Hunderte Flüchtlinge durchbrachen griechisch-mazedonische Grenze

22. August 2015, 12:35
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  • Verletzte durch Blendgranaten und Tränengas
  • Flüchtlinge campieren im Niemandsland und verweigern Wasser und Essen
  • Zahl der ankommenden Flüchtlinge steigt
  • Stacheldraht an Eisenbahnstrecke errichtet
  • UNHCR kritisiert Grenzschließung
  • Mazedonien lässt nur noch "Verletzliche" ins Land
  • Serbien will Notunterkunft für 3.000 Flüchtlinge errichten

Gevgelija/Skopje/Belgrad – Hunderte Flüchtlinge haben am Samstag trotz der verschärften Sicherheitsvorkehrungen die Grenze zu Mazedonien überquert. Sie durchbrachen von Griechenland kommend die mit Stacheldraht gesicherten Absperrungen der Polizei, wie ein AFP-Reporter aus Gevgelija berichtete.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete sogar von Tausenden, die in die frühere jugoslawische Teilrepublik eingedrungen seien. Ein Reuters-Reporter beobachtete, wie Migranten Polizeiabsperrungen überwanden und über Felder rannten. Die Beamten zündeten demnach zwei Blendgranaten und wurden dennoch überwältigt.

Die Situation an der griechisch-mazedonischen Grenze beim mazedonischen Ort Gevgelija hatte sich laut Medienberichten bereits Samstagfrüh weiter verkompliziert. Die Zahl der Flüchtlinge im Niemandsland zwischen beiden Staaten erreichte 2.000 und sei weiter steigend, berichtete der serbische Sender RTS. Neue Flüchtlingsgruppen kamen demnach am frühen Morgen mit einem Zug und mehreren Bussen zur Grenze. Ortsansässige Schlepper hätten ihre Tätigkeit zum illegalen Grenzübertritt intensiviert.

Wasserflaschen gegen Polizisten

Aus Protest gegen die Entscheidung der mazedonischen Regierung, nur noch einer beschränkten Zahl von Flüchtlingen die Einreise zu gestatten, wiesen Migranten im Niemandsland am Samstagfrüh Wasser und Essen, das mazedonische Polizisten verteilten, zurück. Verteilte Wasserflaschen seien gegen Polizisten geflogen, berichtete RTS.

An der Eisenbahnstrecke Richtung Gevgelija wurde links und rechts auf einer von etwa 300 Metern ein Stacheldraht errichtet, um Flüchtlinge abzuschirmen. Neben Polizisten waren am Samstag auch Angehörige der mazedonischen Streitkräfte an der Grenze tätig.

Bei Belgrader Flughafen

In der serbischen Hauptstadt Belgrad soll unterdessen schnell eine Unterkunft für bis zu 3.000 Flüchtlinge geschaffen werden. Serbien sei bereit, zu internationalen Bemühungen zur Problemlösung beizutragen, erklärte Ministerpräsident Aleksandar Vucic.

Laut der Tageszeitung "Vecernje novosti" (Samstagsausgabe) soll die Notunterkunft unweit des Belgrader Flughafens im Stadtviertel Neu-Belgrad errichtet werden. Die Bauarbeiten dürften laut anderen Medienberichten aus EU-Fonds mit rund 1,5 Millionen Euro finanziert werden, weitere 400.000 Euro soll die EU dem serbischen Roten Kreuz für Medikamente und Nahrung zur Versorgung von Flüchtlingen bereitstellen.

Soldaten und Polizei an Grenzübergang

Mit Tränengas und Blendgranaten hatte die mazedonische Polizei am Freitag versucht, Tausende Flüchtlinge von der Einreise aus Griechenland abzuhalten. Bereitschaftspolizisten rollten Stacheldraht aus und postierten sich mit gepanzerten Fahrzeugen rund um den Grenzübergang beim Ort Gevgelija. Mindestens vier Menschen wurden nach Berichten von Augenzeugen durch den Einsatz der Blendgranaten verletzt. Zur Verstärkung schickte die Regierung auch Soldaten.

Zeitweise saßen Tausende im Niemandsland fest. Hilfsorganisationen bekamen offenbar keinen Zugang zu den Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan und anderen Ländern, obwohl das Rote Kreuz, Ärzte ohne Grenzen und das UN-Hilfswerk UNHCR Mitarbeiter auf beiden Seiten der Grenze hatten.

Weiterer Anstieg erwartet

Die Internationale Organisation für Migration zeigte sich über die Lage besorgt und forderte rasche Hilfe. Das UNHCR kritisierte die Sperrung der Grenze. "Es handelt sich hier um Flüchtlinge auf der Suche nach Schutz, sie dürfen davon nicht abgehalten werden", sagte Sprecherin Melissa Fleming. Sie forderte Europa auf, eine Lösung zu finden. Mazedonien und Serbien dürften mit der großen Zahl von Flüchtlingen nicht alleingelassen werden. Nach UN-Schätzungen waren 3000 bis 4000 Männer, Frauen und Kinder im Grenzgebiet gestrandet. Die Organisation geht davon aus, dass die Zahlen weiter steigen. In Griechenland kamen allein im Juli 50.000 Menschen an, weit mehr als im gesamten Jahr 2014.

Mazedonien hat nach eigenen Angaben in den vergangenen zwei Monaten mehr als 40.000 Flüchtlinge registriert, die aus Griechenland kamen. Die meisten von ihnen passieren das Land in Richtung Serbien und reisen weiter durch Ungarn in reichere Länder. Ungarn errichtet entlang seiner 175 Kilometer langen Grenze mit Serbien einen Zaun, um die Flüchtlinge fernzuhalten.

Hunderten gelang Grenzübertritt

Einigen hundert Flüchtlingen gelang es in der Nacht trotz der Schließungsmaßnahmen, die Grenze zu überwinden. "Niemand hat uns aufgehalten", sagte einer von ihnen. Andere seien von der Polizei gefasst und ins Niemandsland abgedrängt worden, berichteten sie. "Ich bin schnell gerannt und ihnen entkommen", sagte der 18-jährige Syrer Mohammed Chalid aus Aleppo. "Meinen Bruder und die meisten anderen haben sie eingefangen und nach Griechenland zurückgeschickt."

Das mazedonische Innenministerium erklärte am Freitag, die Vorkehrungen funktionierten. Man habe 181 Ausländer ins Land gelassen – "eine begrenzte Zahl von besonders gefährdeten Migranten, die entsprechend unserer Möglichkeiten angemessen versorgt werden konnten". Die meisten kamen aus Syrien. Einwanderer aus "verletzlichen Kategorien" würden hereingelassen und versorgt – soweit dies die Kapazitäten des Landes zuließen, so das Innenministerium. (APA, Reuters, red, 22.8.2015)

  • Samstagmorgen konnten nur drei Personen die Grenze passieren.
    foto: reuters / yannis behrakis

    Samstagmorgen konnten nur drei Personen die Grenze passieren.

  • Flüchtlinge campieren auf Bahngleisen.
    foto: reuters / yannis behrakis

    Flüchtlinge campieren auf Bahngleisen.

  • Flüchtlinge werden mit Stacheldraht abgeschirmt.
    foto: ap photo / darko vojinovic

    Flüchtlinge werden mit Stacheldraht abgeschirmt.

  • Steine flogen Richtung Polizei, die rigide gegen die Flüchtlinge vorging.
    foto: ap photo/darko vojinovic

    Steine flogen Richtung Polizei, die rigide gegen die Flüchtlinge vorging.

  • Ein verletzter Flüchtling in der mazedonischen Grenzregion.
    foto: ap photo/darko vojinovic

    Ein verletzter Flüchtling in der mazedonischen Grenzregion.

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