im August 2014 von einem Mann rassistisch beschimpft, geschlagen, gewürgt und verletzt worden.

Als die Polizei eintraf, habe sie die Anzeige des unter Schock stehenden Mannes nicht aufgenommen, weil er zunächst keine Angaben zu seinen Verletzungen machen konnte. Erst als im Krankenhaus eine Verletzung im Bereich der Halswirbelsäule festgestellt worden sei und der Arzt auf einer Anzeige bestand, sei der Vorfall aufgenommen worden.

Immer wieder komme es vor, dass die Polizei rassistische Motive bei der Befragung nicht erfasse oder Anzeigen mangels Zeugen nicht aufnehme, berichtet die Juristin Dina Malandi, Leiterin der ZaraA-Beratungsstelle, auf correctiv.org. Der Rassismusbegriff der Wiener Polizei sei zu eng. "Wenn die Verdächtigen keiner rechtsextremen Gruppe angehören, ist der Rassismus in den Ermittlungen meist kein Thema mehr", wird Malandi zitiert. (APA, 26.8.2015)

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