Österreich, wir stecken in einer Beziehungskrise

Userkommentar20. August 2015, 18:29
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Wer als Staatsbürgerin Flüchtlingen helfen will, stößt oft auf Widerstand – auch wenn es in einem Fall gut ausgegangen ist

Manchmal ändert sich eine unerträgliche Situation plötzlich zum Guten. Madeleine Alizadeh engagiert sich für Flüchtlinge in Traiskirchen. Sie ist verzweifelt. Eine irakische Familie, gestrandet im überfüllten Flüchtlingslager, könnte ein neues Zuhause beziehen – wenn da nicht die Bürokratie wäre. Sie schreibt einen Blogeintrag und reagiert auf eine OTS-Aussendung des Innenministeriums. Erzählt, wie es ist, wenn man helfen möchte, aber nicht gelassen wird.

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Sehr geehrte Beamtinnen, sehr geehrte Beamte, ich, österreichische Staatsbürgerin, möchte mich mit diesem offenen Brief an Sie wenden, da Sie uns Österreicherinnen und Österreicher am 17. August 2015 um Hilfe gebeten haben. Sie haben an unsere konstruktiven Kräfte appelliert, von einem seriösen und sachlichen Dialog gesprochen. Sie sprachen von Zusammenarbeit.

Ich heiße Madeleine Alizadeh, bin 26 Jahre alt, und seit einigen Wochen fahre ich fast täglich von Wien nach Traiskirchen. Ich kenne die Menschen dort beim Vornamen, weiß, welches Kind welche Süßigkeiten gerne isst. Ich habe syrische Freunde gefunden, mit denen ich am Sonntag essen gehe, während sie mir Schnitzel kauend arabische Wörter beibringen und ich ihnen versuche zu erklären, wieso ich kein Fleisch esse.

Freunde, die frieren

Ich whatsappe täglich mit Menschen, die in Zelten schlafen, ich schicke ihnen Fotos vom Sofa zu Hause, sie schicken mir Selfies aus dem Zelt. Sobald es zu regnen anfängt, wird mir übel, weil ich weiß, dass das bedeutet, dass meine Freunde jetzt frieren. Ich erkenne die Stimmen von Diakonie-Wohnservice-Mitarbeitern schon am Telefon, oft schmunzeln wir, wenn wir zum vierten Mal in Folge an einem Tag telefonieren, und ich "kenne" die Menschen am Telefon schon so gut, dass ich mich nicht einmal mehr schäme, wenn ich vor lauter Verzweiflung ins Telefon schluchze.

Ich übersetze Arabisch mit Google Translate und ärgere mich einmal mehr, dass mein iranischer Vater nie Farsi mit mir gesprochen hat, weil ich meine afghanischen Freunde nicht verstehe. Meine Wohnung ist ein Lager aus Männerschuhen in Größe 40 bis 43 – ja, Syrer haben kleinere Füße als Österreicher –, Schlafsäcken, Trolleys (Flüchtlinge brauchen auch Gepäck) und Dingen, die ich vorher nicht kannte (Milchpulver für Babys? Was ist das?).

Beim Wort genommen

Ich habe meinen Job liegengelassen, beantworte seit mehreren Wochen fast keine Mails mehr und widme mich nur mehr der Flüchtlingsthematik, weil meine Eltern mir beigebracht haben, nicht wegzuschauen, wenn jemand in Not ist.

Sie, das Bundesministerium für Inneres, haben sich an mich gewandt. Und weil ich Ihr Schreiben vom 17. August 2015 so ernst genommen habe, habe ich eine Unterkunft organisiert. Für eine irakische Familie. Eine Familie, deren Haus und Garten im Irak zerbombt wurden. Eine Familie, die einen Fußmarsch durch sämtliche osteuropäischen Länder hinter sich hat.

Ein Vater, dessen Bruder erschossen wurde. Eine Mutter, die bereits zwei Fehlgeburten hinter sich hat. Ein Sohn, dem ein besseres Leben ermöglicht werden soll. Eine Familie, die in Traiskirchen nach dem Aufnahmestopp angekommen ist und drei Tage in einem Bus festgehalten wurde. Eine Familie, die täglich von der Polizei vor Ort beschimpft und bedroht wird. Eine Familie, für die ich eine Lösung finden wollte. Weil Sie uns Bürgerinnen und Bürger um Lösungen gebeten haben.

Im Bürokratiedschungel

Diese Familie hat ein Zuhause, das sie nicht beziehen kann. Ein warmes Bett im Haus einer österreichischen Familie, die sie aufnehmen würde. Seit Tagen telefoniere ich mehrmals täglich, schreibe E-Mails, fülle Anträge aus, weine, schreie, fühle mich gelähmt und innerlich zerstört. Weil ich helfen möchte und nicht kann. Ich bin der deutschen Sprache mächtig, habe einen Hochschulabschluss, kenne mich als Selbstständige mit dem österreichischen Bürokratiedschungel ganz gut aus und bin sehr belastbar. Und trotzdem wird es mir unmöglich gemacht zu helfen.

Wie Sie bereits geschrieben haben: Pro Woche suchen 1.600 Menschen Schutz in Österreich. Sie schreiben: "In den nächsten Monaten – vor allem vor Einbruch des Winters – muss alles unternommen werden, um Obdachlosigkeit zu vermeiden." Sie schreiben auch, dass konstruktive Bemühungen, Quartiere zu realisieren und damit Menschen ein festes Dach über dem Kopf zu geben, teils auf unterschiedlichen Ebenen auf Widerstand stoßen.

Eine nachhaltige Beziehungskrise

Der einzige Widerstand, auf den ich stoße, sind Sie, liebes Bundesministerium für Inneres. Als österreichische Staatsbürgerin hatte ich bisher eine ganz gute Beziehung zu meinem Heimatland. Doch wir stecken in einer nachhaltigen Beziehungskrise. Es liegt nicht an mir, es liegt an Ihnen. Ich habe in dieser Beziehung mein Bestes gegeben: kommuniziert, respektiert, vertraut. Alles, was man in einer gut funktionierenden Beziehung halt so berücksichtigt. Ich versuche mit allen Mitteln, Ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen, doch Sie ignorieren mich und die Hilfe, die ich anbiete.

Familie K. aus dem Irak schläft, während ich diese Zeilen schreibe, in einem komplett durchnässten Zelt in der Akademiestraße in Traiskirchen. 60 Kilometer entfernt steht Frau V. in dem Haus, das ich vermittelt habe, vor einem leeren Zimmer. Die Betten sind frisch bezogen, drei Handtücher liegen darauf: eines für die Mutter, eines für den Vater und eines für den Sohn. Jeden Tag schreibe ich Herrn K.: "Bitte, lassen Sie den Kopf nicht hängen. Ich finde eine Lösung."

(K)eine Lösung?

Ich bin an dem Punkt angelangt, wo ich nicht mehr weiß, ob diese Lösung tatsächlich existiert. Ich bin an dem Punkt angelangt, wo ich nicht mehr weiß, ob Souveränität real oder nur ein abstrakter Begriff ist, den ich einmal im Gymnasium aufgeschnappt habe. Ich bin an dem Punkt angelangt, wo ich nicht mehr weiß, was ich tun soll.

Denn ich bin verzweifelt. Weil ich helfen möchte – und Sie mich nicht lassen. (Madeleine Alizadeh, 20.8.2015)

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Der Text macht in sozialen Netzwerken die Runde. Und dann geht es auf einmal schnell. Die Flüchtlingsfamilie hat ein neues Zuhause. "Mein Brüllen wurde gehört", sagt Alizadeh jetzt, wohl wissend, dass "nach wie vor hunderte Menschen auf der Straße" stehen. Doch heute weiß sie, dass sie einer Generation angehört, "die Dinge verändern kann, wenn wir nur wollen".

  • Sobald es zu regnen anfängt, wird mir übel, weil ich weiß, dass meine Freunde jetzt frieren.
    foto: apa / hans klaus techt

    Sobald es zu regnen anfängt, wird mir übel, weil ich weiß, dass meine Freunde jetzt frieren.

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