US-Soldaten überwältigten Schützen in belgischem Schnellzug

Video22. August 2015, 14:04
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Mann war Geheimdienst bekannt, bestreitet aber terroristische Absichten– Anti-Terror-Spezialisten ermitteln – Obama und Cazeneuve lobten Mut der Soldaten

Arras – US-Soldaten haben in einem belgischen Schnellzug zwischen Amsterdam und Paris einen schwer bewaffneten Mann überwältigt und damit möglicherweise ein Drama verhindert. Die Anti-Terror-Abteilung der Pariser Staatsanwaltschaft übernahm die Ermittlungen, nachdem der Mann am Freitagabend in dem Thalys-Zug mindestens einen Schuss abgefeuert hatte.

Der 26-jährige mutmaßliche Täter war den Geheimdiensten wegen Terrorverbindungen bekannt. Belgiens Regierungschef Charles Michel sprach von einem "Terroranschlag". Der Mann schoss nach Behördenangaben einen Passagier an, ein zweiter wurde mit einem Teppichmesser verletzt. Der Bewaffnete wurde von zwei US-Soldaten überwältigt, die sich zufällig an Bord des Zuges befanden. Nach ersten Angaben der Ermittler hatten sie gehört, wie der Mann in der Zugtoilette seine Waffen lud. Der Schütze war demnach mit einem Kalaschnikow-Gewehr, einer Pistole, neun Magazinen und einem Teppichmesser bewaffnet.

Der Festgenommene bestreite terroristische Absichten, berichtete die französische Nachrichtenagentur AFP am Samstag unter Berufung auf Polizeikreise. Demnach halten die Ermittler die Angaben des Mannes bisher aber nicht für stichhaltig. Er sei nach ersten Ermittlungen nie im Gefängnis gewesen und entspreche nicht dem Profil eines Kriminellen. Medienberichten zufolge wurde er nach Paris überstellt. Seine Identität sei noch nicht zweifelsfrei festgestellt, hieß es am Samstag.

Mitglieder der Streitkräfte

Die Männer, die den Schützen überwältigten äußerten sich inzwischen zu dem Vorfall. Anthony Sadler sagte dem US-TV-Sender CNN, er und seine Freunde Alek Skarlatos und Spencer Stone hätten in dem Zug zwischen Amsterdam und Paris beobachtet, wie der Angreifer mit einer Kalaschnikow aus einer Toilette gekommen sei. Daraufhin seien sie sofort eingeschritten.

Laut CNN handelte es sich bei den drei eingreifenden US-Bürgern um ein Mitglied der US-Luftwaffe, ein nicht aktives Mitglied der US-Nationalgarde und einen Zivilisten. Das Pentagon teilte mit, einer der zwei bei dem Vorfall Verletzten sei ein Mitglied der US-Streitkräfte.

Brite soll geholfen haben

Ein 62 Jahre alter Brite hat nach eigenen Angaben den drei Amerikanern geholfen, den Schützen zu überwältigen. Er sei auf dem Weg von Amsterdam in die französische Hauptstadt im selben Wagen wie die beiden Soldaten und deren Freund gewesen, sagte Chris Norman dem britischen Sender ITV in der Nacht zum Samstag. Die beiden Soldaten hätten den mutmaßlichen Täter unter Kontrolle gebracht, ihr Freund sei ihnen zu Hilfe geeilt, und zuletzt habe auch er selbst geholfen. ITV veröffentlichte ein Foto, dass den Briten mit einer Medaille zeigt, die er für seinen Einsatz bekommen haben soll.

Der französische Innenminister Bernard Cazeneuve lobte die US-Soldaten für ihre Besonnenheit und ihren Mut. Sie hätten ein möglicherweise "schreckliches Drama" verhindert. Auch US-Präsident Barack Obama dankte den beiden für ihren Mut und ihre schnelle Reaktion. "Ihre heldenhafte Tat hat möglicherweise eine viel schlimmere Tragödie verhindert", erklärte er.

bfmtv

CNN hat ein Video veröffentlicht, das Szenen nach den Schüssen in einem Thalys-Zug zeigt. Darauf ist zu sehen, wie ein Mann mit nacktem Oberkörper am Boden liegt, seine Hände sind auf dem Rücken gefesselt. Außerdem ist ein Mann mit einer Verletzung im Nacken zu erkennen. Auf einem der Thalys-Sitze steht eine Waffe, bei der es sich um ein Sturmgewehr handeln könnte.

Anti-Terror-Staatsanwaltschaft ermittelt

Ein Mann hatte am Freitag in dem Schnellzug auf dem Weg von Amsterdam nach Paris das Feuer eröffnet und zwei Menschen schwer verletzt. Fahrgäste – darunter amerikanische Militärs – konnten ihn überwältigen und der Polizei übergeben. Die Pariser Anti-Terror-Staatsanwaltschaft ermittelt.

Der Verdächtige wurde am Bahnhof im nordfranzösischen Arras festgenommen. Er war in Brüssel zugestiegen. Nach ersten Ermittlungen handelt es sich um einen 26-Jährigen marokkanischer Abstammung, über den eine Geheimdienstakte vorlag. Er habe zeitweise in Spanien gewohnt. Laut der spanischen Zeitung "El Pais" war er vom spanischen Geheimdienst als radikal eingestuft und den französischen Behörden gemeldet worden. Er soll in jüngster Zeit nach Syrien gereist sein.

Plötzlich Schüsse abgegeben

Augenzeugen beschrieben, der Mann habe plötzlich Schüsse abgegeben. Dann habe sich "jemand mit einem grünen T-Shirt auf ihn gestürzt und ihn zu Boden gedrückt". "Ich habe Schüsse gehört, vielleicht zwei, und ein Typ ist zusammengebrochen", schilderte die New Yorkerin Christina Cathleen Coons, die im Waggon 12 des Thalys-Zuges saß.

Am Bahnhof von Arras durchsuchten Ermittler den Zug, während die Identität der 554 Passagiere überprüft und ihr Gepäck durchsucht wurde. Mit Sonderzügen wurden sie in der Nacht nach Paris gebracht.

Bei dem Vorfall wurde nach Angaben des französischen Bahnbetreibers SNCF auch der französische Schauspieler Jean-Hugues Anglade leicht verletzt. Der aus dem Kultfilm "Betty Blue" bekannte Darsteller verletzte sich demnach, als er den Zugalarm auslösen wollte.

Der Vorfall ereignete sich am Freitag gegen 17.45 Uhr. Nachdem der mutmaßliche Täter um 17.50 Uhr kurz nach der Überquerung der Grenze nach Frankreich das Feuer eröffnet hatte und überwältigt worden war, wurde er um 18.00 Uhr am Bahnhof in Arras festgenommen.

Cazeneuve nannte am Samstag weitere Details zum Ablauf des Vorfalls. Demnach entdeckte ein Franzose, der zur Toilette wollte, den Mann mit dem Sturmgewehr. Er habe versucht, diesen zu überwältigen, wobei mehrere Schüsse gefallen seien. Daraufhin seien die Amerikaner eingeschritten, so konnte der Mann schließlich gestoppt werden.

"Licht ins Drama bringen"

Wann die Staatsanwaltschaft sich offiziell zu den Ermittlungen äußern würde, war am Samstag noch unklar. "Alles wird getan, um Licht in dieses Drama zu bringen", versprach der französische Präsident Francois Hollande. Er vereinbarte mit Belgiens Premierminister Michel, bei der Aufklärung der Tat eng zusammenzuarbeiten.

Hollande wird die Fahrgäste treffen, die den Angreifer überwältigten. Er habe am Samstag mit dem Franzosen und mehreren Amerikanern telefoniert und ihnen für ihren "außergewöhnlichen Mut" gedankt, teilten Cazeneuve und der Elyseepalast am Samstag mit.

Auch wenn das Motiv des mutmaßlichen Täters vorerst im Dunkeln bleibt, dürfte der Vorfall die Beunruhigung in Frankreich nach mehreren islamistischen Anschlägen in diesem Jahr erhöhen. Im Januar hatten drei Islamisten bei Anschlägen auf die Satirezeitung "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt in Paris 17 Menschen getötet. Im Juni enthauptete ein 35-Jähriger bei einem mutmaßlich islamistischen Anschlag nahe Lyon seinen Chef und brachte in einer Industrieanlage Gasflaschen zur Explosion. Auch in diesem Fall soll es Verbindungen zur IS-Miliz in Syrien gegeben haben. (APA, red, 22.8.2015)

  • Die zwei jungen Männer aus den USA und der Brite (rechts), der ebenfalls geholfen haben soll, den Schützen zu überwältigen.
    foto: reuters / pascal rossignol

    Die zwei jungen Männer aus den USA und der Brite (rechts), der ebenfalls geholfen haben soll, den Schützen zu überwältigen.

  • Der Angreifer hatte eine große Menge Munition bei sich.
    foto: reuters/rossignol

    Der Angreifer hatte eine große Menge Munition bei sich.

  • Spurensicherung im Zug.
    foto: reuters/rossignol

    Spurensicherung im Zug.

  • Der Thalys-Zug in der Station von Arras.
    foto: ap

    Der Thalys-Zug in der Station von Arras.

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