Schüttelreime in einer wackeligen Welt

Reportage25. August 2015, 17:54
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Das Wiener Vorstadttheater leistet seit mehr als zwanzig Jahren wichtige integrative Arbeit mit Migranten und für das Wiener Publikum. Derzeit wird eine Collage von Shakespeare-Komödien geprobt

Wien – Dilara Yilmaz, Schülerin des Bundesrealgymnasiums Hegelgasse, spielt seit ihrem elften Lebensjahr Theater. Seit dem Vorjahr ist sie Ensemblemitglied des Wiener Vorstadttheaters – integratives Theater Österreich, das Manfred Michalke 1993 gegründet hat.

Schon Dilaras Mutter hat im Vorstadttheater gespielt, ihr Onkel Recep Bektas ist immer noch dabei und wird gleich als Leonato, Gouverneur von Messina, in "Viel Lärm um nichts" zur Probe antreten. Zuvor quert er noch mit einem verschmitzten Grinsen das Foyer der Volkshochschule Ottakring, um einen Hirtenstab in Sicherheit zu bringen, den er im Wald gefunden. Er wird noch für ein anderes Stück der seit Februar erarbeiteten Shakespeare-Collage als Requisite gebraucht.

"Theater verbindet Menschen, das ist mir an der Arbeit das Wichtigste", sagt Dilara. "Ich möchte den Menschen zeigen, dass es egal ist, ob man hier geboren wurde oder von woanders herkommt, um gemeinsam etwas zu schaffen." David Jarju schließt daran an: "Der Austausch auf der Bühne ist wichtig. Wenn ich ein Wort schlecht ausspreche, dann wollen mir sofort alle helfen. Das passiert auf der Straße eben nicht."

Der 31-jährige Kindergartenpädagoge, in Gambia geboren, lebt seit elf Jahren in Österreich und hat hier zehn Jahre lang auf seinen Asylbescheid gewartet. Über den Verein Ute Bock, wo er zum Schreiben ermutigt wurde, sowie in weiterer Folge über Jacqueline Kornmüllers Theaterarbeit mit Migranten (unter anderem "Die Reise", "Ganymed goes Europe") fand er den Weg ins Vorstadttheater. Hier spielt er nun das erste Mal mit und verleibt sich unter anderen den Herzog Orsino aus "Was ihr wollt" ein. Die Renaissancekostüme stehen schon bereit.

Politischer Auftrag

Das Vorstadttheater leistet seit mehr als zwanzig Jahren wichtige integrative Theaterarbeit, die erst in den vergangenen Jahren auch mit einem politischen Auftrag einhergeht. Die Wiener Brunnenpassage, das Kabelwerk sowie in weiterer Folge das Divercitylab des Werk X tragen in ihren Programmen und mit ihren jeweils unterschiedlichen Ausrichtungen der kulturellen Vielfalt unserer Gesellschaft mehr und mehr Rechnung.

Das Vorstadttheater versteht sich darin als Andockstelle für Menschen unterschiedlicher Herkunft, die sich durch das Theaterspielen kulturell betätigen und in die Gesellschaft einbringen möchten. Das Ensemble ist mit den Jahren enorm gewachsen, so Manfred Michalke.

Erweiterter Kreis der Herkunftsländer

Begonnen hat der Regisseur zunächst mit Bewohnern des Integrationshauses Wien. Durch Mundpropaganda, aber auch durch gezielte Vermittlung von Vereinen (zum Beispiel Nubigena Wolkenkind) hat sich der Kreis der Laienschauspieler erweitert. Äthiopien, Nigeria, Gambia, Eritrea, Serbien, Anatolien heißen die Herkunftsländer unter anderen. Manche Darsteller sind in das österreichische Leben gut integriert, so Michalke, viele auch mit akademischem Niveau, andere sind ganz neu und stehen trotz zehnjährigen Aufenthalts in Österreich ganz am Anfang wie etwa David, der den Journalistenfragen skeptisch begegnet.

"Es gibt nichts Schöneres, als etwas zu erarbeiten und dafür ein Kompliment zu bekommen", so David. "Als Afrikaner muss ich immer gegen die Vorurteile ankämpfen, die durch die Meldungen in den Zeitungen aufgebaut werden. Es freut mich also sehr, wenn ich etwas herzeigen kann, das den Menschen gefällt."

Zum vierten Mal kann das Vorstadttheater im Souterrain der Volkshochschule Ottakring, proben. Der Bezirk zahlt etwas, die Grüne Bildungswerkstatt wird die Abendgagen der öffentlichen Generalprobe übernehmen (jeder bekommt 100 Euro); aber die Premiere von "Shake Shakespeare", einer Collage von Shakespeare-Komödien von Margaretha Neufeld, wird am 19. November in der Sargfabrik in der Goldschlagstraße gefeiert. Unterstützung erfährt das Vorstadttheater vor allem durch das Zurverfügungstellen von Proben- wie Aufführungsräumen: durch das Entgegenkommen der Theaterservice Ges.m.b.H. Art for Art, namentlich Josef Kirchberger, die Bühnenelemente, Requisiten und – im aktuellen Shakespeare-Fall – Renaissancekostüme bereitstellt.

Termin mit der Stadt Wien vereinbart

Personalkosten jenseits fallweiser Erlöse durch den Kartenverkauf (wenn etwas übrig bleibt) können allerdings nicht bezahlt werden. Denn vom Kulturamt der Stadt Wien bekommt das Vorstadttheater vorläufig keine finanzielle Unterstützung. "Es gibt vonseiten des Kuratoriums derzeit keine Empfehlung", so Gerlinde Riedl vom Büro des Kulturstadtrats Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ). Ein Gesprächstermin sei aber bereits vereinbart.

Während Regisseur Michalke während der Proben von der Schönheit und dem lautlichen Potenzial des Vokals "a" schwärmt, den ein Schauspieler noch zu wenig für seinen Auftritt nützt, trainiert Dilara ihre Hüpfeinsätze als streitlustige Beatrice. Wenn die Gruppe in der Aufregung zu hektisch durch die Dialoge galoppiert, fährt der Chef mit einem Zitat Fritz Kortners dazwischen: "Angst vor der Pause ist die Flucht vor dem Ausdruck!"

An anderen Tagen, so erzählt Mladen Slavić, philosophiert der Regisseur über Stanislawskis Schauspieltheorien und darüber, dass man das, was man spielt unbedingt auch fühlen müsse. Slavić, in allen fünf Komödiensketches besetzt, ist Essayist, publizierte in "Literatur und Kritik" und bereitet einen Essayband vor. Der in Zagreb geborene Serbe spielt Theater, weil er als Literat so am besten sehen kann, "wie die Sprache arbeitet".

Darüber hinaus steht, so Slavić, das Vorstadttheater für eine politische Vision: "Es ist ein antirassistischer Akt, wenn man Menschen, die man für Kebabverkäufer und Putzfrauen hält, auf die Bühne stellt". Das muss man der österreichischen Mehrheitsgesellschaft zeigen, findet er.

Am Vertrauen mangelt es unserer Gesellschaft vielleicht am meisten. Im Theater kann man es herstellen, findet David. "Die Inländer wollen mit uns Migranten oft nichts zu tun haben, aber das Theater ermöglicht es, dass ich teilhaben kann, dass ich etwas produzieren kann, das dem Publikum gefällt." (Margarete Affenzeller, 25.8.2015)

  • Dilara Yilmaz, David Jarju und Recep Bektas (v. li.) sind wechselnde Protagonisten in der Shakespeare-Collage "Shake Shakespeare" des Wiener Vorstadttheaters, die derzeit bis November geprobt wird. Premiere ist am 19. 11. 2015 in der Sargfabrik.
    foto: igor ripak

    Dilara Yilmaz, David Jarju und Recep Bektas (v. li.) sind wechselnde Protagonisten in der Shakespeare-Collage "Shake Shakespeare" des Wiener Vorstadttheaters, die derzeit bis November geprobt wird. Premiere ist am 19. 11. 2015 in der Sargfabrik.

  • Die jüngste Generation beim Vorstadttheater: Asmen Bektas (li.) und Pelge Yilmaz fungieren als "Moderatoren" bei der Shakespeare-Collage.
    foto: igor ripak

    Die jüngste Generation beim Vorstadttheater: Asmen Bektas (li.) und Pelge Yilmaz fungieren als "Moderatoren" bei der Shakespeare-Collage.

  • Gründer des Vorstadttheaters: Manfred Michalke.
    foto: heribert corn

    Gründer des Vorstadttheaters: Manfred Michalke.

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