Österreichs Forschung vor dem Kollaps

21. August 2015, 16:25
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Heimische Top-Wissenschafter schreiben in einem Brief an die Bundesregierung von Mangelverwaltung. Wissenschaftsministerium verweist auf schwierige Budgetlage.

Wien – Rechtzeitig vor Beginn der Alpbacher Technologiegespräche kommende Woche platzte heimischen Wissenschaftern angesichts der mangelhaften Finanzierung des Wissenschaftsfonds FWF der Kragen. Die 53 Forscher, Mitglieder des FWF-Kuratoriums, wandten sich in einem Brief an Kanzler Werner Faymann (SPÖ), Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) und Finanzminister Hans Jörg Schelling (ÖVP) und beklagten die finanzielle Ausstattung des Fonds, der für die Finanzierung der Grundlagenforschung in Österreich zuständig ist. Man habe "mit Entsetzen" ein Mehrjahresprogramm zur Kenntnis genommen, das nur als "Mangelverwaltung" bezeichnet werden könne, heißt es in dem Schreiben, das dem STANDARD vorliegt.

Derzeit kann der FWF jährlich 200 Millionen Euro bewilligen. Das Budget ist seitens des Bundes zwar bis 2018 gesichert, wird sich aber nicht erhöhen. Aus Sicht der Kuratoriumsmitglieder sind 200 Millionen um mindestens 70 Millionen Euro zu wenig. So viele förderungswürdige, aber nicht finanzierte Anträge gebe es jährlich. Im erwähnten Mehrjahresprogramm sind Einschnitte vorgesehen. Doktoratskollegs werden eingestellt, Spezialforschungsbereiche (SFB), die Leuchtturmprojekte des FWF, beschnitten.

Auch die Leiter der SFBs und Dok-Kollegs wollen – mit den Wittgenstein-Preisträgern – einen Brief schreiben. Adressaten sind die Medien. Hier werden jährlich 100 Millionen Euro mehr gefordert, "um den Kollaps der Forschungsförderung" zu verhindern. Die Absender weisen auf ein Missverhältnis zwischen Grundlagenforschung und übrigen Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) hin. Die besagten 200 Millionen des FWF seien nur zwei Prozent der 10,1 Milliarden Euro, die für F&E ausgegeben werden. Damit stehe die Innovationspolitik insgesamt auf "tönernen Füßen".

Im Wissenschaftsministerium verweist man auf die "schwierige budgetäre Lage". Trotzdem sei es gelungen, "dass Budget beim FWF langfristig zu sichern". Die allein vom Ministerium zur Verfügung gestellten 184 Millionen Euro jährlich ab 2016 seien eine siebenprozentige Steigerung gegenüber 2015. Weiters heißt es: "Die hochqualitativen Anträge spiegeln wider, dass sich der Forschungsstandort in den letzten Jahren sehr gut entwickelt hat." Das Wissenschaftsministerium stellt "entsprechende budgetäre Maßnahmen" in Aussicht. Eine Möglichkeit sei der Österreichfonds, der durch die aktuelle Steuerreform eingeführt wurde. Er wird mit einer Reichensteuer von Spitzenverdienern über einer Million Euro gespeist und soll dem Innovationsstandort zugute kommen, heißt es. Allerdings werden sich auch andere Fördergeber nicht nur der FWF dort anstellen – auch die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft FFG. Jenes Geld, das dem Molekularbiologen Josef Penninger für sein Forschungsinstitut IMBA von Wissenschaftsministerium und Stadt Wien versprochen wurde – mehr als 20 Millionen für die kommenden Jahre – soll teilweise auch aus diesem Fonds kommen. (Peter Illetschko, 22.8.2015)

  • Heimische Forscher haben das Mehrjahresprogramm zur FWF-Finanzierung durchleuchtet und sind "entsetzt" über das, was sie gefunden haben.
    foto: apa/dpa

    Heimische Forscher haben das Mehrjahresprogramm zur FWF-Finanzierung durchleuchtet und sind "entsetzt" über das, was sie gefunden haben.

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