Mit "Big Data" auf Stimmenfang

23. August 2015, 08:00
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Wahllos mit Bürgern reden und vom Programm überzeugen, reicht im Wien-Wahlkampf nicht mehr. Die Parteien lassen aufwendige Analysen erstellen

Wien – Daten sind das neue Gold. Das hat sich längst nicht nur in der Computerbranche herumgesprochen. Der Leitsatz der IT-Gurus hat in die Werbung Einzug gehalten, in die Medienbranche – und auch in die Politik. Mithilfe von Daten werden Vorlieben und Tendenzen herausgelesen. Andreas Würfl kann davon ein Lied singen. Er ist Finanzreferent beim Wiener Wirtschaftsbund. In Wahlkampfzeiten übersiedelt er aber regelmäßig in die Zentrale der ÖVP Wien. Etwa als es bei der EU-Wahl 2014 galt, einen Vorzugsstimmenwahlkampf für Othmar Karas zu konzipieren, oder bei der Kampagne der ÖVP gegen das Parkpickerl.

foto: standard/fischer
Karin Holdhaus erhält Unterstützung beim Haustürwahlkampf. Via Handy-App lässt sich herausfinden, in welchen Häusern Parteisympathisanten wohnen.

Derzeit ist Würfl mit dem Wien-Wahlkampf beschäftigt. Was den Parteien heuer noch viel wichtiger ist als in den Jahren zuvor: anhand von Datenmaterial herauszufinden, bei welchen Zielgruppen es sich überhaupt lohnt, um Stimmen zu werben. Die ÖVP zum Beispiel hat eine Landkarte angefertigt, auf der die einzelnen Wahlsprengel in unterschiedlichen Farben abgebildet sind. Je dunkler der Farbfleck, desto mehr Potenzial ist vorhanden. Als Datengrundlage dienen Ergebnisse der letzten Wahlen sowie interne Aufzeichnungen über ÖVP-Mitglieder und Parteisympathisanten. Außerdem hat die Partei eine Handy-App anfertigen lassen. Befindet sich ein Kandidat in einer bestimmten Straße, kann er auf seinem Handy nachschauen, ob es sich lohnt, an der Tür zu klopfen – sprich: ob hier möglicherweise ÖVP-Sympathisanten wohnen.

foto: standard/fischer
Holdhaus' Route durch den dritten Bezirk.

Eng verknüpft mit dem Ansatz, aus Daten Wählerpotenzial abzulesen, sind die sogenannten Hausbesuchsaktionen. Nicht nur die ÖVP marschiert von Haus zu Haus, auch SPÖ, Grüne und FPÖ sind derzeit in der ganzen Stadt unterwegs, um Werbung für das jeweilige Programm zu machen. Auch sie erstellen Datenanalysen. Der SPÖ helfen zusätzlich Ergebnisse aus der Meinungsforschung. Nur die FPÖ sagt zum STANDARD, auf solche Analysen zu verzichten. Man habe Erfahrungswerte.

Freiwillige und Profis

Ziel der Grünen ist es, 100.000 Hausbesuche zu absolvieren. Derzeit steht die Partei bei rund 80.000. Die SPÖ hat schon 120.000 Haushalte besucht. Die ÖVP ist vergleichsweise bescheiden. Würfl nennt als Ziel 30.000 "echte Besuche". Auf die Hilfe von Profis wird nicht verzichtet: 18 Mitarbeiter unterstützen die Kandidaten bei der Haustüraktion. Die SPÖ beteuert, die Hausbesuche nur mit Freiwilligen zu bestreiten; mit der Ausnahme des zentralen Projektleiters. Auch bei den Grünen, die sich als "Hausbesuchs-Profis" bezeichnen, basieren sie auf Freiwilligenarbeit.

foto: apa/hochmuth
Die Grünen sind schon vor der Befragung zur Mariahilfer Straße von Haus zu Haus gegangen.

Wien ist freilich nicht die erste Stadt, in der datenunterstützte Hausbesuche stattfinden. Als die Spezialisten schlechthin gelten die Wahlkampfmanager von US-Präsident Barack Obama. Seinen Wahlerfolg 2012 soll er zu einem großen Teil seinem Datenverarbeitungsteam zu verdanken haben. Dieses hat zum Beispiel erhoben, dass an der Westküste wohlhabende Frauen zwischen 40 und 49 Jahren die Schauspieler George Clooney und Sarah Jessica Parker gut finden. Obama hat ein Abendessen mit den beiden verlost, was ihm wiederum Spendengelder für seinen Wahlkampf brachte.

Von Dingen wie diesen sind die Wiener Strategen noch weit entfernt. Datenschutz wird in Österreich noch vergleichsweise hoch gehalten. Was sich die Parteien erhoffen? Würfl will keine Prozentzahl nennen. Schließlich gilt auch für ihn: "Wenn du keine Inhalte hast, dann bringt der Haustürenwahlkampf auch nichts."

Die Probe aufs Exempel macht ÖVP-Kandidatin Karin Holdhaus im dritten Bezirk. Ein professioneller Helfer ist ihr zur Seite gestellt, der sie via App anleitet, an welcher Türe sie klingeln soll. Im ersten Haus in der Hainburger Straße ist sie wenig erfolgreich. Zwar öffnen zwei Damen die Tür, so richtig überzeugen kann sie die beiden nicht, die ein Grundeinkommen für Künstler fordern. Verärgert reagiert eine Bewohnerin zwei Häuser weiter: "Ich stehe hier ohne BH, das ist mir so was von unangenehm." Holdhaus lässt sich dennoch nicht beirren. "Man bekommt ein Gespür dafür, was die Leute bewegt. Auch wenn sie letztlich nicht die ÖVP wählen." (Rosa Winkler-Hermaden, 22.8.2015)

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