Herbergssuche der anderen Art

Userkommentar21. August 2015, 11:32
13 Postings

Warum der Aufruf des Innenministeriums zu "konstruktiver Zusammenarbeit bei der Quartiersuche" zynisch ist

Durch den Tod eines Familienmitglieds wurde im August vergangenen Jahres ein Ein- bis Zweifamilienhaus im 22. Wiener Gemeindebezirk unbewohnt. Nach Verstreichen einer Trauerfrist begannen wir uns im September mit der Zukunft des Hauses zu beschäftigen, da innerhalb der Familie kein Bedarf an der Nutzung des Objekts bestand. Bereits damals (!) – wenn auch nicht in dieser Dramatik wie aktuell – war ein deutlicher Mangel an adäquaten Quartieren für Flüchtlinge absehbar und wurde in den Medien diskutiert. Doch es sollte nicht so einfach werden, das Haus wieder mit Leben zu erfüllen.

Auf der Freiwilligenmesse im Oktober haben wir das Bundesministerium für Inneres, das dort mit einem Stand vertreten war, nach der zuständigen Abteilung für Flüchtlingsquartiere befragt. Auf eine E-Mail an die angegebene Adresse erfolgte keine Reaktion. Daraufhin versuchten wir es bei der Caritas; es wurde ein Besichtigungstermin vereinbart. Die Dame und auch der begleitende Herr waren sichtlich erfreut über den Zustand des Hauses und dessen Lage und versicherten, dass man sehr interessiert an dessen Nutzung sei. Die Suche nach einer geeigneten Familie werde jedoch zwei bis drei Monate benötigen. Nach etwa vier Monaten wurde uns auf Anfrage allerdings mitgeteilt, dass sich die Prioritäten der Caritas hinsichtlich Quartieren geändert hätten und kein Interesse an der Nutzung bestünde.

Im Kreis drehen

Verärgert versuchten wir erneut direkt vom Innenministerium eine Auskunft oder auch eine Zusage zur Unterbringung von Flüchtlingen zu erhalten. Wir erhielten die Auskunft, dass in Wien der Fonds Soziales Wien dafür zuständig sei, da sich das Ministerium zum damaligen Zeitpunkt offenbar nicht direkt mit der Beschaffung neuer Quartiere belasten wollte. Der Fonds Soziales Wien wiederum erklärte, er sei auch kein direkter Ansprechpartner, und übermittelte eine Liste mit Trägerorganisationen – darunter die Caritas. Die "Herbergssuche der anderen Art" fand ein Ende, als schlussendlich der Verein Rosa Lila Villa das Haus besichtigte und eine Nutzung zusagte. Seit Anfang August ist das Haus wieder von einer Person – einem Flüchtling aus Bangladesch – bewohnt.

Staatliche Aufgabe

Nun soll nicht das Bild entstehen, NGOs seien für die dramatische Situation, die derzeit hinsichtlich der menschenwürdigen Unterbringung von Asylwerbern besteht, verantwortlich – weitsichtig war das Handeln der meisten zumindest in diesem Fall nicht. Es ist eine staatliche Aufgabe, sich um jene Personen zu kümmern, die in Lebensgefahr nach Österreich kommen. Hier wissentlich Mangel in der Versorgung entstehen zu lassen – die Bürgerkriege in Syrien und sonstigen Dauerkrisenländern sind nicht erst jetzt aufgeflammt – ist bewusste Verletzung der Menschenrechte dieser Personen.

Auch deshalb stößt die aktuelle Forderung des Innenministeriums – "... konstruktive Bemühungen, Quartiere zu realisieren und damit Menschen ein festes Dach über den Kopf zu geben ..." – extrem auf. Wir empfinden es als höchst zynisch von den Verantwortlichen im Innenministerium, durch Untätigkeit und Desinteresse Menschen, die vor Krieg, Gewalt und Hunger geflohen sind, eine Bleibe zu verwehren und sich zugleich in der aktuellen medialen Inszenierung als "konstruktive Kräfte" darstellen zu wollen. (Nora Fricko, Paul Fricko, 21.8.2015)

  • Es ist eine staatliche Aufgabe, sich um jene Personen zu kümmern, die in Lebensgefahr nach Österreich kommen.
    foto: apa/hans klaus techt

    Es ist eine staatliche Aufgabe, sich um jene Personen zu kümmern, die in Lebensgefahr nach Österreich kommen.

Share if you care.