Fortsetzung der Stieg-Larsson-Krimireihe löst Kontroversen aus

26. August 2015, 12:37
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Kritiker sprechen von "Kommerzzirkus"

Lisbeth Salander kehrt zurück: Die rachedurstige Hackerin aus Stieg Larssons "Millennium"-Trilogie ist auch in deren Fortsetzung schwer beschäftigt. Nach 80 Millionen verkauften "Millennium"-Krimis ist der Hype um den vierten Band, mit dem der schwedische Schriftsteller David Lagercrantz das Werk des 2004 verstorbenen Autors fortsetzen will, enorm. Einzelheiten der Intrige, die sich um Geschäfte mit künstlicher Intelligenz rankt und in deren Verlauf weitere Bekannte wie der Journalist Mikael Blomkvist auftauchen, hütet der Verlag wie ein Staatsgeheimnis.

25 Verlage weltweit geben Det som inte dödar oss (etwa: "Was uns nicht umbringt") – der deutsche Titel lautet Verschwörung – zeitgleich am Donnerstag heraus; Vorabberichte versucht der Norstedts-Verlag mit eiserner Hand zu steuern. Seiner Zeitung habe man ein Interview angeboten, aber kein Rezensionsexemplar herausgerückt, berichtete Jes Stein Pedersen, Redakteur der dänischen Tageszeitung Politiken, am Dienstag im Schwedischen Rundfunk.

Laut Verlag darf vor Donnerstag kein Bericht erscheinen; kritische Bemerkungen über Lagercrantz' voriges Werk – eine Biografie des Fußballidols Zlatan Ibrahimovic – hätten zu unterbleiben. "Offenbar hält man uns für Vollidioten", sagt Pedersen. Politiken habe ein Interview daher abgelehnt.

Kritik an "Grabplünderung"

Unterdessen brodelt in Schweden die Debatte über den Umgang mit der Hinterlassenschaft von Larsson, der das Erscheinen seiner Bestseller nicht mehr erlebt hatte, weiter. Die Vereinnahmung seiner Figuren gleiche einer "Grabplünderung", meinen zwei langjährige Freunde des Autors, Anders Lindblom und Svante Brandén (der in der Trilogie als Gerichtspsychiater auftaucht).

In ihrem Gastbeitrag für die Tageszeitung Dagens Nyheter verurteilen die beiden Freunde den "Kommerzzirkus", der vor allem der Gier der Erben geschuldet und ein Hohn gegenüber ihrem Jugendfreund sei, "der unsere völlig kommerzialisierte Gesellschaft verabscheute". Der Erfolg der Trilogie entspringe nicht zuletzt Larssons "Integrität, seiner großen Solidarität mit den Schwachen der Gesellschaft und dem Abscheu vor jeglicher Form von Rechtsextremismus". Niemals hätte er zugelassen, dass jemand anderes mit seinen Figuren neue Bücher schreibe.

Die literarische Hinterlassenschaft und die Einnahmen daraus verwalten als Erben Erland und Joakim Larsson, Vater und Bruder des Autors. Stieg Larssons langjährige Lebensgefährtin Eva Gabrielsson bekam aufgrund einer fehlenden testamentarischen Verfügung keinerlei Rechte zugesprochen – bezeichnend für die "katastrophal schlechte" Verwaltung des Erbes, so die Freunde.

In einer Reaktion der Erben heißt es, man habe Gabrielsson Angebote unterbreitet, die diese aber abgelehnt habe. Zudem gingen die Tantiemen aus dem neuen Buch an die antirassistische Zeitung Expo, deren Chefredakteur Larsson gewesen war. Dies entspreche dem Willen des Autors, der weitere Bücher geplant habe und die Einnahmen aus einem vierten Band just Expo übereignen wollte, betont die Norstedts-Verlagschefin Eva Gedin. Von "Grabplünderung" könne keine Rede sein, schließlich stelle man klar, dass Teil vier ein eigenständiges Werk von Lagercrantz sei.

Düstere Schweden-Visionen

Im Zuge der Neuerscheinung "werden viele neue Leser Stiegs 'Millennium'-Trilogie entdecken", hofft die Verlagschefin. Just daran, sein Werk am Leben zu erhalten, sei dem Verlag gelegen. Während Gedin die Frage, was Stieg Larsson wohl von dem Projekt gehalten hätte, als müßig zurückweist, ist zumindest eines klar:

Mit düsteren Vorahnungen über gesellschaftliche Entwicklungen in seiner Heimat lag Larsson richtig. Wenige Monate vor seinem Tod warnte er in einem Radiointerview vor wachsender Fremdenfeindlichkeit und dem Vormarsch von Parteien wie den rechtspopulistischen Schwedendemokraten: "Diese Parteien haben an einem stubenreinen Image gearbeitet, und sie haben den Erfolg an der Wahlurne im Blick." 2004 verzeichneten die Schwedendemokraten 1,4 Prozent der Wählersympathien. Inzwischen nähern sie sich 20 Prozent. (Anne Rentzsch, 26.8.2015)

David Lagercrantz
Verschwörung
Aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein
Heyne-Verlag, 23,70 Euro
Erscheint am 27. August

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