Regisseur Matteo Garrone: "Wir wollten ein Erstaunen wie beim frühen Kino"

Interview26. August 2015, 05:30
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Matteo Garrone hat mit "Das Märchen der Märchen" einen bilderstarken Film über fantastische Geschichten aus dem Mittelalter gedreht. Der Regisseur über grausame Märchen und greifbare Kreaturen

STANDARD: Wurden Ihnen die Märchen von Giambattista Basile, die Vorlagen für "Das Märchen der Märchen", schon vorgelesen, als Sie ein Kind waren?

Garrone: Nein, das war nicht der Fall. Erst vor vier oder fünf Jahren hat mir ein befreundeter Maler von Basile erzählt. Ich habe mich sofort in diese Erzählweise verliebt und daraufhin beschlossen, mich in ein Genre zu stürzen, mit dem ich noch nichts zu tun hatte.

STANDARD: Werden diese Märchen überhaupt Kindern vorgelesen – oder werden sie dafür als zu grausam eingestuft?

Garrone: Als die Märchen im 16. Jahrhundert geschrieben wurden, richteten sie sich eher an erwachsenes Publikum. Allerdings wurde damals nicht so ein Unterschied gemacht zwischen Erwachsenen und Kindern. Zudem spiegeln die Geschichten die Grausamkeit der Zeit – sie kommen ja aus dem Mittelalter. Spätere Märchensammler wie Hans Christian Andersen, die Gebrüder Grimm und Charles Perrault haben Motive davon aufgegriffen, sie aber kindgerecht abgewandelt.

STANDARD: Waren es die Gewalttätigkeit und das Fantastische, was Sie nun fasziniert hat?

Garrone: Vor allem war es die Originalität der Geschichten. Ebenso sah ich die Möglichkeiten, die sich daraus für eine visuelle Umsetzung ergaben. Vergessen Sie nicht: Ich habe an der Kunstakademie in Rom studiert und habe als Maler gearbeitet, bevor ich anfing, Filme zu machen. Zudem werden bei Basile Themen angesprochen, die auch heute noch eine große Aktualität besitzen. Es geht um große Gefühle, die ins Extreme getrieben werden, um Verlangen und Leidenschaft ...

STANDARD: Wie schwierig war der Weg von den ursprünglichen Märchen zum Drehbuch?

Garrone: Die Struktur der Geschichten bietet sich eigentlich für ein Drehbuch an, denn es gibt immer eine vorwärtstreibende Handlung. Das größte Problem war vielmehr, aus den fünfzig Geschichten auszuwählen. Wir haben uns dann für drei Geschichten mit Frauen in verschiedenen Lebensaltern entschieden.

STANDARD: Ihre früheren Filme, besonders "Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra", Ihr bekanntester, bezogen ihre Stoffe aus der Wirklichkeit, die dann aber in den Filmen überhöht dargestellt wurde. Hier ist es in gewisser Weise umgekehrt. Eine ganz andere Arbeitsweise?

Garrone: Ja, ausgehend von einem fantastischen Stoff haben wir nun versucht, diesen realer zu machen: greifbarer, erlebbarer, damit er auch glaubhafter wird. Insofern haben wir die fantastischen Elemente der Vorlagen ein Stück weit zurückgenommen. Bei Gomorrha war der Ausgangspunkt die krude Realität im Süden Italiens, die wir märchenhaft überhöht haben. Unter dem Strich aber würde ich sagen: Im Hinblick auf das, was die Filme über Menschen aussagen, stelle ich nicht einen so großen Unterschied fest. In beiden Filmen geht es darum, dass Menschen um ihr Leben kämpfen und ihren Leidenschaften nachgehen.

STANDARD: War die Modernität der Themen, die sich in Basiles Märchen entdecken lässt, etwa der weibliche Schönheitswahn, etwas, das bei Ihrer Wahl dieses Stoffes Ausschlag gab?

Garrone: Die Geschichte der beiden alten Frauen war ein entscheidender Anstoß für mich, denn das ist eine der schönsten Geschichten, die ich je gelesen habe. Nicht nur die Figuren haben mich fasziniert, sondern auch die Ironie – eine Geschichte über Facelifting aus dem 17. Jahrhundert liest man schließlich nicht alle Tage.

STANDARD: Ihre Kreaturen haben etwas Handgemachtes, sie sind keine Geschöpfe aus dem Computer, was heute ja der gängige Weg ist.

Garrone: Das wollten wir von Anfang an. In Zusammenarbeit mit unserem Ausstatter Dimitri Capuani versuchten wir, dem Film etwa Greifbares geben. Die Spezialeffekte sollten sich nie verselbstständigen.

STANDARD: Das machte es auch einfacher für die Schauspieler, die nicht vor Greenscreen agieren mussten, nicht wahr?

Garrone: Richtig, aber entscheidend war für uns doch das Taktile. Wir wollten einen handwerklichen Look haben, mit dem wir uns auf die Anfänge des Kinos beziehen, die beim Zuschauer Erstaunen auslösten.

STANDARD: Dies ist Ihr erster Film in englischer Sprache...

Garrone: Ich bin der Auffassung, Englisch hat den Geschichten von Basile keinen Abbruch getan. Im Original sind die Texte übrigens im neapolitanischen Dialekt gehalten, den würde heute niemand verstehen. Dies sind – wie jemand einmal gesagt hat – die Geschichten eines deformierten Shakespeare aus Neapel. Dazu passt Englisch doch! Zudem beschädigt es nicht die Kraft der Bilder. Und wir haben uns ja während des gesamten Drehs in Italien aufgehalten.

STANDARD: Nach dem Erfolg von "Gomorrha" haben Sie vermutlich auch Angebote aus Hollywood bekommen. Stattdessen haben Sie Ihren Nachfolgefilm "Reality" 2012 wieder in Italien inszeniert.

Garrone: Immer, wenn man mit einem Film Erfolg hat, möchten die Geldgeber, dass man dasselbe noch einmal macht. Ich möchte mich aber neuen Herausforderungen stellen. Für Das Märchen der Märchen mussten die Geldgeber in mein Land kommen statt umgekehrt.

STANDARD:: Die Schauspieler mussten aber nicht ihre Komfortzone verlassen? Dem Nachspann kann man jedenfalls entnehmen, dass John C. Reilly gleich zwei Assistenten hatte.

Garrone: Mir hat er gesagt, der Film war für ihn wie ein Urlaub – kein Wunder, schließlich haben wir an lauter schönen Plätzen gedreht. (Frank Arnold, 26.8.2015)

Matteo Garrone (46), geboren in Rom, wurde dem Publikum mit dem mehrfach prämierten Mafia-Drama "Gomorrha" bekannt. 2012 realisierte er das Big-Brother-Drama "Reality".

Ab Freitag im Kino

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