Warum mein Wunsch für viele in Wien eine Frechheit ist

Userkommentar24. August 2015, 11:12
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Wer vorschlägt, Flüchtlinge gratis U-Bahn fahren zu lassen, wird auf Facebook angefeindet. Neid und Angst leiten unser Leben

Vor ein paar Tagen habe ich auf Facebook gesehen, dass die Diakonie Fahrscheine für Flüchtlinge sammelt. Ich wollte die Wiener Linien fragen, warum die öffentlichen Verkehrsmittel für Flüchtlinge nicht gratis sein können. Schließlich fahren die Züge ohnehin, manche sogar im Drei-Minuten-Takt, und gereinigt wird sowieso. Wem würde es schon schaden, wenn ein paar Menschen mehr mit der U-Bahn oder dem Bus fahren würden, fragte ich mich. Und wieso sollten wir nicht versuchen, jenen, die aus ihrem Land flüchten mussten, ein wenig das Gefühl von Freiheit zurückzugeben?

Doch kurz nachdem ich meine Frage auf der Facebook-Seite der Wiener Linien gepostet hatte, wurde mir klar: Mein Wunsch ist für viele Wienerinnen und Wiener eine Frechheit. Die Reaktionen zeigen vor allem eines: Wir haben den Bezug zur Realität verloren.

"Wer schenkt mir was?"

Man hört: "Wer schenkt mir was?" Aber ist es nicht auch ein Geschenk, in einem Land geboren worden zu sein, in dem Krieg und Verfolgung nicht zum Alltag gehören? Wieso sind wir nicht mehr dankbar? Wieso haben wir so viel und glauben, es ist immer noch zu wenig?

Ja, Flüchtlinge sollen nicht das Bild bekommen, sie wären jetzt in einem Land, in dem "Milch und Honig fließen". Aber ist es nicht fast so? Wir essen Dinge, die nicht bei uns wachsen. Wir tragen und benutzen Dinge, die nicht bei uns produziert werden. Aber je mehr wir haben, desto weniger wollen wir teilen.

Gier, Neid und Angst

Der Mensch hat Gier, Neid und Angst in sich. Ich bin da auch nicht besser. Ich wollte einen Karton für Flüchtlinge zusammenpacken, und was ist darin gelandet? Sachen, die ich nicht mehr haben will. Aber als der Gedanke kam, dass ich ja meinen Fußball spenden könnte, sträubte sich etwas in mir. Ich könnte ihn ja noch brauchen. Dabei habe ich den Fußball in zehn Jahren ein einziges Mal verwendet.

Ich habe mich dann so sehr über mich selbst geärgert, dass ich ins Sportgeschäft gegangen bin und zwei Fußbälle gekauft habe. Rein rational betrachtet, könnte ich auch einen Teil meines geringen Praktikumsgehalts abgeben. Ich benutze es, um teuer Essen zu gehen, meine Augenbrauen zupfen zu lassen oder eine Therme zu besuchen. Alles nicht lebensnotwendig – und trotzdem will ich es nicht aufgeben.

Ärger über Regierung

Ich habe mich über die Politik geärgert, weil ich dachte, das sind Menschen, die über solchen Dingen stehen müssen. Ich dachte, dass, wenn das Volk mal wieder ins Reptiliengehirn zurückfällt und einfach nur seinen Besitz verteidigt, die Regierung uns eines Besseren belehren, gütige Großzügigkeit vorleben und uns wieder auf einen guten Weg zurückführen würde. Dass unsere Regierung – wie Vater und Mutter in der Familie, die ihren Kindern schlechtes Verhalten nicht durchgehen lassen würden – der Gesellschaft bei der Weiterentwicklung helfen würde.

Ich habe diese Hoffnung aufgegeben. Mittlerweile denke ich, vielleicht müssen wir ja unsere Regierung erziehen. Wir müssen für mehr Menschlichkeit sorgen, Ja zu Menschen sagen und Nein zu profitorientiertem Denken.

Woher kommen die Probleme?

Die Frage ist natürlich auch: Woher kommen all unsere gesellschaftlichen Probleme? Arbeitslosigkeit, Menschen nah an der Armutsgrenze, Komasaufen, überteuerte politische Werbekampagnen, Dumpinglöhne, Bankkrisen und vieles mehr gab es lange vor dem überfüllten Flüchtlingslager in Traiskirchen.

Wieso feinden die zu Recht frustrierten und wütenden Menschen mich oder Flüchtlinge, die eh nichts haben, auf der Facebook-Seite der Wiener Linien an? Warum verwenden sie diese Energie nicht, um Missstände aufzuzeigen? Wohl weil es einfacher ist und weil sie Angst haben. Angst, den Job zu verlieren. Angst, die Miete oder den Kredit nicht zahlen zu können. Angst, den Kindern nicht genug bieten zu können. Angst, die Meinung zu sagen. Angst vor Konsequenzen.

Der Neid sagt: Es soll keiner haben, was ich nicht habe oder haben kann. Selbst wenn ich rational gesehen viel mehr habe. Gier, Neid, Angst leiten und regieren unser Leben. Aber ist das sinnvoll? Lasst uns doch zusammen den Staat erziehen! Lasst uns von den Konzernen auch einmal etwas für die Gesellschaft zurückverlangen! Lasst uns doch etwas Positives und Gutes tun! (Alina Reimchen, 24.8.2015)

  • Wem würde es schon schaden, wenn ein paar Menschen mehr mit der U-Bahn oder dem Bus fahren würden, fragte ich mich.
    foto: ap/lilli strauss

    Wem würde es schon schaden, wenn ein paar Menschen mehr mit der U-Bahn oder dem Bus fahren würden, fragte ich mich.

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