Kapitalmärkte als Alternative zu Banken

20. August 2015, 17:28
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Notenbankpräsident Ewald Nowotny erwartet größere Bedeutung bei Unternehmensfinanzierung

Wien – Die gegenwärtige Politik des Quantitative Easing der Europäischen Zentralbank (EZB), die monatlich Anleihen im Wert von 60 Milliarden Euro kauft, betrachtet Lubos Pastor, Direktoriumsmitglied der slowakischen Nationalbank, kritisch. Sie nehme Regierungen aus der Pflicht, Reformen umzusetzen. Durch die tiefen Zinsen können sich Staaten nämlich günstig verschulden.

Im Zentrum der von der European Finance Association veranstalteten Diskussion, an der neben Pastor auch Zentralbankchef Ewald Nowotny, Ex-Vizekanzler Wilhelm Molterer und der italienische Wirtschaftsprofessor Marco Pagano teilnahmen, standen die systemischen Ursachen der Eurokrise.

Bankwesen in Europa zu groß

Im Fokus stand die Rolle des Bankwesens in Europa. Dieses sei im Vergleich mit den USA viel zu groß, meinte Molterer, der den Kapitalmarkt in Europa für unterentwickelt hält.

Molterer, der nun Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank ist, machte deutlich, wie wichtig funktionierende Kapitalmärkte für die Entwicklung der europäischen Wirtschaft seien: "Da Banken durch die Eigenkapitalvorschriften Basel III gewisse Risiken bei der Kreditvergabe nicht mehr eingehen können, hat sich das Investitionsklima in Europa deutlich verschlechtert."

Schlechtes Investitionsklima

Dabei brauchte Europa für neues Wachstum dringend Investitionen von vielen Hundert Milliarden in digitale Infrastruktur, Energie-Infrastruktur sowie in Forschung und Entwicklung, sagte Molterer. Gut funktionierende Kapitalmärkte hält er für ein mögliches Rezept für höheres Wachstum in der Eurozone – zudem würden sie die Abhängigkeit von Banken mindern.

Pastor teilte diese Ansicht. Gleichzeitig mahnte er: "Europäische Initiativen wie die Finanztransaktionssteuer, die vermutlich 2016 eingeführt werden dürfte, sind ein Schritt in die falsche Richtung." Mit Blick auf Zentralbankchef Nowotny sagte er, dass auch die Niedrigzinspolitik der EZB für die Entwicklung funktionierender Kapitalmärkte in Europa hinderlich sei: "Wenn ein Pensionsfonds keine Zinserträge erwirtschaftet, wird eine private Pensionsvorsorge kaum zu einer ernstzunehmenden Alternative."

EZB-Politik der Preisstabilisierung

Nowotny meinte, dass die Politik der EZB dem primären Ziel der Preisniveaustabilität diene und nur in dieser Hinsicht beurteilt werden solle. Er glaubt, dass trotz Niedrigzinsen Kapitalmärkte in Europa an Bedeutung gewinnen werden. Die Bedeutung wie in den Vereinigten Staaten würden sie aufgrund der kleiner strukturierten Wirtschaft in Europa nicht erlangen.

Wachstumshemmend wirkt sich laut Molterer auch aus, dass der europäische Markt stark fragmentiert sei. Einen gut funktionierenden europäischen Kapitalmarkt und ein gutes Investitionsklima sieht er erst, wenn es einheitliche Regeln in Europa gibt.(Aloysius Widmann, 20.8.2015)

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