Ameisen ließen sich vom Wind über die Ostsee wehen

23. August 2015, 18:32
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Rätselhaft: Temnothorax crassispinus hat eine Schäreninsel vor Stockholm besiedelt – im Rest von Schweden ist die Ameise nicht zu finden

Görlitz – Die Knotenameise Temnothorax crassispinus ist auf dem europäischen Festland schon lange bekannt. Mittlerweile ist sie aber auch dort anzutreffen, wo es sie vor einiger Zeit noch nicht gab, nämlich auf einer Schäreninsel nordöstlich von Stockholm. Forscher des Senckenberg-Museums für Naturkunde in Görlitz glauben, dass die kleinen Insekten mit dem Wind gereist sind.

Geschwommen sind die Tiere jedenfalls nicht: Temnothorax crassispinus ist nicht nur wasserscheu, das kühle Nass bekommt ihr überhaupt nicht. "Die Tiere sterben nach dem Kontakt mit Wasser in kurzer Zeit", erklärt der Görlitzer Forscher Bernhard Seifert. Umso überraschter waren er und sein schwedischer Kollege Anders Hagman, als sie die Ameisenart ausgerechnet auf der Insel Hästnacken fanden – nicht aber im Rest von Schweden. Die nächstgelegenen großen Temnothorax crassispinus-Populationen befinden sich über 200 Kilometer südwestlich, in Lettland und Polen.

Erste Hypothese verworfen

"Da stellte sich für uns die Frage: Wie haben es die wasserscheuen und schlecht fliegenden Tiere auf so ein Felseneiland geschafft?", so Seifert. Erst glaubten die Insektenforscher an eine Einschleppung durch den Menschen im Zusammenhang mit dem Brennholzbedarf für den historischen Ziegeleibetrieb auf Hästnacken.

"Diese Ameisen nisten bevorzugt in Eichenwäldern, da lag es nahe, an Holzimporte mit 'blinden Passagieren' zu denken", erzählt Seifert. "Wir haben deshalb schwedische Quellen über Holzimporte und Ziegeleibetrieb aus der Zeit nach dem Ende des Nordischen Krieges im Jahr 1720 studiert." Dabei fanden die Forscher heraus, dass Schweden nach dem verlorenen Krieg den Handel mit den südlichen und südöstlichen Ländern aufgab und Holz überwiegend aus dem eigenen Land oder aus Finnland verwendet wurde. Diese Möglichkeit der Einschleppung konnte demnach schnell ausgeschlossen werden.

Luftplankton

Deshalb gehen die beiden Forscher nun davon aus, dass die Ameisen mit dem Wind von Lettland oder Polen über die Ostsee auf die Insel gelangten."Die Tiere selbst sind zwar ziemlich schlechte aktive Flieger – ihre im Verhältnis zum geringen Gewicht sehr große Flügelfläche macht sie aber ideal für den passiven Transport als 'Luftplankton‘", sagt Seifert. Auch die während der sommerlichen Ameisen-Flüge vorherrschenden Windrichtungen unterstützen die These der "windverfrachteten Ameise". (red, 23. 8. 2015)

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    foto: senckenberg/seifert
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