Flüchtling in Mazedonien: "Wir waren drei Tage im Dschungel"

26. August 2015, 09:02
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An der griechisch-mazedonischen Grenze gibt es viel zu wenige Flüchtlingshelfer und viel Angst vor der Polizei

Gevgelija – Auf den Gleisen tauchen immer neue und wieder neue Menschen auf. Männer mit Babys an der Brust. Frauen in langen Kleidern. Ein Bub trägt eine riesige Wasserflasche, während er über die Schwellen stolpert. Sein Vater ruft nach ihm, damit er weitergeht und sich nicht setzt. Die Flüchtlinge haben etwa zwei Kilometer bis zum Bahnhof, hinüber nach Mazedonien, nach Gevgelija, der ersten Station in Richtung Europa, wie die Leute hier sagen.

Die weißen Steine zwischen den Holzschwellen der Geleise sind groß und spitz. So spitz, dass Ahmed jetzt nicht mehr laufen kann. Seine Füße sind rot. Der Dreieinhalbjährige hat schon seit Tagen keine Schuhe mehr, irgendwo unterwegs in der Eile hat er sie abgestreift. Seine Mutter und deren Bruder können ihn auch nicht mehr tragen. Der Schweiß steht auf ihren Gesichtern.

"Wir waren drei Tage da drüben im Dschungel", erzählt Khwala, seine Mutter. "Die Polizei hat uns drei Tage festgehalten." Sie schliefen wie die anderen Familien auf einem Feld, auf Pappendeckeln. Khwalas kleiner Bruder Ibrahem, vielleicht 17 Jahre alt, deutet auf seinen Kopf und seine Nase. Das Blut sei ihm aus den Nasenlöchern geflossen, als die Polizei das Tränengas verwendet habe, der Schädel habe geschmerzt, als die Schüsse fielen, erklärt die Schwester seine Handbewegungen.

Über Kinder gerannt

Ahmed und seiner Schwester, der viereinhalbjährigen Khadeja, schmerzt der Rücken. Denn als die Flüchtlinge begannen, gegen die Schilde und Körper der Polizisten zu drücken, bis diese nachgaben, sind die beiden Kinder in der ersten Reihe gestanden. Die Menschen dahinter liefen einfach über die auf den Boden gefallenen Kinder hinweg. Die Familie aus dem syrischen Latakia am Mittelmeer hat es dennoch hierher auf den Bahnhof geschafft. Aber sie ist gezeichnet. Die Bilder aus Gevgelija von martialischen Sicherheitskräften, Panzern mit den Gewehren darauf, die sich gegen die Flüchtlinge richteten, gingen um die Welt.

Auf den Gleisen geht etwa ein hochgewachsener Afghane, an seiner Schulter lehnt seine Tochter, vielleicht ein Jahr alt. Er schiebt das T-Shirt von seiner Schulter. Die dunklen Flecken von den Schlagstöcken sind unübersehbar. "Es waren zu viele Leute da", erzählt er. "Die Polizisten haben uns geprügelt, damit wir weiter nach hinten gehen." Der Mann will aber vergessen. "Europa ist gut", sagt er. "Jetzt wird alles gut."

Die Frauen, die daneben auf den Holzschwellen sitzen, verstehen nicht, weshalb die mazedonische Polizei so verärgert ist. "Wir haben doch überhaupt nichts getan. Wir wollten ja nur durch das Land reisen." Die Frauen schreiben die Namen ihrer Söhne auf einen Notizblock. "Die sind da noch drüben hinter dem Stacheldraht. Bitte können Sie dafür sorgen, dass sie da rauskommen!" Muhammad Yasem, Naima Bibi, Gusom, Mina Gul, Mastafa, Rafd Abdstar, Ailasater, Nassrennasf, Balalbasas steht auf meinem Notizblock.

Chaos in Gevgelija

Es herrscht seit Monaten Chaos in Gevgelija. Es gibt zu wenige Informationen, zu wenige Helfer, zu wenig Schatten und zu viele Spannungen. Immerhin wird jetzt eine Unterkunft für Familien gebaut, die versorgt werden müssen. 160 Personen sollen hier vorübergehend unterkommen, etwa schwangere Frauen und Kleinkinder. Daneben baut das Rote Kreuz auch eine Station, um Kranke zu versorgen. Das Team des UN-Flüchtlingshilfswerks in Skopje soll aufgestockt werden. Zurzeit sind vier Leute vor Ort. Es müssten mindestens zehnmal so viele sein, damit die Flüchtlinge die notwendigste Orientierung bekommen können.

Raschere Registrierungen

Mittlerweile hat das mazedonische Innenministerium zugestimmt, mehr Beamte nach Gevgelija zu schicken, um die Registrierungen vorzunehmen. Ohne Registrierung – eine Erklärung, um Asyl ansuchen zu wollen – kommt man heute nicht mehr von hier weg. Kein Taxi, kein Zug, kein Bus ist bereit, Leute ohne Registrierung mitzunehmen. Doch nicht alle bekommen eine solche.

Es gibt mazedonische Beamte, die sich weigern, arabische Personalausweise als Grundlage anzuerkennen. "Wir können kein Arabisch", sagen sie zu den Flüchtlingen. Man müsste in dieser Situation einfach seinen Namen in lateinischen Buchstaben auf einen Zettel schreiben. Doch das sagt den Flüchtlingen kaum jemand. Immerhin hat das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR erreicht, dass die Beamten eine Software und Computer bekommen, damit die Registrierungen schneller durchgeführt werden können. Und es hat sechs Toiletten aufstellen lassen. (Adelheid Wölfl, 26.8.2015)

  • An der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien: zwei Kilometer über die Schwellen der Gleise und spitze Steine.
    foto: wölfl

    An der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien: zwei Kilometer über die Schwellen der Gleise und spitze Steine.

  • Der Weg zum Bahnhof von Gevgelija führt über die Bahngleise.
    foto: wölfl

    Der Weg zum Bahnhof von Gevgelija führt über die Bahngleise.

  • Syrische Flüchtlingsfamilie aus Latakia: Ibrahem (links) bekam vom Tränengas Nasenbluten. Mustafa, seine Frau Khwala und die Kinder Khadeja und Ahmed wurden drei Tage von der mazedonischen Polizei aufgehalten.
    foto: wölfl

    Syrische Flüchtlingsfamilie aus Latakia: Ibrahem (links) bekam vom Tränengas Nasenbluten. Mustafa, seine Frau Khwala und die Kinder Khadeja und Ahmed wurden drei Tage von der mazedonischen Polizei aufgehalten.

  • Ein afghanischer Flüchtling zeigt die Blessuren, die von den Schlagstöcken der Polizisten stammen.
    foto: wölfl

    Ein afghanischer Flüchtling zeigt die Blessuren, die von den Schlagstöcken der Polizisten stammen.

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