Karl-Markus Gauß: Aus dem Alltag der Welt

23. August 2015, 09:00
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Über eine Jugend ohne Perspektiven, die Reservearmee der Universitätsabgänger und eine Taiwanesin, die sich selbst geheiratet hat

Die einzige Unerschrockenheit, die die meine ist, habe ich mir nicht persönlich erfochten, sie ist meiner Generation als Privileg zugefallen. Als ich die Oberstufe des Gymnasiums besuchte, in den frühen Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, verließen einige Schüler, die mit dem Lernen oder den Lehrern nicht zurande kamen, die Schule, doch jeder von ihnen befand sich nach wenigen Wochen in einer beruflichen Ausbildung, die es lohnte.

Jene, die nach dem Abschluss der Matura nicht studieren wollten, suchten Arbeit bei der Post, der Bank, im Reisebüro, als stünde ihnen dort nicht bloß eine bescheidene Karriere bevor, sondern geradezu die Welt selber offen. Diejenigen, die das Studium aufgaben, gingen in die freie Wirtschaft und wurden wohlhabend, solche, die es abschlossen, wurden Beamte und verdienten weniger, um das aber mussten sie nicht bangen. Selbst die Mutlosen brauchten sich nicht auf die Schleimspur zu begeben, um irgendwo als Angestellte unterzukriechen, sondern konnten überlegen, wofür sie sich wirklich interessierten, war doch immer etwas zu finden, mit dem sich die Existenz bestreiten ließ.

Die Hochkonjunktur, in der sich die Wirtschaft befand, und die Vollbeschäftigung, die der Staat verfocht, ließen einen Sozialcharakter reifen, der sich nicht in alles fügen wollte und begriff, dass es sich nicht lohnt, allezeit zu kuschen. Während die linken Studenten, denen ich mich sogleich zugesellte, verbissen behaupteten, es müssten die Widersprüche sich verschärfen, die Armen ärmer, die Not größer werden, damit der Unmut zu Widerstand und dieser revolutionär werde, erwies die Wirklichkeit, skandalös wenig an der Theorie interessiert, vor unseren Augen und mit uns als Protagonisten gerade das Gegenteil: Ausgerechnet wir, denen es besser als den Generationen davor und, wie jetzt zu sehen ist, danach ging, standen dem verächtlich so genannten "System" kritischer gegenüber als die vor und die nach uns.

Nicht soziale Unsicherheit hat eine selbstbewusste Generation hervorgebracht, sondern die Vollbeschäftigung. In der Ära der Vollbeschäftigung wusste jeder, dass er sich zur Not schon irgendwie werde durchschlagen können. Die Heutigen hingegen wissen, dass sie sich trotz all ihrer Zusatzausbildungen und Praktika womöglich ein Leben lang nur immer so durchschlagen werden.

Für meine Generation war es wahrlich nicht schwer, keine Zukunftsangst zu haben. Umso verwerflicher, dass wir heute jenen ihre Ängstlichkeit vorwerfen, denen wir keine Zukunft hinterließen, wie wir selbst sie vorgefunden haben. (Ja, das kann man wirklich: eine Zukunft hinterlassen. Man kann das, was erst kommen wird, sogar in besserem oder schlechterem Zustand hinterlassen.)

Die sich radikal der Wirklichkeit verweigernden Studenten von damals entdecken heute als Rebellen nahe der Pension ihre falschen Theorien von einst und verlieben sich gleich wieder in sie. Darum ärgern sie sich, dass die Jungen von heute, über die die soziale Unsicherheit verhängt ist, sich schuldhafterweise nicht zu Revolutionären läutern, sondern, jeder für sich und gegen alle, um nichts als einen lumpigen Job kämpfen.

Jetzt tadeln wir, die wir in unserer Jugend vielfältige Wahl hatten, die Jungen wechselweise als ängstlich, selbstbezogen, verzagt oder aber als oberflächlich, unterhaltungssüchtig, gedankenlos. Was diesen jedenfalls vorgeworfen wird, gleich, ob sie sich kleinmütig fügen, ausgelassen ihr Leben genießen oder vermeintlich theoriefrei revoltieren: dass sie der Gesellschaft nicht jenen Prozess machen, den wir der unseren gemacht zu haben meinen. Allerdings ist die Gesellschaft, gegen die sie antreten sollen, die unsere, und was sie zu verwerfen hätten, das wären wir selbst.

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Jene, die nach uns kommen, finden keine Zukunft vor, wie wir sie hatten. Dass sie uns das vorwerfen, ist zu verstehen. Seltsam aber ist, dass sie sich ihre Zukunft überhaupt nach dem Maß der unseren entwerfen und allenfalls darüber klagen, dass ihnen verwehrt wird, was uns wie von selbst zugefallen ist. Dass Kinder nicht so leben wollen wie ihre Eltern und für eng, falsch, nichtig, feig, spießig, ungerecht, borniert halten, wonach diese strebten, ist bisher nämlich eine Konstante des Generationenwechsels gewesen, seitdem sich die bürgerliche Gesellschaft entfaltet hatte.

Nun aber sehen wir befremdet auf eine Jugend, die es gerne hätte, wie wir es hatten. Dass die Jungen nicht mehr anders leben wollen als die Alten, hat mit einem Prozess zu tun, der die Gesellschaft gerade fundamental verändert: Der Kapitalismus ist dazu übergegangen, seinen historischen Kompagnon, das Bürgertum, zu beseitigen. Eine von vielen fatalen Folgen, die das zeitigt: dass der urbürgerliche Konflikt, die Erneuerung der Gesellschaft durch den regelmäßig wiederkehrenden Aufstand der Kinder gegen die Eltern, in sich zusammenbricht. Ihm fehlt gleich alles drei, die persönliche Motivation, die soziale Notwendigkeit, die historische Chance.

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Über ein paar Generationen stimmte, was gepredigt wurde: dass Wissen Macht sei und sich zu bilden, Wissen zu erwerben, gar ein Studium abzuschließen sich endlich auch lohnen werde. Nicht nur weil Wissen befreiende und beglückende Erfahrungen ermöglichte, sondern auch im trivialen materiellen Sinne. Wer mit Diplom und Zeugnis nachweisen konnte, die Leiter der Bildungsinstanzen hinaufgeklettert und glücklich ziemlich weit oben angelangt zu sein, hatte den Anspruch auf eine berufliche Stellung erworben, die gut bezahlt war, und darauf, als Stütze der bürgerlichen Gesellschaft geachtet zu werden. Je weniger die alte Gleichung noch stimmt, umso brachialer wird sie dem Publikum eingehämmert, als gälte es die Gehirne zu waschen, bis sie von der schmutzigen Realität gar nichts mehr mitbekommen. Gibt es in Europa mittlerweile nicht Millionen von Arbeitslosen, die ein Universitätsdiplom in der Tasche haben, aber ihren Eltern noch immer auf dieser liegen müssen? Unbeeindruckt verlangen Politiker und Bildungsexperten, dass die Jungen durch Ausbildungen gejagt werden, die nichts gelten, und sich auf Abschlüsse dressieren lassen, mit denen sie sich dann um unentlohnte Praktika bewerben dürfen.

Das Versprechen des Staates, der Mittelstand werde seine Stellung von Generation zu Generation behaupten können, wenn er seine Kinder nur dazu bringt, nicht aus Eigenem dieser Tradition abzusagen, sondern sich von den Bildungsinstitutionen formen zu lassen und sich in den Staat zu integrieren, wird heute millionenfach gebrochen; die Propaganda läuft trotzdem weiter, als wäre nicht sie, sondern die Realität irreal. Der Kapitalismus speit die Kinder des Bürgertums, die ihm dargeboten werden, wieder aus, doch die Bildungspolitik führt ihm unaufhörlich weitere, stets größer werdende Massen an gut ausgebildetem und mit dem Gütesiegel von Gymnasien und Universitäten versehenem Menschenmaterial zu, das er sich einverleiben kann und bei Bedarf wieder ausspeien wird.

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Eine Reservearmee: Diplomierte Abgänger der Universitäten, mit denen sich der Lohn drücken, die sichere Anstellung für überholt erklären, die Ausbildung als Waffe gegen die Ausgebildeten wenden lässt.

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Die umfassende Akademisierung der Gesellschaft führt Teile der akademischen Jugend ins Prekariat und erschafft langfristig ein eigenes Lumpenprekariat. Was gerade in den Ländern Nordafrikas geschieht, dass die gut ausgebildeten jungen Leute, die nicht als Ingenieure oder Beamte wirken können, sondern als Taxifahrer und vazierende Blumenhändler ihr Überleben fristen müssen, wütend aufbegehren und sich die Straße erobern, diese Revolte kann eines Tages auch in Europa aufflammen. Was Europa vor der brennenden Revolte schützt? Dass die Wohnungsnot nicht wie in den arabischen Staaten zum sexuellen Triebstau führt, der nach Entladung drängt. In Ägypten oder Tunesien wird eine ganze Generation nicht nur um das Recht betrogen, ihre Existenz mit ihr angemessener Arbeit zu bestreiten, sondern auch darum, ihre Sexualität auszuleben, weil an eine eigene Wohnung oder Familiengründung nicht zu denken ist. Die europäischen Jungakademiker hingegen, die nach dem Studium aus dem Studentenheim in die Wohnungen ihrer Eltern zurückkehren müssen, dürfen, was sexuelle Aktivitäten betrifft, mit deren Verständnis rechnen. Dass die Freundin oder der Freund im Haus übernachtet, das gilt für selbstverständlich. Hierbei erweist es sich als Vorteil, dass die Intimität längst abgeschafft ist und die intimen Dinge ihren intimen Charakter eingebüßt haben.

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Wenn im österreichischen Fernsehen eine neue Jugendsendung angekündigt wird, sehe ich mir immer die erste Folge an, schließlich hat meine katholische Kindheit eine unaustilgbare Wundergläubigkeit in mich gepflanzt, sodass ich nie überrascht wäre, wenn es viel besser käme, als ich es befürchten zu müssen glaubte. Diese Zuversicht ist eine geradezu vegetative Eigenheit meines Charakters, gegen die weder schlechte Erfahrung noch kritische Gesinnung etwas vermögen. Die neue Jugendsendung heißt direkt und wird von einer jungen Frau mit automatenhaftem Frohsinn moderiert. Zwei Beiträge haben sie und ihre Mitarbeiter vorbereitet. Zuerst einen langen Bericht, der Unerhörtes aufdeckt, einen Skandal, wie ihn nur junge Redakteure öffentlich zu machen den Mut haben: Mit versteckter Kamera und erfundenen Wehwehchen haben sie die Ordinationen verschiedener Ärzte aufgesucht, um sich für ihre fiktiven Arbeitgeber eine Krankschreibung über ein paar Tage zu ergaunern. Sie täuschen heftige Magen- und Darmverstimmungen vor, klagen über depressive Erschöpfungszustände, beschreiben undefinierbare Schmerzen – und, man will es kaum glauben: Fast die Hälfte der Ärzte, die es eher mit ihren jungen Patienten als deren alten Chefs halten wollten, sind auf die erfundenen Krankenberichte hereingefallen und haben die Simulanten mit Attesten ausgestattet, die es ihnen erlaubten, zwei, drei Tage krankzufeiern.

Ein Zittern der Empörung läuft über den schlanken Körper der Moderatorin, fast fürchte ich, sie würde gleich in Schreie der Entrüstung ausbrechen, dabei müsste sie ihre Agenten der Gesundheitspolizei nur öfter zum Einsatz aussenden, dann würde der Jugend das Simulieren schon vergehen!

Der zweite Beitrag scheint dem ersten zu widersprechen, doch fügt er sich mit ihm zu einem autoritären Programm, das die neue Jugendsendung pädagogisch erst so wertvoll macht. Tabulos berichten die Redakteure im Spitzeldienst jetzt nicht über Gesunde, die sich aufs Krankenbett legen, sondern über Besserungswillige, die sich auf die Liegen der Tantrasex-Therapeuten werfen. Ein paar erotische Esoteriker oder esoterische Erotiker bieten neuerdings Seminare für Gruppen und Nachhilfestunden für Einzelne an, in denen die tantrische Erweiterung der Sexualität gelehrt wird, eine Übung, zu der vor allem ätherische Öle und viel Schmalz aus der Musikkonserve benötigt werden.

Wenn es um das Soziale geht, wünscht sich die Moderatorin mehr Kontrolle. Wenn es um Lifestyle geht, mehr marktgängige Freiheit. Wichtig ist, dass der Jugend, damit sie brav bleibe, beides verpasst wird – die autoritäre Kontrolle bei der Arbeit und das Versprechen sexuellen Wohlbefindens in der Freizeit.

Vielleicht irre ich mich, wenn ich hier Lüge und Betrug am Werke sehe? Vielleicht lügt die nette Moderatorin gar nicht, sondern glaubt, was sie verficht, so dass sie den Betrug nicht mehr als solchen erkennen kann, weil er mit ihr und sie mit ihm identisch geworden ist? Spräche das sie und ihre strebsamen Mitarbeiter frei, die ihren Altersgenossen Detektive hinterherhetzen möchten, egal, ob es sie des Tachinierens bei der Arbeit oder bei der tantrischen Verbesserung ihres Sex zu überführen gilt? Bei beidem nämlich sollten sie gefälligst mehr Leidenschaft zeigen, in der Arbeit und in der Freizeit, beim Abbauen der Hirne und beim Zuschleifen der Körper, denn beides erst macht aus, was den vorbildlichen Untertan auszeichnet: dass er zufrieden ist.

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Liebesgeschichten (1)

Chen Wie Yi wollte kein Single mehr sein und hat sich deswegen selber geheiratet. Die 30-jährige Büroangestellte, eine aparte Frau mit rotbraun gefärbtem Haar und der verständlichen Sehnsucht, ihr Glück in einer dauerhaften Liebesbeziehung gesichert zu wissen, hat in Taipeh den Bund fürs Leben geschlossen. "Wir müssen uns selbst lieben, um andere lieben zu können", hat sie über Facebook verlautbart und sich anschließend in einer öffentlichen Zeremonie geehelicht. Sie trug dabei ein weißes Brautkleid, der Ehering, durch den sie ihren zarten Finger schob, wurde ihr von der stolzen Mutter gereicht, den Brautstrauß stifteten Freunde, und das Gelöbnis, stets treu zu bleiben, gab sie sich selbst. Es ist gewiss schwerer, diesen Schwur nicht zu brechen als jenen, der bei der überkommenen Form von Eheschließung abgestattet wird und der sich nur auf die Treue einem anderen Menschen, zwar einem geliebten und nahen, aber eben doch einem anderen gegenüber bezieht, nicht auf die allumfassende Treue eines Menschen zu sich selbst.

Ob Chen Wie Yi glücklich wird in ihrer Ehe? Es ist ihr zu wünschen, doch der Anfechtungen, deren sie sich zu erwehren haben wird, gibt es viele. Was, wenn ihre Liebe nach und nach erkaltet, öde Routine den Alltag beherrscht oder sie sich gar, gottbehüte, betrügt mit fremden Wünschen, unbekanntem Begehren? Gesetzt den Fall, sie wird sich untreu, wen wird sie dann um Vergebung bitten, und wer wird ihr verzeihen?

Wird sie vor den Scheidungsrichter und in einen hässlichen Rosenkrieg mit sich treten, um die Obsorge für ihre behüteten und geliebten Marotten, die kleinen Lieblinge unter ihren Neurosen zu erlangen? Oder wird sie nach der Scheidung von sich zu einem vernünftigen Miteinander mit sich finden, kurz: Könnte es sein, dass an die Stelle der leidenschaftlichen Liebe später eine abgeklärte Freundschaft tritt? Vom Gelingen der taiwanesischen Ehe hängt vielleicht nicht viel weniger ab als die Zukunft der Zivilisation – und damit auch: ihre Vergangenheit. Wenn die Einpersonenehe gelingt, was werden künftige Generationen dann von der barbarischen Vorzeit halten, als man zur Ehe noch zwei Personen benötigte? Von weiteren Personen, die zum Gelingen oder Misslingen der Ehe gehörten wie Kindern oder Geliebten ganz zu schweigen. (Karl-Markus Gauß, Album, 23.8.2015)

Karl-Markus Gauß, geb. 1954, ist vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und Herausgeber der Zeitschrift "Literatur und Kritik". Zuletzt erschien: "Das Erste, was ich sah" (2013, Zsolnay-Verlag). Dieser Text ist ein Vorabdruck aus seinem neuen Buch "Der Alltag der Welt", das am 24. 8. ebenfalls bei Zsolnay erscheint.

  • "Die nach uns kommen, finden keine Zukunft vor, wie wir sie hatten. Dass sie uns das vorwerfen, ist zu verstehen": Karl-Markus Gauß.
    foto: andy urban

    "Die nach uns kommen, finden keine Zukunft vor, wie wir sie hatten. Dass sie uns das vorwerfen, ist zu verstehen": Karl-Markus Gauß.

  • Akademische Abschlussfeier in Deutschland ...
    foto: ap/sarbach

    Akademische Abschlussfeier in Deutschland ...

  • ... Studentenproteste in Kairo: "Dass die gut ausgebildeten jungen Leute als Taxifahrer und vazierende Blumenhändler ihr Überleben fristen müssen, wütend aufbegehren und sich die Straße erobern, diese Revolte kann eines Tages auch in Europa aufflammen."
    foto: reuters/andrews

    ... Studentenproteste in Kairo: "Dass die gut ausgebildeten jungen Leute als Taxifahrer und vazierende Blumenhändler ihr Überleben fristen müssen, wütend aufbegehren und sich die Straße erobern, diese Revolte kann eines Tages auch in Europa aufflammen."

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