Ukraine fürchtet heißen Herbst und kalten Winter

21. August 2015, 05:30
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Beide Seiten beschuldigen einander, Offensiven zu planen – dabei sind die Probleme auch so gewaltig

Moskau/Kiew/Berlin – Die Intensität der Kämpfe hat etwas nachgelassen. Nachdem Anfang der Woche das Donnergrollen der Artillerie und Panzer Rekordniveau erreicht hatte, meldete die ukrainische Militärführung am Donnerstagmittag "nur" noch 67 Verstöße gegen die Waffenruhe – was gut einem Drittel dessen entspricht, was auf dem Höhepunkt los war.

Opfer gibt es dennoch täglich: "Im Zuge der Kampfhandlungen wurden vier Soldaten getötet, 14 verletzt", teilte der für die Militäroperation im Osten zuständige Ver treter der Präsidialverwaltung, Alexander Motusjanik, mit.

Inspektion durch OSZE

"Gewaltsame Aufklärung" nennt der Vizechef der Rada, Andrej Parubij, der bis August 2014 die Militäroperation im Donbass leitete, die Taktik der Rebellen. Die Se paratisten würden die schwachen Punkte der Verteidigungslinie ausloten, um ihre Offensive zu beginnen, vermutet er.

Verstöße gegen die Waffenruhe (vonseiten des ukrainischen Militärs) melden aber auch die Rebellen. Immer wieder steht die frontnahe Großstadt Donezk unter Beschuss. Immerhin habe Horliwka dank des Besuchs von OSZE-Beobachtern eine ruhige Nacht verlebt, meldet eine Separatistenwebseite. Zugleich wirft der Milizenführer Eduard Bassurin Kiew vor, Waffentechnik an der Front zusammenzuziehen, um einen neuen Großangriff zu starten.

Treffen ohne Putin geplant

In diesem Zusammenhang wird in russischen Medien über das bevorstehende Treffen des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko mit seinem französischen Amtskollegen François Hollande und der deutschen Kanzlerin Angela Merkel in Berlin spekuliert. Das Fehlen Wladimir Putins wird als Indiz für eine bevorstehende Abkehr der Ukraine vom Minsker Abkommen gewertet. Wahrscheinlich ist zumindest Poroschenkos Eingeständnis, dass die auch vom Westen geforderte Dezentralisierung der Ukraine auf Widerstand in der Rada stößt.

Sogar eine Parlamentsauflösung im Herbst und Neuwahlen sind daher nicht auszuschließen. Die Probleme des Landes sind damit nicht gelöst. Die Verhand lungen über Gaslieferungen und Schuldenregulierung stocken. Gerade versucht die EU zumindest in der Gasfrage eine Lösung zwischen Moskau und Kiew mittels Einzelgesprächen zu vermitteln. Derzeit sind die russischen Lieferungen ausgesetzt. Gibt es keine Einigung bis Ende September – oder gar eine kriegerische Eskalation im Donbass – droht der gesamten Ukraine ein kalter Winter. (André Ballin, 21.8.2015)

  • Angehörige eines ukrainischen Freiwilligenbataillons wollen selbstgebaute Drohnen für Aufklärungsflüge in der Nähe von Mariupol einsetzen. Die Kämpfe gewannen zuletzt an Intensität.
    foto: epa / sergey vaganov

    Angehörige eines ukrainischen Freiwilligenbataillons wollen selbstgebaute Drohnen für Aufklärungsflüge in der Nähe von Mariupol einsetzen. Die Kämpfe gewannen zuletzt an Intensität.

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