Gesundheitssystem: Denn sie wissen, was sie nicht tun

24. August 2015, 19:06
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Wenn das Geld im Gesundheitssystem knapp wird, greift die Marktwirtschaft

Alpbach – Es ist jedes Jahr wieder ein Almauftrieb: Österreichs Gesundheitsbranche aus allen Bereichen versammelt sich, um über das große Ganze nachzudenken. Dieses Jahr ist die Idylle des beschaulichen Bergdorfs durch eine riesige Baugrube gestört.

Ungleichheit ist das Generalthema. Je größer die Kluft zwischen Arm und Reich, umso schlechter steht es um die Gesundheit und Vitalität einer Gesellschaft. Darüber sind sich alle Anwesenden einig. Konkret entscheidet die soziale Zugehörigkeit über Bildung, Gesundheit und Lebensqualität. 23 Prozent der Kinder sind in Österreich armutsgefährdet, sechs Prozent leben in Armut.

In Zeiten ökonomischer Angespanntheit und wirtschaftlicher Krisen ist allerdings auch die zwischenmenschliche Solidarität in Gefahr. "Warum sollte ich jemanden, der raucht und ungesund isst, unterstützen?", fragte eine Teilnehmerin aus dem Publikum recht forsch und gab preis, was viele denken: Für die Gesundheit ist jeder selbst verantwortlich. Mitnichten: "Sagen Sie doch einmal einer depressiven Mutter, dass sie selbst an ihrem Schicksal schuld ist, auf einer persönlichen Ebene würde das niemand schaffen, es ist unethisch, aber im allgemeinen Diskurs passiert genau das", sagte Michael Marmot, Epidemiologe und seit mehr als 40 Jahren Experte für Public Health. Er kennt die Determinanten für öffentliche Gesundheit.

Marktwirtschaftliche Mechanismen

"Es besteht gar kein Zweifel, dass Kindergesundheit ein zentrales Anliegen einer Gesellschaft sein muss." Was zählt, sind Unterstützung, Bildung und Wohnung. Das Gesundheitssystem fange immer nur die Defizite einer Gesellschaft auf, ist er überzeugt. Was Marmot noch sagte: "Wir wissen ganz genau, wo die Politik ansetzen muss, es ist lediglich eine Frage, sich als politisch Verantwortliche dafür zu entscheiden", betonte er und meinte Finanz, Familie und Bildung. Das Publikum nickte verständig.

Tatsächlich ist das, wozu der Mangel an Geld im öffentlichen Gesundheitssystem führt, jedoch eine Verschiebung. Wenn öffentliche Insitutionen nicht mehr den Bedarf erfüllen können, treten marktwirtschaftliche Mechanismen in Kraft. "Wir können nicht klagen", meinte Walter Ebm, Chef der Wiener Privatklinik-Holding, der in seinem Verständnis das überforderte System entlastet. Wer zusatzversichert ist, muss auf Operationen nicht warten.

Ungleichheit nimmt zu

Klar ist auch, dass die von der Politik stets verneinte Zweiklassenmedizin längst Realität ist. "Die Ungleichheit in der Bevölkerung nimmt auf verschiedenen Kanälen zu", sagte Andrea Fried von der Plattform für Patientensicherheit und spricht von einer Sechsklassenmedizin: Es gibt unterschiedliche Krankenkassen, die unterschiedliche Leistungen bezahlen, es gibt Zusatzversicherte und Patienten, die sich Behandlungen einfach aus der eigenen Tasche bezahlen.

Dann gibt es jene Patienten, die einen Arzt kennen ("eine in Österreich überaus beliebte Variante"), und schließlich jene, die sich gar keine Versicherung leisten können. Ob eine Behandlung mit Zusatzversicherung tatsächlich besser ist, konnte niemand beantworten. Das wird nicht untersucht.

Die eklatante Intransparenz des gesamten Systems und die Weigerung der einzelnen Berufsgruppen, hier Daten und Fakten offenzulegen, damit sich Patienten objektiv ein Bild verschaffen können, sind immer wiederkehrende Themen in Alpbach. (Karin Pollack, 24.8.2015)

  • "Die Ungleichheit in der Bevölkerung nimmt auf verschiedenen Kanälen zu", sagte Andrea Fried von der Plattform für Patientensicherheit. Demnach gibt es keine Zweiklassenmedizin sondern eine  Sechsklassenmedizin.
    foto: apa/helmut fohringer

    "Die Ungleichheit in der Bevölkerung nimmt auf verschiedenen Kanälen zu", sagte Andrea Fried von der Plattform für Patientensicherheit. Demnach gibt es keine Zweiklassenmedizin sondern eine Sechsklassenmedizin.

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