Rostfest: Leerstand feiern in Eisenerz

Video21. August 2015, 19:00
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Das Festival bespielt bis Samstag leerstehende Räume in Eisenerz und thematisiert regionale Entwicklungsmöglichkeiten

Meistens ist es recht ruhig in Eisenerz. Seit Jahrzehnten kämpft die einst stolze steirische Bergbaustadt mit Abwanderung, Leerstand und Überalterung. Wenn aber 800 vorwiegend junge Menschen die leerstehenden Arbeiterwohnungen im Münichtal am Eisenerzer Stadtrand beziehen, dann ist für ein paar Tage etwas los. Dann ist Rostfest.

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"Zuerst waren wir skeptisch", sagt eine der wenigen Anrainerinnen aus der Siedlung über ihre temporären Nachbarn. "Aber so sind die Eisenerzer: gegenüber Neuem zuerst immer negativ. Dabei gibt es überhaupt keine Probleme, das sind alles so brave, freundliche junge Leute."

Festival für regionale Impulse

Mittlerweile hat sich das Rostfest bei der ansässigen Bevölkerung einen guten Ruf erarbeitet. Das dreitägige "Festival für regionale Impulse" findet zum vierten Mal statt und bespielt die Stadt mit Konzerten, Ausstellungen, Performances, Lesungen und vielen weiteren Programmpunkten, die sich mit der Region und ihren Herausforderungen beschäftigen.

Häkeln für den guten Zweck, ein künstlerischer Rundgang am Erzberg und ein Tanzkränzchen mit Oldies, Schlagern und Discokugel gehören genauso dazu wie Diskussionsrunden, die Open-Air-Bühne auf dem Bergmannplatz und spätabendliche Clubabende.

Freier Eintritt

"Wir bespielen vor allem leerstehende Räume und wollen gemeinsam mit der Bevölkerung Projekte umsetzen und die Einwohner mit Gästen von außen vernetzen.", sagt Elisa Rosegger-Purkrabek vom Rostfest-Organisationsteam. Um möglichst viele Leute nach Eisenerz zu locken, findet das Festival bei freiem Eintritt statt. Die Besucher – im vergangenen Jahr waren es etwa 5000 – können aber Rostanteile erwerben und die Veranstaltung so unterstützen.

foto: sarah brugner

Das Rostfest ist kein Festival, das Publikum mit bekannten Bands, viel Spektakel und Massenerlebnis anzieht. Es ist so etwas wie ein Gegenentwurf zum zeitgleich stattfindenden Frequency-Festival in St. Pölten. Die meisten Besucher kommen wegen der entspannten Atmosphäre nach Eisenerz, wegen der Nähe zu den Einheimischen und dem Urban Camping, dem Campen in leerstehenden Wohnungen.

Urban Camping

Sechs bis zehn Personen können gemeinsam eine Wohnung mieten, kleinere Gruppen oder Einzelpersonen teilen sich ihre Unterkunft mit anderen. Nebenan wohnen vielleicht andere Festivalbesucher, vielleicht auch eine Eisenerzer Familie, die seit 30 Jahren in der Siedlung lebt. "Letztes Jahr hat eine Frau aus der Siedlung mit einem Kinderwagen kleine Schnapsflaschen an die Camper verteilt", erinnert sich Festivalbesucher Georg Plank, der zu seinem zweiten Rostfest drei Tage lang zu Fuß gepilgert ist.

foto: sarah brugner

Alfred Haider ist ein Eisenerzer Urgestein, hat 40 Jahre am Erzberg gearbeitet und schenkt im Vereinslokal des Eisschützenvereins Leopoldstein aus, das direkt neben dem Urban-Camping-Areal liegt. "Die letzten zehn Jahre waren traurige Jahre hier in Eisenerz, es hat sich nicht mehr viel getan", sagt er. "Durch das Rostfest ist wieder ein bisschen Leben in die Gegend gekommen. Es tut sich wieder was, überall ist was los, das ist wie bei einem Ameisenhaufen. Wunderschön!"

Samstag ist der letzte Tag des diesjährigen Rostfests, dann wird es wieder ruhig in Eisenerz. (Video: Sarah Brugner & Michael Luger, 21.8.2015)

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