Der deutsche Staat exportiert sich reich

25. August 2015, 17:27
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Deutschland erzielt einen so hohen Budgetüberschuss wie zuletzt im Jahr 2000. Grund dafür ist der starke Außenhandel

Berlin/Wien – Während der Motor der Weltwirtschaft in China erlahmt, verzeichnet Deutschland einen Rekord-Budgetüberschuss. Im ersten Halbjahr 2015 haben Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherung um 21,1 Milliarden Euro mehr eingenommen, als sie ausgegeben haben. Das ist der höchste Überschuss seit 15 Jahren. Insgesamt ist die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal um 0,4 Prozent gewachsen.

Dabei hat die größte Volkswirtschaft der Eurozone besonders von den niedrigen Zinsen und dem schwachen Euro profitiert: Die Exporte konnten um 2,2 Prozent gesteigert werden, während die Importe nur um 0,8 Prozent wuchsen. Damit war der Außenhandel der größte Wachstumsfaktor im ersten Halbjahr. Der exportierende Sektor ist für die deutsche Wirtschaft wichtig, da die Konsumausgaben der Deutschen nur geringfügig stiegen – und die Investitionen praktisch stagnierten. Der starke Außenhandel sorgt derzeit für ein Beschäftigungshoch. Die Steuereinnahmen des Staates kletterten im Berichtszeitraum um 3,7 Prozent auf 662 Milliarden Euro.

Gutes Geschäftsklima

Die gewerbliche Wirtschaft hat das Geschäftsklima im August besonders gut bewertet. Der vom Münchner ifo-Institut herausgegebene Geschäftsklimaindex, für dessen Erstellung monatlich rund 7000 Firmen befragt werden, stieg im Vergleich zum Vormonat leicht an. Besonders der Einzelhandel und das Bauhauptgewerbe schätzen die aktuelle Lage sehr günstig ein – und erwarten sich eine weitere Verbesserung des Geschäftsklimas. Für Experten kam der Anstieg überraschend. Sie hatten mit einem Rückgang gerechnet. Denn dem Geschäftsklimaindex widerspricht das Investitionsniveau.

Bei vielen Firmen herrschte Vorsicht: Die Ausgaben für Fahrzeuge, Maschinen und andere Investitionsgüter stiegen im zweiten Quartal nur um 0,1 Prozent. "Die Unternehmen investieren nicht so, wie sie eigentlich sollten", sagte Analystin Ulrike Kastens. Für sie ist nicht der niedrige Zins entscheidend, sondern die Entwicklung der Absatzmärkte. "Hier gibt es größere Fragezeichen, wie gerade die Entwicklung in China und anderen großen Schwellenländern zeigt." Sollten die Wachstumsprognosen für China nach unten korrigiert werden, könnte das Investitionsklima in Deutschland weiter leiden.

China-Auswirkungen noch unsicher

Mögliche Auswirkungen der Entwicklungen in China kann man aus den Halbjahresdaten der deutschen Wirtschaft noch nicht herauslesen. Der französische Wirtschaftsminister Emmanuel Macron erwartet, dass die deutsche Wirtschaft aufgrund des hohen Exportanteils stärker von der China-Krise betroffen sein wird als etwa Frankreich.

Die Bundesregierung sieht indes keinen Grund, die Wachstumsziele von 1,8 Prozent für 2015 aufgrund der Entwicklungen in China zu revidieren. "Wir gehen nicht davon aus, dass sich die Konjunktur bei uns deshalb eintrübt", heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. Maßgeblich für den Aufschwung in Deutschland seien die steigende Beschäftigung und der private Konsum.

Notfalls könnte die Bundesregierung die Milliarden aus dem Haushaltsüberschuss einsetzen, um die Exportausfälle zu kompensieren, meinten Experten. (APA, Reuters, luis)

  • Die deutsche Wirtschaft wuchs im ersten Halbjahr auch aufgrund starker Exporte. Die China-Krise könnte das ändern.
    foto: ap/rietschel

    Die deutsche Wirtschaft wuchs im ersten Halbjahr auch aufgrund starker Exporte. Die China-Krise könnte das ändern.

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