Armut auslöschen, Gleichheit schaffen

Kommentar der anderen21. August 2015, 17:13
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Globalisierung und Digitalisierung formen die (Wirtschafts-)Welt neu. Die Ungleichheit nimmt zu, immer mehr Menschen werden an den Rand gedrängt. Was tun? Ein Denkanstoß vom Forum Alpbach

In den meisten Ländern steigt die Ungleichheit und bietet Grund zur ernsten Sorge. Tatsächlich wird es zentrales Element der "Sustainable Development Goals" sein, die im kommenden September von den 193 UNO-Mitgliedstaaten beschlossen werden, die "Ungleichheit innerhalb und zwischen den Ländern zu verringern" (Ziel Nummer 10). Diese Regierungen erkennen, dass hohe und steigende Ungleichheiten Unruhen, soziale Unstimmigkeit und geringeres wirtschaftliches Wachstum mit sich bringen. Aus diesem Grund ist es vernünftig, dass das Forum Alpbach 2015 seine Energien und sein intellektuelles Potenzial den Herausforderungen der Ungleichheit widmet.

Natürlich ist ein bestimmtes Maß an Ungleichheit unvermeidbar und zum Teil sogar wünschenswert. Menschen unterscheiden sich in ihren Fähigkeiten, Talenten, Glück sowie in ihrem Wunsch, für die Zukunft zu sparen und zu investieren. Eine Marktwirtschaft wird deshalb unweigerlich ein gewisses Maß an Ungleichheit hervorrufen. Versuche, Ungleichheit zur Gänze auszulöschen, haben in der Vergangenheit utopische Visionen in dystopische Albträume oder Reglementierung und sogar Polizeistaaten verwandelt. Die Realität einer natürlichen Ungleichheit rechtfertigt jedoch keine extreme Ungleichheit.

Dem jüngsten Anstieg der Ungleichheit liegen die zwei dominantesten Marktkräfte unserer Zeit zugrunde: Technologiewandel und Globalisierung. Technologiewandel, vor allem durch Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) vorangetrieben, bringt starke Umwälzungen des Arbeitsmarktes mit sich. Roboter ersetzen FließbandarbeiterInnen, Computer ersetzen Büroangestellte und elektronischer Handel ersetzt Verkaufskräfte. Während manche Arbeiter ihre Stelle verlieren, bringt das geistige Eigentum in neuen IKT Apps schlagartig Milliardäre hervor.

Eine weitere Quelle der Ungleichheit ist der Prozess der Globalisierung, der ebenso durch IKT gestärkt wird. Millionen von Arbeitsplätzen aus Hochlohnländern werden an Niedriglohnländer verschifft. Diese Vorgehensweise wurde durch Fortschritte im Transport- und Kommunikationswesen für eine Reihe an Beschäftigungsarten sowohl realisierbar als auch gewinnbringend, angefangen bei Produktionsarbeitern und auch bei Dienstleistern. Radiologen in Indien lesen und interpretieren nun die Röntgenbilder von Patienten am anderen Ende der Welt.

Diese Trends erschaffen eine wachsende Kluft zwischen Facharbeitern und ungelernten Arbeitskräften sowie zwischen Kapitalbesitzen und Arbeitern im Allgemeinen. Das Einkommen und der Wohlstand an der Spitze der Einkommensverteilung ("Top ein Prozent", wie sie von der Occupy-Bewegung genannt wird) steigen in ungeahnte Höhen, während sich Millionen von Menschen in der Arbeiterschicht zunehmend in der Arbeitslosigkeit, Zwangspension oder Armut wiederfinden. Viele junge Menschen haben lediglich eingeschränkte Perspektiven auf einen anständigen Arbeitsplatz, besonders jene ohne spezielle Berufskenntnisse und mit niedriger Ausbildung.

Die Konsequenzen können mitunter verheerend sein: hohe und chronische Arbeitslosigkeit, eine Armutsfalle für diejenigen am untersten Ende der Kurve, steigender politischer Extremismus, sinkendes soziales Vertrauen und zunehmend politischer Einfluss der Superreichen. In Amerika ist die Politik zum Spielzeug politisch aktiver Milliardäre geworden. Sie unterstützen Kandidaten, die im Gegenzug Steuererleichterungen für Superreiche umsetzen. So wie Marx einst die Politik Mitte des 19. Jahrhundert beschrieben hat, so sind Wahlen in den USA heute zum Vorwand verkommen: Die Reichen gegen die Armen statt links gegen rechts. Deine Milliardäre gegen meine.

Das Wichtigste an der extremen Ungleichheit ist jedoch, dass sie keinesfalls ein eisernes Gesetz, eine natürliche Gegebenheit oder ein unvermeidbares Ergebnis von Marktkräften ist. Marktkräfte mögen vielleicht die Dynamik der Einkommensverteilung steuern, aber Regierungen haben die Fähigkeit, sich gegen Marktkräfte zu stellen, um die Demokratie zu wahren, die Armen zu unterstützen und die Superreichen von den Hebeln der Macht fernzuhalten. In der heutigen Welt sind es die Sozialdemokratien in Skandinavien, die uns vorzeigen, wie man starke und innovative Marktwirtschaften bewahrt und gleichzeitig soziale und wirtschaftliche Ungleichheit im Zaum hält.

Diese Staaten haben Armut praktisch ausgelöscht und zugleich starke soziale Gleichheitsnormen aufrechterhalten. Das Korruptionsniveau ist niedrig und das soziale Vertrauen hoch. Es ist kein Zufall, dass diese Staaten zu den glücklichsten und erfolgreichsten der Welt zählen. Sie stellen ein gutes Beispiel für den Rest der Welt dar. (Jeffrey Sachs, 21.8.2015)

Jeffrey Sachs (60) ist Professor für Nachhaltige Entwicklung und Leiter des Earth Institute an der Columbia University. Er ist außerdem Sonderberater des UN-Generalsekretärs für die Millennium-Entwicklungsziele. Sachs wird am 26. August bei den Alpbacher Hochschulgesprächen eine Special Lecture halten.

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  • "Ei Ei: Das Kindlein lernt Kultur" – Raphael Silvano. Das Bild mit einer Größe von mehreren Metern hängt dieses Jahr im großen Saal des Forum Alpbach. Ausstellung Inequality in Alpbach
    foto: raphael silvano

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