Extremismus-Hotline: 389 Erstanrufe in acht Monaten

24. August 2015, 13:57
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Nach acht Monaten zieht das Familienministerium eine erste Bilanz der Extremismus-Hotline. Radikalisierung sei nicht von Geschlecht oder Migrationshintergrund abhängig

Wien – Die Extremismusberatungsstelle, die Anfang Dezember vergangenen Jahres vom Bundesministerium für Jugend und Familie ins Leben gerufen wurde, hat bisher 389 Erstanrufe verzeichnet. Das verkündete Familienministerien Sophie Karmasin in einer Pressekonferenz am Montag, in der sie über die vergangenen acht Monate Bilanz zog.

136 Fälle waren auf religiös motivierten Extremismus zurückzuführen, vier Fälle auf Rechtsextremismus. Die übrigen Anrufe drehten sich um allgemeine Fragen hinsichtlich dieses Themas. Jugend- und Sozialarbeiter, Lehrer und Direktoren sowie besorgte Angehörige und Freunde kontaktierten die Beratungsstelle. Inklusive Mehrfachanrufen sei die Hotline 663-mal angerufen worden. In 47 Fällen kam es zur persönlichen Betreuung.

Im Vergleich zu Deutschland, wo seit Einrichtung der Beratungsstelle im Jahr 2012 1.600 Anrufe dokumentiert worden seien, handle es sich um eine hohe Zahl. Dies würde aber wahrscheinlich daran liegen, dass es in Deutschland in den einzelnen Bundesländern mehrere Beratungsstellen gibt, so Verena Fabris, Leiterin der Beratungsstelle. Den hohen Anteil an Fällen, die sich um religiös motivierten Extremismus drehen, begründete Fabris unter anderem damit, dass es beim Thema Jihadismus sehr viel mehr Angst und Unwissen gebe als bei Rechtsextremismus und dass das Thema in den Medien so präsent sei. "Da geht es sehr oft auch darum, Ängste abzubauen."

Verfassungsschutz zehnmal informiert

In zehn Fällen wurde der Verfassungsschutz informiert. Das geschehe aber meist auf Wunsch der Eltern, so die Leiterin der Beratungsstelle. Die Hotline steht in erster Linie besorgten Eltern und Angehörigen zur Verfügung und soll im konkreten Fall Präventionsarbeit leisten.

In einem Fall rief etwa eine Mutter an, deren Tochter im Auslandssemester in Istanbul Kontakt zu einem Austrojihadisten hatte, der sie nach Syrien schicken wollte, berichtete Fabris aus der Praxis. Das Mädchen kam schließlich zurück nach Österreich, brach den Kontakt zu dem Bekannten in Syrien ab und konnte im Gymnasium wieder Fuß fassen. In einem anderen Fall war der Jugendliche bereits ausgereist, als sich der Vater an die Beratungsstelle wandte. "Hier konnten wir nichts mehr tun. Deshalb auch mein Appell an Angehörige, uns frühzeitig zu kontaktieren", sagte Fabris.

Kein einheitliches Profil gefährdeter Jugendlicher

Eine Radikalisierung sei nicht vom Geschlecht oder vom Migrationshintergrund abhängig. Buben und Mädchen sowie Personen mit Migrationshintergrund und Österreichstämmige seien gleichermaßen betroffen, so Fabris. Für sie gebe es nicht "das Bild des gefährdeten Jugendlichen", sehr wohl aber Indikatoren, die die Gefährdung erhöhen. Dazu zählen etwa Arbeitslosigkeit und Diskriminierungserfahrung. Auch familiäre Probleme spielen eine Rolle.

Die Beratungsstelle besteht aus acht Mitarbeitern. Das Personal aufzustocken beabsichtigt die Familienministerin Karmasin derzeit nicht. (APA, stda, 24.8.2015)

Von Montag bis Freitag (zwischen 10 bis 15 Uhr) steht die Hotline unter der Nummer 0800/20 20 44 zur Verfügung.

  • Man müsse Jugendliche "abfangen", bevor sie sich radikalisieren. Familienministerin Sophie Karmasin betont den Präventionsanspruch der Beratungsstelle.
    BMFJ/Aigner

    Man müsse Jugendliche "abfangen", bevor sie sich radikalisieren. Familienministerin Sophie Karmasin betont den Präventionsanspruch der Beratungsstelle.

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