Gesund werden: Vielfalt gegen Ungleichheit

25. August 2015, 17:40
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Die Gesundheitsgespräche beim Europäischen Forum Alpbach enden mit einem Appell zur Geduld

Alpbach – Sagen wir so: Die Gesundheitsgespräche in Alpbach folgen liebgewordenen Gewohnheiten. Ab neun Uhr vormittags lassen sich die insgesamt 400 Teilnehmer in Vorträgen und Workshops inspirieren, abends wird Tacheles geredet: Die Vertreter der verschiedenen Berufsgruppen machen sich den Fahrplan für 2016 aus. Dann wird gefeiert, und am letzten Tag treffen dann die politisch Verantwortlichen ein.

Das Forum Alpbach will sich ganz unmissverständlich als Entscheidungsplattform positionieren, will Lösungen präsentieren, die am Vortag in mehr als 30 Kleingruppen erarbeitet wurden. Genau mit diesen frischen Ideen wurden Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser und Familienministerin Sophie Karmasin konfrontiert.

Trends gegen Ungleichheit

Mit Trends gegen Ungleichheit sozusagen: allen voran, dass Patientenorganisationen mehr in Entscheidungsprozesse eingebunden werden sollten – in Deutschland ist das seit Jahren etabliert. Zweiter wichtiger Trend: Projekte fördern, die Defizite des Systems abdecken, vor allem deren langfristige Finanzierung, damit sie "nicht von einem Jahr aufs andere abgedreht werden", wie eine Teilnehmerin es formulierte.

Die Ministerinnen nickten. "Kleine Dinge groß werden lassen" sei ein interessanter neuer Ansatz, kommentierte Oberhauser, und umso mehr dann, wenn sie die Defizite ausgleichen. Und ja, sicher, dass bei Lösungen auch Patienten ein Wort mitzureden hätten, sei ebenfalls wichtig.

Was Oberhauser allerdings auch weiß: Die Institutionen im Lande sind schwerfällig und Veränderungen gegenüber wenig bis gar nicht aufgeschlossen. "Es ist ein langer Weg der kleinen Schritte", sagte sie. Im Herbst stehen die Verhandlungen um Primary Health Care, die Versorgungszentren zur Entlastung der Spitalsambulanzen, an. Dort sollen verschiedene Berufsgruppen zusammenarbeiten. Die Ärzte mauern.

Von einem neuen Aktionsplan für die nächsten zehn Jahre – auch eine Forderung des Publikums – hält sie wenig. Aus Erfahrung wüsste sie, wie geduldig Papier in Österreich sein kann. Diejenigen, die schon lange nach Alpbach kommen, nickten und lachten. Familienministerin Sophie Karmasin wünschte sich mehr Sachorientierung. Sie war in den vergangenen Tagen nicht anwesend, denn sonst hätte sie nicht als Lösungsansatz für die vielen sozial motivierten Gesundheitsprobleme Selbstkontrolle und Geduld als weichenstellend genannt.

Gesellschaft macht gesund

Wenn die Teilnehmer der Gesundheitsgespräche in Alpbach eines gelernt haben: Es ist die Gesellschaft, die Gesundheit produziert und für die, die mit den Anforderungen nicht klarkommen, Hilfe stellt. Die Verantwortung auf den Einzelnen zu verlagern, ist kein Weg.

So waren es dann auch jene Veranstaltungen spätabends, die in der gebührenden Klarheit die "Conditio humana" aus der Vogelperspektive betrachteten. Ursula Schmidt-Erfurt, Vizepräsidentin des Europäischen Forum Alpbach, hatte den Psychiater Paulus Hochgatterer, die Genetikerin Renée Schröder und die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz zum Gespräch geladen. Letztere deklinierte dann gleich auch das Wort Ungleichheit und seine Bedeutung: "Es wäre viel besser von Vielfalt zu sprechen, denn in der Geschichte, und dafür gäbe es genügend Beweise, ist es noch nie um Gleichheit gegangen."

Nur wenn die Gleichheit jedes Einzelnen anerkannt würde, könnte Vielfalt überhaupt erlebt werden. Dann schlug Streeruwitz den Bogen zu Europas derzeit brennendstem Problem in Sachen Ungleichheit: nämlich dem Umgang mit Flüchtlingen. "Es ist ein Mangel an Großzügigkeit gegenüber uns selbst, der zu Rassismus führt", sagte sie. Renée Schröder wiederum erklärte den Begriff Epigenetik, also jene Dynamik, mit der sich Umwelt und Lebensbedingungen in unsere DNA einbrennen. Die Hungersnot von 1944 sei für viele Essstörungen der Menschen von heute verantwortlich, dazu gibt es Daten.

Umwelt in unserer DNA

"Wir wissen nicht, wie genau sich die Umwelt in unsere DNA einschreibt, wir wissen nur, dass es so ist", sagte sie, und deshalb sei die Gestaltung einer Gesellschaft eine soziale Verantwortung, die lange über die heute Lebenden hinausreicht. Streeruwitz: "Neue genetische Erkenntnisse ändern die Bedeutung, nicht aber die politische Entscheidungsfindung." Auch nächstes Jahr wird es in Alpbach wieder Gesundheitsgespräche geben. (Karin Pollack, 26.8.2015)

  • Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser (li.), Ursula Schmidt-Erfurt, Vizepräsidentin des Forums Alpbach, Forum-Geschäftsführer Philippe Narval und Pharmig-Geschäftsführer Jan Oliver Huber (re.).
    foto: forum alpbach / luiza puiu

    Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser (li.), Ursula Schmidt-Erfurt, Vizepräsidentin des Forums Alpbach, Forum-Geschäftsführer Philippe Narval und Pharmig-Geschäftsführer Jan Oliver Huber (re.).

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