Der "Superjäger" Mensch

20. August 2015, 20:01
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Eine "Science"-Studie deckt auf, welchen Schaden die unnatürliche menschliche Art zu jagen den globalen Ökosystemen zufügt

Ottawa/Wien – "Der Mensch ist ein Raubtier mit manchmal humanen Ansätzen", schrieb einst Friedrich Dürrenmatt. Im Umgang mit der Tierwelt scheint das Raubtierhafte beim Menschen gegenüber dem Humanen immer noch zu überwiegen. Unrühmliches Beispiel dafür ist der Zahnarzt Walter Palmer aus Minnesota, der im vergangenen Juli den populären Löwen Cecil in Simbabwe erschossen hat – und zwar nachdem es dem Amerikaner zunächst nicht gelungen war, die 13 Jahre alte Raubkatze per Armbrust zu erlegen. Immerhin muss man anerkennen, dass der Vorfall für weltweite Entrüstung gesorgt hat.

Der globale Shitstorm ändert allerdings wenig an der Tatsache, dass der Mensch insgesamt als "Superjäger" alle anderen natürlichen Raubtiere in den Schatten stellt. Schlimmer noch: Aufgrund seiner speziellen Art des Jagens hat der Mensch einen fundamentalen Einfluss auf die Ökosysteme und Nahrungsketten rund um den Globus. Der kanadische Biologe Chris Darimont und sein Team von der University of Victoria haben nun in einer im Fachjournal "Science" präsentierten Studie herausgearbeitet, was am menschlichen Jagdverhalten für die Natur derart fatal ist.

Allem voran steht die Tatsache, dass dem menschlichen Jagdtrieb fast ausschließlich ausgewachsene Beutetiere zum Opfer fallen. Diese allerdings stellen gleichsam das Fortpflanzungskapital einer Art dar, das für die Erhaltung der Population unersetzlich ist. "Unser Einfluss ist so extrem wie unser Verhalten, und der Planet trägt die Kosten unserer Dominanz als Räuber", meint Darimont.

Studienleiter Thomas Reimchen ergänzt: "Während Raubtiere primär Jungtiere – die reproduktiven Zinsen – einer Population attackieren, schöpft der Mensch ihr reproduktives Kapital aus." Und dies sei alles andere als nachhaltig. Die Folgen würden zunehmend teurer für die Menschheit. Um das zu ändern, müsse die Ausbeutung durch den Menschen energisch vermindert werden. Außerdem müsse er sich in seinem Verhalten dem nichtmenschlichen Räuber stärker annähern.

Topjäger der Meere

Die Forscher haben für ihre Studie zahlreiche Quellen ausgewertet, um zu ermitteln, wie viele Individuen einer Art einem Räuber zum Opfer fallen. Dabei verglichen sie die Ausbeute menschlicher Jäger mit jener tierischer Fleischfresser. Insgesamt analysierten die Wissenschafter Daten von rund 2.125 Wildtierpopulationen an Land und im Meer.

Weltweit töteten Jäger demnach erheblich mehr ausgewachsene Tiere als andere Räuber. In den Ozeanen erlegten sie etwa 14-mal mehr Beute als Raubfische, berichten die Forscher. An Land erlegten Jäger gut neunmal mehr Bären, Wölfe und Löwen als tierische Räuber.

Immerhin gibt es auch einen Lichtblick, den der Biologe Boris Worm von der Dalhousie University in Halifax so formuliert: "Wir haben die ungewöhnliche Fähigkeit, unser Verhalten bewusst zu verändern. Ich glaube, dass dieser Punkt sich als entscheidend für unsere weitere Koexistenz mit Wildtieren an Land und im Meer herausstellen wird." (tberg, APA, 20.8.2015)

  • Ein bewaffneter Tourist marschiert mit seiner Tagesbeute ins Camp zurück. Immerhin hat sich das Image des Großwildjägers gewandelt: Früher gab es Helden in Khaki, heute sind es lächerliche Zahnärzte, die für ihr mörderisches Hobby weltweit beschimpft werden.
    foto: reuters/siphiwe sibeko

    Ein bewaffneter Tourist marschiert mit seiner Tagesbeute ins Camp zurück. Immerhin hat sich das Image des Großwildjägers gewandelt: Früher gab es Helden in Khaki, heute sind es lächerliche Zahnärzte, die für ihr mörderisches Hobby weltweit beschimpft werden.

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