Ökonom: "Viele Firmen werden pleitegehen"

Interview25. August 2015, 06:43
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China will mit Aktienkäufen und erhöhter Liquidität seine Wirtschaft retten. Alejandro Cuñat sieht Chinas Wirtschaft in einem Anpassungsprozess

STANDARD: China fährt schwere Geschütze auf, um die Wirtschaft zu stabilisieren. Die Börsen rasseln zu Tal. Was passiert gerade in China?

Cuñat: China befindet sich in einer Übergangsphase hin zu einem moderneren Wirtschaftssystem mit freieren Märkten und höheren Löhnen. Diese Anpassung ist auch notwendig, weil das bisherige Export- und Wachstumsmodell aufgrund der schwachen Konjunktur im Westen nicht mehr funktioniert. Momentan reagiert die Wirtschaft auf die verschlechterten Wachstumsprognosen.

STANDARD: Warum dann die Konjunkturstützungsprogramme?

Cuñat: Weil die kurzfristigen Anpassungswehen für die Regierung ein langfristiges Problem werden könnten. Das permanent hohe Wachstum ist eine Legitimationsstrategie der kommunistischen Partei. Eine Verlangsamung des Wachstums kann für die Autoritäten politisch heikel werden.

STANDARD: Erhöhen kurzfristige Maßnahmen wie die Verringerung der Mindestreserven für Banken oder Aktienkaufprogramme nicht langfristig das systemische Risiko?

Cuñat: Durchaus. Die chinesische Regierung agiert derzeit mit Blick auf die kurzfristigen Auswirkungen ihrer Maßnahmen. Die erhöhte Liquidität soll China vor Dominoeffekten schützen, wie sie im Zuge der Lehman-Pleite in Amerika und Europa eingetreten sind. Firmen und Banken werden ihr Verhalten aber kaum ändern, wenn der Staat bei Nachfrageausfällen einspringt. Man müsste gezielt Anreize für Investoren setzen, damit diese kein übertriebenes Risiko eingehen – oder notfalls selbst für Verluste einstehen. Ein Beispiel dafür wären Eigenkapitalvorschriften bei Investitionen.

STANDARD: Wie würde sich ein Einbruch des Wachstums in China auf die Weltwirtschaft auswirken?

Cuñat: China ist eine riesige Wirtschaft und sehr gut in den Welthandel integriert. Weniger Wachstum in China hieße weniger Exporte dorthin. Die globale Nachfrage würde spürbar zurückgehen.

STANDARD: Welche Länder wären besonders stark betroffen?

Cuñat: Rohstoffexporteure wie Australien oder manche lateinamerikanische Länder. Deutschland auch – aber die deutsche Wirtschaft ist groß und diversifiziert, da würden sich andere Absatzmärkte für den exportierenden Sektor finden.

STANDARD: Wird es zu Kapitalflucht aus China kommen?

Cuñat: Sicher wird Finanzkapital bei schlechteren Wirtschaftsaussichten aus China abgezogen werden. Aber China ist kein offener Markt für ausländische Investitionen wie etwa die EU-Staaten. Eine Kapitalflucht würde China vermutlich nicht so hart treffen wie Spanien oder Griechenland.

STANDARD: Was bedeutet das verlangsamte Wachstum für Firmen?

Cuñat: Die chinesische Regierung hat das Wachstum durch billige Kredite stimuliert, viele Firmen haben in Erwartung eines hohen Wachstums auf Kredit investiert. Gerade die Privatwirtschaft ist hochverschuldet und setzt weniger ab. Viele Firmen werden pleitegehen. Pleiten können Dominoeffekte auslösen. Unternehmen und Banken, die die Regierung für systemrelevant hält, dürften gerettet werden. Ganz ähnlich wie in Amerika nach der Lehman-Pleite.

STANDARD: Welche Maßnahmen müsste China umsetzen, um sein Wirtschaftssystem langfristig zu stabilisieren?

Cuñat: Kurzfristig wird China wahrscheinlich wie Amerika in der Lehman-Krise reagieren: Steuergeld einsetzen, um große Firmen und Banken zu stützen. Mittelfristig müsste China den Finanzsektor besser regulieren und überwachen. Langfristig müsste eine bessere Sozial- und Krankenversicherung in China geschaffen werden, damit die Chinesen weniger sparen und mehr konsumieren.

STANDARD: Abwertungswettlauf wird es nicht geben?

Cuñat: Das kann man heute noch nicht sagen. Aber es dürfte etwas verfrüht sein, solche Szenarien zu erwarten. Der Yuan wurde ja nicht besonders stark abgewertet.

STANDARD: Wie wichtig ist der Status des Yuan als Weltreservewährung für China?

Cuñat: Zuallererst geht es um politischen Status. Als Reservewährung ist man eine der wichtigsten Währungen der Welt. Aber es geht auch um die Wirtschaft. Finanzprodukte in einer Reservewährung haben eine größere Nachfrage, dadurch wird die Refinanzierung des Staates günstiger. Die USA zum Beispiel haben immer davon profitiert, dass der Dollar die oder eine Reservewährung war.

foto: markus müllner
Alejandro Cuñat, geboren 1969 in Valencia, hat in Harvard Ökonomie studiert. Seit 2009 lehrt er Ökonomie an der Universität Wien, nachdem er davor an der London School of Economics und der Mailänder Wirtschaftsuniversität Bocconi tätig war.
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