Kalifornien setzt auf Null-Emissionen-Autos

26. August 2015, 12:39
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Ab 2030 sollen in dem US-Staat keine Autos mehr verkauft werden, die Abgase ausstoßen. Ein Experte zweifelt an der Umsetzbarkeit

Sacramento/Wien – Kaliforniens Gouverneur Jerry Brown blies heuer angesichts der dramatischen Dürre zur breit angelegten Klimaschutzoffensive. Bis 2030 sollen die C02-Emissionen im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent gekappt werden.

In seinem Windschatten legt Mary Nichols, die Chefin von Kaliforniens Luftreinhaltungskommission Air Resources Board, ein Schäuferl nach. Geht es nach der mächtigen 70-Jährigen, soll ab 2030 im US-Bundesstaat praktisch kein Auto mehr verkauft werden, das irgendwelche Abgase ausstößt. 2050 sollten Verbrennungsmotoren überhaupt von den Straßen verschwunden sein.

"Wenn wir unser Transportsystem auf erdölfrei umstellen wollen, müssen wir die Leute an eine Welt mit null Emissionen gewöhnen", erklärt sie Bloomberg. Nichols gilt als treibende Kraft in Sachen Elektroantriebe. Dass E-Auto-Hersteller Tesla von Kalifornien aus die Welt erobern kann, verdankt sich auch den großzügigen Steuervergünstigungen der Regierung, die sich mit Obamas Ziel, USA-weit per Gesetz den Spritverbrauch bis 2025 auf 4,3 Liter zu halbieren, ergänzen.

Nicht päpstlicher als der Papst

Päpstlicher als der Papst sind die Amerikaner allerdings nicht. SUVs (Sport Utility Vehicles) und Light Trucks sind von allzu strengen Vorgaben ausgenommen – und werden dies wohl bleiben. Sie machen aber derzeit mehr als 50 Prozent der Verkäufe aus. Ob es überhaupt bei den Vorgaben bleibt, hängt auch vom Ausgang der Wahlen ab. Obamas republikanischer Herausforderer Mitt Romney hat sich auf die Fahnen geschrieben, das Gesetz rückgängig machen zu wollen. Das kalifornische Parlament widmet sich im Herbst der Null-Emissionen-Frage.

Neu sind die strikten Vorgaben in Sachen Umweltfreundlichkeit im lange smoggeplagten Bundesstaat nicht. Seit Jahrzehnten sind die Auflagen für die Autobauer besonders rigid. Das Air Resources Board schreibt den Herstellern vor, einen bestimmten Anteil von emissionsfreien Autos – Zero Emission Vehicles (ZEV) – anzubieten: Nach derzeitigem Stand soll 2025 die Quote 22 Prozent am Verkauf erreicht werden.

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen hält Nichols' Ziele für zu ehrgeizig – auch wenn der California Air Board eine mächtige Organisation sei. Selbst wenn Nichols erfolgreich wäre, hapere es an der Infrastruktur, wendet Dudenhöffer ein. "ZEV wird nur mit reinen Elektroautos realisiert. Plug-in-Hybride sind Mogelpackungen. E-Autos können dann mit Batteriespeicher oder mit Wasserstoff eingesetzt werden. Also fehlen die Wasserstofftanksäulen und die Elektroladesäulen."

Billiger Sprit

Darüber hinaus macht der Sprit, der in den USA wesentlich billiger ist als in Europa, einen Strich durch die Ökorechnung. Dudenhöffer sieht beim aktuellen Preisniveau – in den USA kostet Benzin umgerechnet 0,60 Euro je Liter – eher den Trend zu großen Spritschluckern gehen.

Für die Autobauer ist die geplante Direktive eine Herausforderung. Kalifornien ist immerhin der größte Automarkt in den USA. Die Hersteller müssen also entscheiden, ob sie dort spezielle Elektro- oder Wasserstoffmodelle anbieten, Strafen in Kauf nehmen oder ihre Modelle aufrüsten.

Ähnlich wie bei der EU-Verordnung über den maximalen CO2-Ausstoß je Kilometer fallen auch in den USA Strafen an, wenn der Durchschnittsverbrauch der jährlich produzierten Flotte über dem vorgeschriebenen Schnitt liegt.

Fiat-Chrysler hat – glaubt man Fiat-Chef Sergio Marchionne – mit seinem Quoten-E-Fiat 500 wenig Freude. Ein Verlustbringer sei er, sagte Marchionne im Vorjahr über das in den USA unter dem Motto "Eco-Chic" vermarktete Gefährt: "Ich hoffe, Sie kaufen dieses Auto nicht." Die Zahl der verfügbaren Modelle und die Preise bleiben eine Unwägbarkeit, urteilt Dudenhöffer: "Der Toyota-Brennstoffzellenantrieb bleibt mit Kosten von 50.000 Euro für ein Auto der Golf-Kategorie wenig kundenfreundlich, und ich gehe nicht davon aus, dass Toyota ihn bis 2030 auf 20.000 Euro senken kann." All das macht Dudenhöffer ziemlich sicher, dass die Nachfrage – ähnlich wie in Europa – klein bleibt. Dass Nichols das Thema vorantreibt, findet er dennoch gut: "Wir brauchen Mary, denn nur dann kommt Bewegung in die Debatte." (Regina Bruckner, 26.8.2015)

  • Viel Verkehr in Kaliforniens Hauptstadt. Ab 2030 soll sich die Zahl der Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren rapide verringern.
    foto: ap/pedroncellic

    Viel Verkehr in Kaliforniens Hauptstadt. Ab 2030 soll sich die Zahl der Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren rapide verringern.

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