"Underdog": Die Bestien, die keine Haustiere sein durften

25. August 2015, 05:30
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Kornél Mundruczós eindrucksvoller Film geht über eine Parabel auf das gegenwärtige Ungarn hinaus: Der Aufstand der Hunde erzählt davon, wie sich eine Gesellschaft ihre eigenen Feinde erschafft

Wien – Von Freiheit hat Hagen keinen Begriff. Hagen ist ein Hund, der der zwölfjährigen Lili (Zsófia Psotta) gehört. Vollkommen auf ihre Gegenwart ausgerichtet, schenkt er ihr jene unbedingte Zuneigung, die sie durch ihre Familie nur entfernt erfährt. Wenn er die Nacht nicht im selben Zimmer schlafen darf, winselt er so erbärmlich, bis sie zu ihm kommt. Hagen ist eine hellbraune Promenadenmischung, die im gegenwärtigen Ungarn nicht gern gesehen wird. Nur reinrassige Exemplare gelten etwas.

Wenn das Kino auf den Hund kommt, sind in der Regel Menschen und ihre sozialen Defizite gemeint. Kornél Mundruczós Film hieß international zunächst White God – fürs Kino ist er nun auf Underdog unbenannt worden. Der ursprüngliche Titel erschien wie eine überdeutliche Anspielung auf Sam Fullers B-Movie-Moritat White Dog aus dem Jahr 1982. Fullers Film, eine furiose, unsentimentale Anklage des Rassismus in den USA, erzählt von einem weißhaarigen Schäferhund, der darauf abgerichtet wurde, Schwarze zu attackieren. Die Umerziehung des Tieres misslingt.

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Ausbruch aus dem Tierheim: In Kornél Mundruczós "Underdog" wird Budapest zum Schauplatz eines tierischen Gegenschlags.

Mundruczó hat Fullers Film erst gesehen, als sein eigener bereits abgedreht war. Seine Inspiration bezog der 40-jährige Ungar, der neben Filmen auch regelmäßig fürs Theater arbeitet, durch den Besuch eines Tierheims, der ihn im Mark erschüttert hat. Er beschloss, einen Film zu drehen, mit einem integren Helden, der sich nicht erschüttern ließ, erzählt Mundruczó in Interviews: ein Hund, der menschlicher als ein Mensch wirkt, aber nicht vermenschlicht wird – "wie Humphrey Bogart".

White Dog und Underdog eint auch, dass sie auf Regeln des Genrekinos aufbauen. Seit seinem naturalistischen Debüt Schöne Tage (Szép napok, 2002) hat Mundruczó in seinen Filmen zunehmend historische und literarische Stoffe eingebunden, oft in Wechselwirkung mit den Theaterproduktionen. Underdog bewegt sich unbeschwerter und aktionsbetonter als seine Vorgänger durch den Bilderkanon. Den ersten Teil vergleicht der Regisseur mit Steven Spielbergs E.T. – der Außerirdische. Das Mädchen und der Hund formen eine Einheit, der eine beinahe plakativ grobe Außenwelt gegenübersteht. Lilis Vater, ein Veterinärmediziner, hat keine Geduld für ihre Bedürfnisse. Dass er Hagen einfach an einer Straße aussetzt, ist rücksichtslos.

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Underdog wird von erzählerischen Parallelen bestimmt, ehe er am Ende mit einer eindrucksvollen Montage auf eine erstaunliche Apotheose zuläuft. Der Film greift sowohl die Geschichte des Mädchens wie auch jene des Hundes auf, sobald sie voneinander getrennt sind. In beiden Fällen kann man von Coming-of-Age-Dramen sprechen, die ihre jeweiligen Protagonisten an die Grenzen ihrer Möglichkeiten führen. Hagen muss die Außenwelt erst entdecken, eine Welt der Gefahren und Fallen, voller bedrohlicher Objekte und Geräusche, bevölkert von Menschen, die ihn für ihre Zwecke einspannen wollen. In vergleichbarer Weise gilt dies auch für Lili, die an der Schwelle der Pubertät steht, mit ihrem Vater im Clinch liegt und offen gegen Disziplinarmodelle rebelliert.

Mundruczó hat den Film ausschließlich mit realen Hunden inszeniert – auf CGI wurde konsequent verzichtet. Die kostspielige Entscheidung ist zugleich eine moralische, denn sie stattet diese Fabel über die menschliche Anmaßung, sich Tiere zu Untertanen zu machen, erst mit dem notwendigen Realismus aus. Wir sehen Hunde, die trotz aller Abrichtung ihre animalische Eigenständigkeit behalten. Wie sich der Film dem Straßenleben der Hunde annähert, erinnert an die Abenteuer des Tramps von Charlie Chaplin. Hagen hat bald eine struppige Verehrerin an seiner Seite, die mit den Regeln des Outdoor-Daseins besser vertraut ist als er.

Welt ohne Solidarität

Allerdings belässt es Underdog nicht bei dieser freundlich-humanistischen Perspektive auf die Tierwelt, sondern schraubt das Geschehen weiter, in Richtung gewaltvolle Zurichtung. Für Hagen gibt es auf der Straße keine Solidarität, zumindest nicht vonseiten der Menschen. Er gerät in die Fänge eines Mannes, der Hunde für bestialische Wettkämpfe trainiert. Das Tier wird zur Ware, auf die man wettet, wobei sein neuer Besitzer gerade von Hagens "Herz" überzeugt ist – er ist, anders als viele seiner Artgenossen, noch nicht ganz auf seinen Instinkt zurückgefallen. Die tragische Seite des Films rührt von diesem Blick auf eine Gesellschaft, die den schutzlosesten Wesen ihre sozialen Fähigkeiten austreibt.

Ist Underdog auch als Parabel auf das xenophobe Ungarn unter dem Rechtspopulisten Viktor Orbán ernst zu nehmen? Wie jeder gelungene Film geht er über einfache Analogien hinaus. Die letzte Stufe von Mundruczós Films ist dabei jene, mit der er sich am stärksten zum Fantastischen hinbewegt. Aus Hagen wird der Anführer einer Gegenreaktion – auf eine empathieschwache Gesellschaft fällt jene Gewalt zurück, die sie den Ausgeschlossenen eingeimpft hat. Die große Geste, mit der Underdog diese Rachefantasie umsetzt, spielt souverän mit dem Bild eines Aufstands, wie er so weit von der Wirklichkeit nicht entfernt scheint. (Dominik Kamalzadeh, 25.8.2015)

Ab 28. 8. im Kino

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