Die Geschichte der fabelhaften Ritchie Boys

28. August 2015, 05:30
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Mehr als 2.500 Flüchtlinge aus Nazideutschland wurden in einem US-Camp in psychologischer Kriegsführung ausgebildet

Graz – Unter den Ausbildungslagern der U.S. Army, in denen Rekruten auf den Krieg gegen Hitlerdeutschland vorbereitet wurden, war Camp Ritchie wohl das ungewöhnlichste. Da wurde diskutiert statt kommandiert, geschrieben statt geschossen, und für die Verpflegung sorgte der ehemalige Chefkoch des New Yorker Nobelhotels Waldorf Astoria. Nicht gerade klassische Rahmenbedingungen für eine militärische Ausbildungsstätte – aber schließlich waren auch die Camp-Insassen alles andere als typische Rekruten.

Mehr als 15.000 Männer wurden in Camp Ritchie in nachrichtendienstlicher Tätigkeit und psychologischer Kriegsführung ausgebildet – zwischen 2500 und 3000 von ihnen waren deutsche und österreichische Juden und Antifaschisten, die sich ins amerikanische Exil hatten retten können. Ihre Aufgabe war es primär, die militärischen Pläne des NS-Regimes sowie die psychische und physische Verfassung der deutschen Soldaten zu erkunden und deren Widerstandsgeist zu brechen. Dafür brauchte man zum einen sprachkundige, intelligente "Verhöroffiziere", die aus den Zigtausenden deutschen Kriegsgefangenen relevante Informationen herausholen konnten.

Um den Kriegsgegner zu demoralisieren, war man zum anderen auch auf geschickte Propagandaschreiber mit Einblick in die "deutsche Seele" angewiesen. Da die U.S. Army schon ab 1938 Personalakten angelegt hatte, die auf IBM-Stechlochkarten auch die Ausbildung, Fähigkeiten und (Sprach-)Kenntnisse der Rekruten vermerkten, fand man rasch die geeigneten Leute.

Kreativlabor errichtet

So kam es, dass sich in Camp Ritchie ein Großteil der Exil-Intelligenz Mitteleuropas einfand. Unter den ausgewählten Rekruten waren linksliberale Schriftsteller, unabhängige Journalisten, Juristen, Politiker, Schauspieler, Künstler etc. – also überdurchschnittlich viele kritische Geister, die man schwer in ein militärisches Korsett hätte zwingen können. Das war dem US-Kriegsministerium durchaus bewusst. Um die kriegswichtigen Fähigkeiten dieser Männer dennoch zu kanalisieren und für die eigenen Ziele zu nutzen, forderte man ihnen also nicht die übliche militärische Disziplin ab, sondern schuf mit Camp Ritchie ein Kreativlabor in den Blue Ridge Mountains von Maryland.

Die Absolventen dieses "Military Intelligence Training Center" (MITC) gingen als "Ritchie Boys" in die amerikanische Populärkultur ein. Das für ein Army-Ausbildungslager ausgesprochen anregende Leben in dieser idyllisch gelegenen PR- und Informationswerkstatt im Kriegsdienst wurde in zahllosen Autobiografien begeistert beschrieben. Die Forschung hat sich mit diesem speziellen Camp und seinen zum Teil berühmt gewordenen Rekruten bisher jedoch noch kaum beschäftigt. In einem vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank und dem Zukunftsfonds der Republik Österreich finanzierten und vom Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS) unter Leitung von Siegfried Beer durchgeführten Forschungsprojekt werden nun erstmals die aus Österreich stammenden Ritchie Boys und ihre Rolle im Zweiten Weltkrieg genauer untersucht.

Verhöre der Gefangenen

"An die 700 Österreicher haben Camp Ritchie durchlaufen", berichtet Projektmitarbeiter Florian Traussnig. "Darunter waren auch zahlreiche Prominente wie Georg Kreisler oder Marcel Prawy." Die Aufgaben der Absolventen umfassten nach der Landung in der Normandie im Juni 1944 vor allem das Verhören deutscher Kriegsgefangener sowie die Auswertung von Luftbildern und konfiszierten Dokumenten.

In einem Nebencamp von Ritchie, dem Camp Sharpe, wurden die Propagandaleute ausgebildet. Sie hatten Flugblätter zu verfassen, die man von Flugzeugen abwarf, um die deutschen Soldaten zur Aufgabe zu motivieren. Im späteren Kriegseinsatz in Europa wurden auch Radiosendungen mit Kabarettprogrammen produziert.

Unter den Radiomachern war etwa der Wiener Schauspieler und Kabarettist Manfred Inger alias Fred Lorenz. Er wurde nach der Landung in der Normandie als Radiosprecher in verschiedenen Propagandaabteilungen der US-Army und des Kriegsgeheimdiensts OSS eingesetzt, unter anderem beim Schwarzsender 1212, der sich seinen Hörern als deutsche Rundfunkstation aus dem inneren Machtbereich verkaufte und strategische Falschinformationen verbreitete. Diese "Feindpropaganda" war aufgrund der laufend aus den Verhören deutscher Gefangener gewonnenen Informationen durchaus realitätsnah, was ihren Erfolg vermutlich erhöhte. Mastermind der Propagandatruppe war der später ebenso bekannte wie umstrittene österreichische Journalist und Schriftsteller Hans Habe, der nach dem Krieg wesentlich am Aufbau der neuen demokratischen Presselandschaft mitwirkte.

Rund 300 österreichische Ritchie Boys haben die Grazer Forscher bereits unter die Lupe genommen: "Die 'Personal History'-Dateikarten der MITC-Absolventen sind für uns eine biografische Schatzkiste", freut sich einer der Projektmitarbeiter, Robert Lackner. "Man findet darin erstaunlich viele Details." So erfährt man aufgrund dieser und anderer Quellen etwa von Marcel Prawy, dass er zwar einen Verhöroffiziergrundkurs absolviert hatte, danach aufgrund besserer Eignung aber als Truppenunterhalter eingesetzt wurde.

"Amerika als multikulturelle Gesellschaft hat es damals sehr geschickt verstanden, Immigranten mit ihren Sprachkenntnissen und ihrem Wissen über fremde Kulturen und Mentalitäten für das eigene Land zu nutzen", so Lackner. Auch die Flüchtlinge haben von dieser Kooperation profitiert, die sich letztlich als "Integrationsmotor" erwiesen habe. Zusammen mit der sozialen Durchlässigkeit der damaligen amerikanischen Gesellschaft und der Vergabe von Stipendien an Kriegsveteranen vollzog sich die Amerikanisierung der Ritchie Boys in kürzester Zeit. Viele von ihnen blieben in den USA und machten Karriere. So auch der 1939 aus Wien geflohene jüdische "Ritchie Boy" Alfred Diamant, der dank dieses Systems seinen Traum vom Geschichtestudium verwirklichen konnte und zum renommierten Politik- und Kulturwissenschafter wurde. (Doris Griesser, 26.8.2015)

  • Die "Ritchie Boys" lernten, sich im Feindesland zu orientieren – zum Beispiel mithilfe dieser didaktischen Illustration. Wissenschafter untersuchen nun, welche Rolle diese Männer im Kampf gegen den Nationalsozialismus spielten.
    foto: us national archives

    Die "Ritchie Boys" lernten, sich im Feindesland zu orientieren – zum Beispiel mithilfe dieser didaktischen Illustration. Wissenschafter untersuchen nun, welche Rolle diese Männer im Kampf gegen den Nationalsozialismus spielten.

  • Marcel Prawy, später "Opernführer", war auch im Camp.
    foto: picturedesk.com

    Marcel Prawy, später "Opernführer", war auch im Camp.

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