Prozess um Sachbeschädigung: Schaumparty der Asylwerber

25. August 2015, 12:09
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Zwei Teenager sind angeklagt, weil sie in ihrer Asylwerberunterkunft Feuerlöscher zweckentfremdet haben. Sie berufen sich auf Wissenslücken

Wien – Am Ende weiß selbst Richter Daniel Rechenmacher nicht mehr genau, warum er eigentlich nötig war. "Ich halte es nicht für sonderlich strafwürdig", sagt er zum Vorwurf gegen Hamid F. und Said A., zwei junge Asylwerber aus Afghanistan.

Die beiden sollen laut Anklage im Jänner in ihrer Unterkunft in Wien-Erdberg mit zwei Feuerlöschern herumgespritzt und auch den Feueralarm ausgelöst haben. Da die Löschgeräte logischerweise "der Verhütung oder Bekämpfung von Katastrophen" dienen, wie es im Gesetz heißt, droht dem Duo wegen schwerer Sachbeschädigung eine Strafe bis zu zwei Jahren.

60 Feuerlöscher missbraucht

ORS, die auch für das Lager Traiskirchen zuständige Betreiberfirma der Wiener Unterkunft, hegte offenbar einen noch größeren Verdacht: Dass der 16- und 17-Jährige nämlich insgesamt gleich 60 Löscher zweckentfremdet haben. In der Anklage findet sich das dann nicht mehr – nur auf zwei waren ihre Fingerabdrücke.

Das Duo ist auch geständig, ihre Verantwortung aber interessant. "Ich wusste nicht, wofür diese Dinger sind", übersetzt die Dolmetscherin F.s Aussage. "Aber dass sie nicht zu Ihrem Privatvergnügen sind, wenn sie dort in den Gängen hängen, war Ihnen schon bewusst?", fragt der Richter. Es war – irgendwie halt.

"Ich habe davor noch nie einen Feuerlöscher gesehen", sagt der Teenager. Auf Nachfrage seines Verteidigers Wolfgang Haas bestätigt er, dass auch andere "diesen Blödsinn gemacht haben". "Und was haben Sie geglaubt? Dass die für allfällige Schaumpartys da sind?", wundert sich der Richter. "Ich dachte, die sind dazu da, dass die Jungs damit spielen."

Unwissende Angeklagte

Der Zweitangeklagte gibt sich ebenso unwissend. "Weder in Afghanistan noch im Iran habe ich je welche gesehen." – "Im Iran gibt es also auch keine Feuerlöscher?", ist Rechenmacher nun wirklich erstaunt. "Ich habe nicht einmal ein Jahr die Schule besucht, was erwarten Sie von mir?", lautet die Antwort.

"Deswegen sind da ja auch Bilder drauf, Piktogramme versteht man auf der ganzen Welt. Wäre es eine Option gewesen, zu fragen, wofür die Geräte da sind?" – "Es war ein Fehler, ein dummer Fehler", hört Rechenmacher.

Auf die Frage, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen, antworten beide, sie wollen in Österreich bleiben. Beide besuchen Deutschkurse, die Betreuerin von A. lobt dessen Eifer. Und sie beteuert: "Man muss ihnen am Anfang alles beibringen."

Die behauptete Unkenntnis über Feuerlöscher glaubt der Richter dennoch nicht, er sieht aber auch keinen Grund für eine Verurteilung: "Ich bin der Meinung, dass es das Gescheiteste ist, wenn Sie arbeiten gehen." Nicht rechtskräftig entscheidet er sich für eine Diversion, innerhalb von sechs Monaten müssen der Ältere 70 und der Jüngere 35 Stunden gemeinnütziger Arbeit absolvieren. (Michael Möseneder, 25.8.2015)

  • Die Zweckentfremdung von Feuerlöschern wurde am Dienstag in Wien verhandelt.
    foto: jan-philipp strobel/dpa

    Die Zweckentfremdung von Feuerlöschern wurde am Dienstag in Wien verhandelt.

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