Tödliche Verführung und die List der Geschmähten

20. August 2015, 17:52
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Die Kraft der Lenden und das schwache Fleisch: Um Schönheit, Betrug und Verbrechen aus Liebe geht es in der Schau "Verführung. Verlockende Schönheit – tödlicher Reiz" in der Salzburger Residenzgalerie

Salzburg – Verschmähte Liebe? Ein bitteres Schicksal. Die Schmach der Zurückweisung zu ertragen erfordert Größe. Allerdings waren es gerade die mächtigsten Götter – Zeus, Herr des Olymps, und sein römisches Pendant Jupiter – die sich um solche Tapferkeit nichts scherten und übelste Listen anwendeten, um doch noch zu ihrem Spaß zu kommen. Als Wolke, Schwan, Goldregen oder Stier machte man sich die Begehrte gefügig. Sie waren also nichts anderes als Vergewaltiger, wie es schon Ovid in seinen Metamorphosen zum Ausdruck brachte: Als die Nymphe Io, Tochter des Flussgottes Inachos, vor Zeus/Jupiter floh, "der Gott die Lande weit und breit in Nebel hüllte, die Fliehende aufhielt und ihr die Ehre raubte".

Hässliche Übergriffe, zu denen die Kunstgeschichte allerdings die wunderschönsten Gemälde bereithält. Etwa das vor Erotik schier berstende Jupiter und Io von Corregio (16. Jh.) aus dem Wiener Kunsthistorischen Museum. Aber auch in der Schau Verführung. Verlockende Schönheit – tödlicher Reiz in der Salzburger Residenzgalerie hängt ein wunderbares Beispiel: Bei Jean François Millet rennt die Flüchtende allerdings chancenlos in die Wolke hinein.

Im Gegensatz zum Schwerenöter Don Giovanni, der letztlich für sein schändliches Tun mit dem Tod bestraft wird, so Astrid Ducke, die die Ausstellung gemeinsam mit Thomas Habersatter kuratiert hat, "ist der Göttervater über jeden Zweifel erhaben". Oft sind es die Opfer, die im Anschluss ein elendes Dasein fristen.

Dazu passt auch eine andere, selten dargestellte Geschichte der Mythologie, denn auch dort findet der eigentliche Held den Tod. Es ist die Geschichte von Priapos und Lotis, dargestellt vom venezianischen Barockmaler Giulio Carpioni. Priapos, missgestalteter Sohn von Aphrodite und Adonis, verzehrt sich nach der Nymphe Lotis, die ihn jedoch verachtet. Als diese nach einer langen durchzechten Partynacht ermattet schlummert, nähert sich, von Wollust angetrieben, der bockshufige Priapos. Die Szene in der Morgendämmerung durchbricht der Schrei eines Esels. Priapos die Tour vermasselt zu haben, muss er mit seinem Leben bezahlen.

Die Ausstellung zu Magie und Zauber, aber auch dunklen Seiten der Verführung hält neben "Verlangen und Begehren" viel mehr Aspekte bereit: In neun Kapiteln – beim Sündenfall im Paradies beginnend – geht es um die unheilvollen Verquickungen von Liebe und Schönheit mit Eifersucht und Tod, von Verlockung mit Vernichtung, Ruhm und Macht.

Dass hier viel nacktes Fleisch zu sehen ist, das wie bei Bathseba im Bade (Francesco Solimena) oder Diana nach der Jagd ruhend (Hendrik van Balen d. Ä.) hell leuchtet, hat freilich mit dem, entsprechend der Auftraggeberseite, männlichen Blick zu tun. Und so wird, wenn sich Odysseus Mannen die Ohren mit Wachs verschließen und der Held selbst an den Segelmast gekettet ist, der Bildbetrachter zum eigentlichen Ziel der Verführung: Mit theatraler Geste locken die kitschig-schönen, barbusigen Sirenen in Alexander Bruckmanns Bild (1829).

Kopflose Männer

Verführerische Frauen haben manchem Mann den Kopf gekostet: so Judith und Salome. Interessant ist der Umstand, dass Salome häufiger als Tanzende dargestellt wird, die schöne und gottesfürchtige Witwe hingegen stets mit dem abgeschlagenen Haupt des Holofernes. Kopflos auch ein anderer Herr, ein verliebter Narr, über den man hingegen herzlich lachen darf: Pygmalion, der antike Bildhauer, schmachtet die von ihm geschaffene Skulptur der Galathea an. Fleischgeworden tanzt sie ihm jedoch ziemlich auf der Nase herum. Lotte Reiniger hat dem Dummkopf 1935 einen entzückenden Silhouettenfilm gewidmet. Mit Happy End. (Anne Katrin Feßler, 20.8.2015)

  • Wie ein Signal umhüllt ein rotes Tuch den hell leuchtenden, sinnlichen Körper mit den geröteten Wangen Dianas. So hat Hendrik van Balen d. Ä. die Göttin der Jagd um 1620 festgehalten (aus der Sammlung der Residenzgalerie).
    repro: ulrich ghezzi

    Wie ein Signal umhüllt ein rotes Tuch den hell leuchtenden, sinnlichen Körper mit den geröteten Wangen Dianas. So hat Hendrik van Balen d. Ä. die Göttin der Jagd um 1620 festgehalten (aus der Sammlung der Residenzgalerie).

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