Eine allzu verspielte Geschichte der Spieltheorie

29. August 2015, 12:00
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Neue Veröffentlichung des österreichischen Mathematikers Rudolf Taschner

Der Letzte, der die Spieltheorie wieder prominent ins Gespräch brachte, war der griechische Kurzzeitfinanzminister Yanis Varoufakis. Der Ökonomieprofessor und Spieltheoriespezialist dürfte bei den Verhandlungen mit der EU über die Griechenlandhilfe davon wohl auch praktisch Gebrauch gemacht – sich aber einigermaßen verkalkuliert haben.

Wie gut Varoufakis mit diesem Forschungsbereich vertraut ist, der für Konfliktsituationen rationale, mathematisch berechenbare Entscheidungsmodelle anbietet, zeigte sich freilich auch daran, dass er Ende Mai vom US-Sender CNN zum Ableben von John Nash Jr. interviewt wurde, mit dem Varoufakis persönlich bekannt war.

Der US-Mathematiker hat 1950 das sogenannte Nash-Gleichgewicht ersonnen, ein elementares Lösungskonzept der Spieltheorie, für das er 1994 den Wirtschaftsnobelpreis und 2015 den Abel-Preis erhielt. Dazwischen litt er jahrzehntelang unter Schizophrenie, was einem breiteren Publikum durch den Hollywoodfilm A Beautiful Mind vermittelt wurde.

John Nash – nicht aber Yanis Varoufakis – ist auch einer der zahlreichen Helden im neuen Buch des Wiener Mathematikers und vor allem Mathematikvermittlers Rudolf Taschner, das zumindest dem Untertitel nach eine kurze Geschichte der Spieltheorie sein will. Doch diese Vorgabe wird, um es gleich vorwegzunehmen, leider nur sehr fragmentarisch und verspielt eingelöst: Kaum die Hälfte der rund 250 Seiten von Die Mathematik des Daseins widmet sich dem einflussreichen Ansatz, der weit über die Mathematik und die Ökonomie hinaus groß Karriere machte.

Im ersten Kapitel wähnt man sich noch am richtigen Weg: Taschner erzählt vom Wiener Ökonomen Carl Menger und dessen nicht weniger genialem Sohn Karl, einem Mathematiker, dessen Buch Moral, Wille und Weltgestaltung für den ebenfalls lange in Wien tätigen Wirtschaftswissenschafter Oskar Morgenstern eine Offenbarung war.

Vielfältige Anwendung

Das ist deshalb wichtig, weil Morgenstern wiederum 1944 gemeinsam mit John von Neumann im bahnbrechenden Werk Spieltheorie und wirtschaftliches Verhalten die Grundlagen für den Forschungsansatz gelegt hat, den dann unter anderem John Nash weiterentwickelte. Seitdem fand die Spieltheorie nicht nur in der Politik Anwendung, sondern auch in Fächern wie der Evolutionsbiologie, wo er ebenfalls ganz neue Türen öffnete.

All das hätte einen spannenden Erzählstoff abgegeben. Doch Taschner, der sich auch mit seinem "math.space" als Mathematikpädagoge und -popularisator betätigt, unternimmt zahlreiche aus- und abschweifende Ausflüge zurück ins 17. Jahrhundert, erzählt allerlei mathematische Anekdoten über Blaise Pascal oder Mozart, hält sich beim Roulette ebenso auf wie der Tulpenkrise.

Und auch an unnützem Wissen geizt das Buch nicht: So erfährt der geneigte Leser, dass nur wenige Personen John von Neumann je ohne Anzug und Krawatte gesehen haben und dass der geniale Mathematiker auch stets in dieser Aufmachung ritt. Oder dass Benjamin Franklin den flexiblen Harnkatheter erfand.

Thomas Kramar, Feuilletonchef der Presse, hat Taschner einmal treffend als "Marcel Prawy der Mathematik" bezeichnet. Mit seinem neuen Buch zeigt er indes Züge eines Heinz Prüller der Wissenschaftsgeschichte. (tasch, 26.8.2015)

  • Rudolf Taschner, "Die Mathematik des Daseins. Eine kurze Geschichte der Spieltheorie". € 22,60 / 251 Seiten. Hanser, München 2015
    foto: hanser

    Rudolf Taschner, "Die Mathematik des Daseins. Eine kurze Geschichte der Spieltheorie". € 22,60 / 251 Seiten. Hanser, München 2015

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