Foto am Gipfelkreuz

27. August 2015, 13:21
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Konservieren des Augenblicks

foto: epa / gian ehrenzeller

Pro
von Doris Priesching

Des Wanderers Glück beginnt und endet keineswegs auf dem Gipfel. Lange bevor es im Frühtau zu Berge geht, hebt es an. Nämlich im Tale und da vor dem Rucksack. Das Packen desselben ist ein erfrischendes Erleben von Askese und Ordnung: Es geht um Reduktion.

Das Sich-Zurücknehmen wird ohnedies zu wenig geübt. Also packe ich gewissenhaft ein, prüfe das Gewicht, packe wieder aus, sortiere um, packe ein – und spiele, so nötig, das Ganze noch einmal durch. Jedes Deka muss beweisen, dass es Wert ist, getragen zu werden.

Das ist weder mühsam noch nervig, denn die gepackten Dinge sind mir lieb und teuer. Ich sage nur: Hüttenschlafsack aus Seide! Federleichter Regenschutz! Zwirnhandschuhe!

Emotional besonders nahe ist mir meine kleine Systemkamera. Keine 800 Gramm schwer, macht sie feinste Bilder. Ich steige in Demut und Dankbarkeit um all die schönen Errungenschaften der Freizeitindustrie hoch, lobe mich für meine Umsicht und fotografiere die Aussicht. Das Knipsen oben ist mir freudige Pflicht. Das Leben jetzt? Leicht wie mein Rucksack.

Kontra
von David Rennert

Keine Trophäe lässt die Bergfexbrust üppiger vor Stolz schwellen: Gipfelfotos stellen jede blutige Blase, jede goldene Wandernadel und sogar Grundkenntnisse im Alphornblasen in ihren alpinen Schatten. Aber muss das denn sein?

Sicher, die Beweisfotos, dass man auch wirklich "oben woa", gab es schon zu Zeiten, als noch kein Selfiestick dabei half, den eigenen Grinser gleich mit aufs Bild zu bannen. Die sozialen Netzwerke, in denen man damit protzen konnte, waren aber kleiner, und so erfüllten die Aufnahmen vielleicht eher den Zweck des Andenkens als den des Angebens.

Erklimmt man heute vorfreudig den Gipfel eines Berges und hat das Pech, nicht wenigstens einen Moment lang allein dort zu sein, wird man allzu oft Zeuge jenes Inszenierungswahns, der über alles nur den Maßstab der Profilbildtauglichkeit legt – und dabei ganz auf die Einzigartigkeit des Augenblicks vergisst, die sich niemals konservieren lässt, nicht analog, nicht digital. Das gilt übrigens fürs Bergsteigen im Hochgebirge genauso wie fürs Surfen im Atlantik – und für alles, was dazwischenliegt: das Leben etwa. (Rondo, 28.8.2015)

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