Traiskirchen – Oberlaa: Zehn junge Flüchtlinge ziehen in Danzer-Haus ein

Reportage25. August 2015, 14:08
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DER STANDARD begleitete zehn Jugendliche bei ihrem Umzug in neues Wiener Heim

Wien – Vergangenen Freitag war es dann so weit. Gegen elf Uhr vormittags kamen die ersten Burschen von Traiskirchen in Favoriten an. Angekündigt waren 15 Syrer. Es kamen jedoch nur neun Syrer und ein Afghane im Alter von 15 bis 17 Jahren an. "Die restlichen fünf sind anscheinend verlorengegangen. Da läuft etwas ganz falsch", sagt Vereinsleiterin Marianne Engelmann. Sie waren in Traiskirchen unauffindbar – wie DER STANDARD berichtete.

"Ich habe gestern am Nachmittag meinen Namen auf einer Liste in Traiskirchen gesehen. Da stand, dass ich morgen nach Wien gehen werde", erzählt der 15-jährige Alla S. aus Syrien noch ein wenig aufgebracht. Beim Einzug in sein neues Zimmer bekam er Unterstützung von den acht Flüchtlingen, die schon seit einigen Monaten im ersten Georg-Danzer-Haus wohnen.

Bei der Frage, ob ihm sein Zimmer gefällt, ziehen sich seine Mundwinkel nach oben. Es wäre kein Vergleich zu Traiskirchen. Er hat ein eigenes Bett, teilt sich das Zimmer mit zwei anderen Burschen und hat endlich wieder Privatsphäre.

foto: stojanoski
Georg Danzer sang 1999 in seinem Lied "A erstickter Schrei" von Menschen in der Not.

"Traiskirchen ist vorbei"

Schon beim Eingang werden die Jugendlichen mit einem großen Schild begrüßt, auf dem steht: "Ka Mensch verlässt sei Heimat ohne Grund, ka Mensch wü gern a Fremder sein."

Im Mai nahm das erste Haus jenes Vereins, der nach dem österreichischen Liedermacher benannt wurde, im 19. Wiener Gemeindebezirk seinen Betrieb auf. Die Einrichtung ist auf Kinderflüchtlinge spezialisiert, bietet familienähnliche Strukturen und unterstützt die Kinder und Jugendlichen bei der Überwindung traumatisierender Erlebnisse. In den Georg-Danzer-Häusern sind derzeit nur junge Burschen aufgenommen worden, da eine homogene Gruppe leichter zu betreuen sei, erzählt Christoph Neubacher-Kefer, pädagogischer Leiter des Vereins. Außerdem würde der Bedarf bei unbegleiteten Burschen größer sein als bei Mädchen. "Diese kommen meistens schon mit der Familie in Österreich an", so die Vereinsleiterin Engelmann.

Eine große Ungewissheit war aber auch nach der Ankunft im neuen Heim bei den Neuankömmlingen spürbar. Wann die geplanten Essenszeiten denn sind, fragte einer. Ein anderer wollte wissen, wie lange und wie weit sie dem Haus fernbleiben dürfen. "Ihr könnts essen, bis ihr voll seid, und ihr seid hier nicht eingesperrt. Traiskirchen ist vorbei", versicherte Engelmann gleich zu Beginn der Willkommensrunde.

foto: stojanoski
Zehn Burschen sind in das neue Georg-Danzer-Haus eingezogen. Sechs weitere, aus dem Haus im 19. Bezirk, unterstützten sie gemeinsam mit den Betreuern beim Umzug.

Promifriseur und Benefizkonzerte

In den kommenden Tagen steht einiges auf dem Programm: die neuen Zimmer gestalten, ein Benefizkonzert besuchen und endlich mit dem Deutschkurs anfangen. Einige versuchten schon in Traiskirchen, sich selbst Deutsch beizubringen. Name, Alter und Herkunftsland können sie schon sagen.

Am Montag stand jedoch ein anderer Termin an. Engelmann organisierte den Promifriseur "Er + Ich", der den Burschen mit einer neuen Frisur zu mehr Selbstbewusstsein verhelfen soll.

Die Jugendlichen im neuen Haus erhalten die Grundversorgung. Der Tagessatz beträgt 95 Euro. Das Geld sei sehr knapp, erzählt Engelmann. Neben den Miet- und Lebenshaltungskosten habe man schließlich auch fixes Personal zu bezahlen. Ein Betreuer wohnt im Haus, zwei sind untertags ständig anwesend. Auch eine Dolmetscherin ist für die Kommunikation notwendig. "Das ist sehr wichtig. Wenn wir es schaffen, dass sie nach den erlebten Ereignissen immer noch lästige Teenager sein können, dann haben wir unsere Aufgabe erfüllt", so der pädagogische Leiter.

foto: stojanoski
Mit Unterstützung des pädagogischen Leiters Christoph Neubacher-Kafer will Marianne Engelmann noch viele weitere Georg-Danzer-Häuser eröffnen.

Marianne Engelmann will weitere Häuser finden und neue Kinder-und Jugendflüchtlinge darin unterbringen. Solange noch Kinder und Jugendliche in Traiskichen in Zelten schlafen müssten, würde sie nicht aufhören. (David Stojanoski, 25.8.2015)

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