Amnesty will gegen Jeannée vorgehen

20. August 2015, 13:56
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Vier Beschwerden beim Presserat wegen Kolumne über Amnesty-Bericht zu Traiskirchen und eine wegen jener zu Polizeigewalt – Amnesty prüft Schritte

Wien – Die "Kronen Zeitung" hat im Jahr 2014 insgesamt 16-mal gegen den Ehrenkodex der österreichischen Presse verstoßen – so oft wie kein anderes Medium. Zwei der Verstöße gingen auf das Konto von "Krone"-Postler Michael Jeannée. Weitere könnten in Kürze dazukommen. Ungemach droht Jeannée aber nicht nur vom Presserat, sondern auch von seiner Zielscheibe: Amnesty International will den jüngsten Ausritt des Kolumnisten "nicht einfach hinnehmen", sagt Generalsekretär Heinz Patzelt.

Jeannées Post an Amnesty International vom 15. August nahmen vier Leser zum Anlass, sich mit einer Beschwerde an den Presserat zu wenden. Das teilte das Kontrollorgan der österreichischen Presse auf STANDARD-Anfrage mit. Über seine Kolumne zu Polizeigewalt vom 13. August beschwerte sich ein Leser.

"Aus London eingeflogen"

Jeannée fabulierte nach dem kritischen Bericht von Amnesty International zu den Zuständen im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen von "ein paar Damen und Herren, die aus London eingeflogen wurden, in einem vornehmen Luxushotel abstiegen, sich in klimatisierten Limousinen nach Traiskirchen kutschieren ließen, dort sechs Stunden völlig sicher umherstaksten, das eine oder andere Gespräch führten, anschließend wahrscheinlich gepflegt zu Abend aßen und wieder verschwanden".

Amnesty International dementierte umgehend, dass Mitarbeiter aus London eingeflogen wurden, was Jeannée am 19. August in einer zweiten Kolumne zu Amnesty International mit "Mea culpa! Aber: So what?" kommentierte. Was Jeannée über die Organisation geschrieben habe, liege "weit über der Ebene, die wir hinnehmen können", sagt Generalsekretär Patzelt zum STANDARD. Patzelt schrieb bereits im aktuellen "Falter" kryptisch von einer Auseinandersetzung mit Jeannée, die auf einer "anderen Ebene" zu führen sei. Ob das juristische Schritte sind oder etwa in Form einer Kampagne erfolgen soll, wollte er auf Anfrage nicht präzisieren. Das genaue Vorgehen werde derzeit mit der Zentrale in London akkordiert: "Wir überlegen, was die angemessene Reaktion ist."


Polizeigewalt verharmlost

In seiner Kolumne vom 13. August ging Jeannée auf das Video ein, das der "Falter" und das Magazin "Vice" veröffentlicht hatten. Zu sehen ist darin der Übergriffes eines Polizisten auf einen mutmaßlichen Taschendieb im Bezirk Wien-Leopoldstadt Ende Juli. Einer von zwei Beamten packt den rücklings gefesselten Mann an der Kehle und schleudert ihn mit dem Kopf voran zu Boden. Michaela Kardeis, die Vizepräsidentin der Wiener Polizei, sprach in einer Reaktion auf den Vorfall von "eindeutigem Fehlverhalten und unverhältnismäßiger Körpergewalt".

Jeannée schreibt unter anderem: "Weder wird da misshandelt noch mit besonderer Brutalität gegen den Tatverdächtigen vorgegangen." "Falter"-Chefredakteur Florian Klenk denunziert er als "Polizistenhasser".

Vom österreichischen Presserat wurde Jeannée bisher sechsmal gerügt. Die "Kronen Zeitung" ist nicht Mitglied des Selbstkontrollorgans. (Oliver Mark, 20.8.2015)

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