Das Geschäft mit dem Kinderkriegen

Interview23. August 2015, 16:27
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Eva Maria Bachinger beleuchtet in ihrem Buch die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin zum Kinderwunsch kritisch

Wem heutzutage auf natürlichem Wege kein Kindersegen beschert ist, der kann aus einem Potpourri aus Angeboten wählen. Von der künstlichen Befruchtung über eine Embryonen-Spende bis hin zum Social Egg-Freezing, wie es große US-Unternehmen ihren Mitarbeiterinnen anbieten, birgt der Markt zahlreiche Möglichkeiten, Kinderlosen zu helfen. Doch wenn schon Kinderwunschkliniken zurate gezogen werden müssen, dann soll doch auch ein biologisch eigenes Kind entstehen – zumindest eines von einem Elternteil. Hand in Hand mit der Reproduktionsmedizin geht allerdings die Debatte über die Auslese. Welcher Embryo birgt das meiste Potenzial?

Die Autorin Eva Maria Bachinger setzt sich in ihrem Buch "Kind auf Bestellung" mit den Methoden der Fortpflanzungsmedizin auseinander. Gibt es überhaupt das viel debattierte Recht auf ein eigenes Kind und muss es auch immer das genetisch eigene Kind sein? Im Interview spricht sie über die Hochkonjunktur des florierenden Marktes, der vom Herzenswunsch der Kinderlosen getragen wird.

STANDARD: Ist der Wunsch nach einem genetisch eigenen Kind sakrosankt?

Bachinger: Die biologische Verwandtschaft zum Kind ist nach wie vor extrem wichtig. Ich sehe da übrigens keinen Unterschied zwischen heterosexuellen Ehepaaren oder gleichgeschlechtlichen Familien. Auch Homosexuelle wählen Samenspender oder Eizellenspenderinnen nach genetischen Kriterien aus. Zum Beispiel wird bei einer Leihmutterschaft darauf geachtet, ob Behinderungen vorliegen. Die Eizellenspenderin wird nach Haarfarbe, Intelligenz, Augenfarbe, Hautfarbe ausgewählt. In öffentlichen Debatten werden Samenspender, Eizellenspenderinnen und Leihmütter oft ausgespart – auch auf den Familienfotos. Das ist ein zentraler Punkt. Sie werden nur auf ihre biologische Funktion reduziert.

STANDARD: Sprechen Sie von den medial vermittelten Bildern?

Bachinger: Nicht nur. Man braucht sich lediglich die Websites von Kinderwunschkliniken anschauen. Da strahlt keine Leihmutter von den Websites und erzählt, wie wunderbar es war, einem kinderlosen Paar helfen zu können. Auf der anderen Seite stellen sich Paare, die die Reproduktionsmedizin in Anspruch nehmen, wie Kleinfamilien dar. Aber auf ihren Fotos sind es immer nur zwei Elternteile: Es fehlt der Samenspender, die Eizellenspenderin oder die Leihmutter. Durch diese idyllischen Bilder wird das Geschäft kaschiert.

STANDARD: Floriert der Markt für Kinderlose?

Bachinger: Es ist ein sehr gut gehendes Geschäft. Laut einer Schätzung umfasst der Markt derzeit neun Milliarden US-Dollar. Bis 2020 soll der Marktumsatz auf 22 Milliarden steigen. Ich finde es sehr bedauerlich, dass linken und alternativen Parteien diese Kommerzialisierung, Profitgier und Verfügungsmacht über den Frauenkörper entgeht.

STANDARD: Bei älteren Kinderlosen steht der Kinderwunsch oft mehr im Vordergrund. Immer mehr Frauen entscheiden sich bewusst für eine spätere Mutterschaft. Ist das ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft, dass man sagt: Karriere zuerst?

Bachinger: Ich finde es keine gute Entwicklung, dass das Kinderkriegen immer weiter nach hinten verschoben wird. Die späte Mutterschaft verläuft ja oft fremdbestimmt. Man sollte Frauen die Möglichkeit geben, möglichst früh in Vereinbarkeit mit einem Beruf Kinder zu bekommen. Denn Schwangerschaften im Alter bergen Risiken. Wir hören viel darüber, wie man ein Kind verhindern kann, aber wir erfahren sehr wenig darüber, wie lange man fruchtbar ist. Ab 35 kann es schwierig werden, schwanger zu werden.

STANDARD: Mit einem späten Kinderwunsch öffnen sich die Türen zu Kinderwunschkliniken. Wird Fortpflanzung zur Machbarkeitsideologie?

Bachinger: Ich denke, die Reproduktionsmedizin ist ein Symptom dieser Machbarkeitsideologie. Ich hatte gehofft, die Meinung, dass wir die Krone der Schöpfung sind, sei passé. Aber es heißt: Alles ist machbar. Doch die Medizin kann bestimmte Grenzen nicht aufheben. Sie kann nicht allen kinderlosen Paaren helfen. Man braucht sich nur die Erfolgsraten anschauen, die nicht gerne breitgetreten werden.

STANDARD: Sie plädieren in Ihrem Buch für klare Grenzen. Für welche?

Bachinger: Ich denke, dass die Rechte der Kinder über den Rechten der Erwachsenen stehen sollten. Denn Menschenrechte wurden in erster Linie für die Schwächeren gemacht. Wenn man sich auf die Kinderrechtskonvention bezieht, müsste es ein Verbot der anonymen Keimzellspenden geben. Es müsste europaweit ein Spenderregister geben, damit Kinder ihre biologischen Eltern finden können. Die kommerzielle Leihmutterschaft müsste auch weltweit verboten werden. Denn die Frau wird meistens für das Kind bezahlt und nicht für die Bemühungen, schwanger zu werden. In Indien und Russland bekommen die Leihmütter erst Geld, wenn sie ein Kind gebären. Es muss natürlich ein gesundes Kind sein.

STANDARD: Bei der Reproduktionsmedizin wird darauf geachtet, dass der Embryo mit den besten Voraussetzungen eingepflanzt wird. Damit kommt es zu einer Auslese.

Bachinger: Der Philosoph Jürgen Habermas hat das als liberale Eugenik bezeichnet. Der Staat geht nicht mehr eugenisch vor. Diese Aufgabe wird nun den Ärzten oder Eltern übertragen. In Debatten wurde oft gesagt: Die PID ist keine Auslese. Man versuche nur, den Eltern zu helfen. Aber die PID ist definitiv ein Ausleseinstrument. Die Schwierigkeit ist: Was ist eine schwere Erbkrankheit? Was lese ich aus? In Großbritannien stehen auf einer Website 170 Indikatoren, darunter: Trisomie 21, Alzheimer, Stoffwechselerkrankungen oder Gehörlosigkeit. Was bedeutet das für Menschen, deren Erbkrankheit oder Behinderung auf solchen Listen steht? Wenn gesagt wird: Diese Krankheiten müssen ausgelesen werden. Ich finde es haarsträubend, wie unreflektiert und verharmlosend der Diskurs darüber läuft.

STANDARD: Wie weit sind wir noch vom Designerbaby entfernt?

Bachinger: Man sagt: Ein Designerbaby, also zum Beispiel die Auswahl der Augenfarbe, ist technisch nicht möglich. Aber wenn es technisch möglich wäre? Tun wir es dann? Tatsache ist, dass es einen hohen Anspruch der Eltern gibt, ihr Kind zu gestalten. In China und in den USA wird derzeit versucht, einen Embryo zu "verbessern", indem Gendefekte herausgeschnitten werden und gesunde Gene von einem gesunden Embryo eingesetzt werden. Man sagt, das dient nur der Reparatur, um den Embryo zu "optimieren". Durch Gentest können auch Gendefekte, dir wir ja alle in uns tragen, aufgeschlüsselt werden. Durch diesen Fortschritt entstehen ethische Probleme. Zum Beispiel: Wie reagieren Versicherungen, wenn ersichtlich wird, welche Geninformationen wir in uns tragen?

STANDARD: Im "Wallstreet Journal" gab es vor kurzem einen Artikel über Family-Balancing, also den Wunsch der Eltern nach einer Geschlechterselektion. Sehen Sie den Trend, dass Fortpflanzungsmedizin zur Wunschmedizin wird?

Bachinger: Es ist schon eine Wunschmedizin. In den USA ist die Geschlechterselektion erlaubt beziehungsweise nicht verboten. Aber auch in Indien, Russland und der Ukraine wird das angeboten. Es wird beschönigend "Family-Balance" genannt. Aber das ist eine Selektion. In manchen Ländern gibt es schon Ungleichheiten in der Geschlechterverteilung. Früher war die Reproduktionsmedizin eine Möglichkeit, Paaren zu helfen, die unfruchtbar waren. Jetzt werden gesunde Menschen behandelt, die eigentlich keine Patienten sind. Die Medizin wird zu einer Art Supermarkt, die für alle Wünsche Angebote bietet.

STANDARD: Wie stehen die Chancen, mit Egg-Freezing schwanger zu werden?

Bachinger: Social Egg-Freezing ist ein gutes Beispiel für die Geschäftemacherei. Die Behandlung kostet mindestens 3000 Euro zuzüglich Lagerung und künstlicher Befruchtung. Die Frau muss eine hormonelle Stimulierung machen, oft mehrere Zyklen lang, um genügend Eizellen zu haben. Laut US-Studien liegt die Wahrscheinlichkeit, dass aus einer Eizelle ein Kind entsteht, aber nur bei acht bis zehn Prozent. Die Methode wird immer als feministischer Siegesszug dargestellt. Ich finde das nicht feministisch. Denn die Frau übergibt alles in die Hände der Ärzte. Auch die Zeugung des Kindes passiert künstlich.

STANDARD: Österreich hat seit Anfang 2015 ein neues Fortpflanzungsgesetz. Auch Homosexuelle haben nun ein Recht auf ein eigenes Kind. Sehen Sie das nicht als Fortschritt?

Bachinger: Es gibt kein Recht auf ein Kind! Das ist Konsumdenken. Es gibt in der Menschenrechtskonvention ein Recht auf Familiengründung, das ist aber ein Abwehrrecht. Das heißt, der Staat kann niemandem vorschreiben, Kinder zu bekommen oder nicht. In der derzeitigen politischen Debatte wird der Kinderwunsch zu einem Anspruchsrecht. Auch lesbische Paare können durch die Samenspende nun wie heterosexuelle Paare Kinder bekommen. Denn bei Samenspenden werden nicht so viele Rechte verletzt wie bei einer Leihmutterschaft, die für schwule Paare nötig wäre, aber in Österreich verboten ist. Außerdem bräuchten Schwule auch eine Eizellenspenderin: Das sind also zwei Frauen. Mir werden die Risiken der Frauen viel zu harmlos dargestellt, alleine diese hormonellen Stimulierungen. Diese Frauen machen das nicht aus Selbstlosigkeit, sondern meist wegen des Geldes. Ein österreichischer Arzt holt Frauen aus Polen und Ungarn für die Eizellenspende. Sie bekommen dafür 1500 Euro. Aus Selbstlosigkeit setzen sie sich nicht in den Bus, um nach Wien zu kommen. (Sophie-Kristin Hausberger, 23.8.2015)


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"Die Angst vor Klagen sitzt uns im Nacken"

Eva Maria Bachinger, geboren 1973, jahrelang im Anti-Rassismus- und Flüchtlingsbereich tätig, Journalismusstudium an der Donau-Uni Krems, seit 2004 Journalistin und Autorin. Buchveröffentlichungen: "Die Integrationslüge" (2012), "Die besten Bergsteigerinnen der Welt" (2010)

  • Eva Maria Bachinger
Kind auf Bestellung
Ein Plädoyer für klare Grenzen
Deuticke-Verlag 2015
156 Seiten, 20,50 Euro

    Eva Maria Bachinger

    Kind auf Bestellung

    Ein Plädoyer für klare Grenzen

    Deuticke-Verlag 2015

    156 Seiten, 20,50 Euro

  • Bachinger: "Es müsste europaweit ein Spenderregister geben, damit Kinder ihre biologischen Eltern finden können."
    foto: deuticke / georg hochmuth

    Bachinger: "Es müsste europaweit ein Spenderregister geben, damit Kinder ihre biologischen Eltern finden können."

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