Drogenprozess: Richterin misstraut Polizeiprotokoll

21. August 2015, 05:30
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Ein 50-Jähriger soll "Crystal Meth" produziert, geschmuggelt und weitergegeben haben. Die Polizei ermittelte zumindest schludrig

Wien – "Ich habe ein sehr, sehr großes Problem mit der Vernehmung durch die Polizei", macht Richterin Hannelore Pilz im Suchtmittelprozess gegen Peter K. kein Hehl daraus, was sie von der exekutiven Arbeit hält. Teile des Protokolls seien nämlich "absolut unrealistisch", hält sie am Ende des Prozesses fest.

Dem 50-jährigen Angeklagten wird vorgeworfen, er habe "Crystal Meth" verkauft, geschmuggelt und produziert. Im Prinzip ist der Notstandshilfeempfänger geständig, dass es um die angeklagten Mengen des Suchtmittels geht, bestreitet er allerdings.

Das Verfahren hat durchaus originelle Aspekte. K. sagt beispielsweise, er habe die Droge aus medizinischen Gründen konsumiert. "Ich leide an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, Anm.), und Crystal Meth hat eine ähnliche Zusammensetzung wie das Medikament, mit dem man die behandelt."

Drogenproduktion aus Wissensdrang

Warum er den Stoff nicht nur gekauft, sondern auch in seiner eigenen Wohnung produziert hat? "Das ist der Wissensdrang, der Aspekt, ob ich es schaffe", gibt er sich als Hobbyforscher.

Eine Erklärung, die Pilz ein wenig unrund macht. Denn K. ist zwar unbescholten, stand aber bereits einmal vor Gericht und bekam eine Diversion mit der Auflage, eine Therapie zu absolvieren. "Die ist ja kein Zuckerl für Sie, sondern soll verhindern, dass Sie wieder da sitzen. Im Prinzip tanzen Sie uns auf der Nase herum", murrt sie. "Das war nicht meine Absicht, aber Sie haben recht", entschuldigt sich der Angeklagte.

Schon bei seiner Einvernahme zeigt sich aber, dass im Polizeiprotokoll Fehler sind. Wirklich bedenklich wird es dann bei den Zeugeneinvernahmen. Die Ex-Freundin bestätigt beispielsweise die Aussage des Angeklagten, man habe in der vierjährigen On-off-Beziehung 15- bis 20-mal Crystal Meth konsumiert.

"Kann sich nicht ausgehen"

Pilz hält der Frau das Polizeiprotokoll vor: Da habe sie von wöchentlichem Konsum gesprochen. "Das kann sich schon vom Geld nicht ausgehen", ist die Richterin allerdings überzeugt. Die auch bezweifelt, dass sich die thailändische Zeugin mit beschränkten Deutschkenntnissen an genaue Mengen erinnert haben soll.

Ein weiterer Zeuge ist völlig konsterniert, als ihm Pilz seine angebliche Aussage vorhält. Er soll gegenüber dem Beamten behauptet haben, K. wollte ihn zu einer Falschaussage anstiften, komplette Zitate finden sich im Protokoll. "Das habe ich sicher nie gesagt", beteuert der Angeklagte. "Ist da meine Unterschrift drauf?", will er wissen. Ist sie nicht. Ein Gutachten über den Wirkstoffgehalt der sichergestellten Substanz wurde auch nicht angefertigt, somit ist nicht einmal klar, ob die Grenzmenge überschritten wurde.

Rotlicht-Boss und Ex-Sportler

Andere Zeugen – darunter ein Rotlicht-Boss, ein Arzt sowie ein ehemaliger Profisportler – bestätigen, dass K. ihnen gelegentlich etwas geschenkt hat oder dass sie mit ihm den Stoff aus der Slowakei geschmuggelt haben.

"Am Schluss sitzt man hier wegen einer Bezirksgerichtssache", ärgert sich Pilz. Bei einer Strafandrohung von bis zu sechs Monaten verurteilt sie K., nicht rechtskräftig, zu zwei Monaten bedingt. (Michael Möseneder, 21.8.2015)

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