Wladimir Jakunin: Russischer Bahnchef auf dem Abstellgleis

Kopf des Tages19. August 2015, 17:41
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Der mächtige Chef der Staatsbahnen könnte nun doch noch über Korruptionsvorwürfe gestolpert sein

Wladimir Jakunin war stets mehr als nur ein Eisenbahner. Die russische Bahn AG, RZD, mit ihren mehr als einer Million Mitarbeitern und ihrem gut 85.000 Kilometer langen Schienennetz, diente ihm mit ihren gigantischen Ausmaßen lediglich als Hintergrund, um sein eigenes Gewicht als Politiker zu betonen – und, wie böse Zungen auch behaupten, die Familienkasse aufzubessern.

Nun soll er tatsächlich Senator der Region Kaliningrad werden. Anlass zur Freude wäre das für ihn freilich nicht – denn Jakunins Ambitionen richteten sich stets auf die große Politik. Der 67-Jährige diente nach einem eher technischen Abschluss als Flugzeugingenieur jahrelang in diplomatischen Kreisen, erst im sowjetischen Außenhandel und dann in der sowjetischen UN-Vertretung in New York – in Positionen, die gewöhnlich KGB-Agenten als Tarnung dienten. Jakunin selbst räumte später ein, 22 Jahre beim Geheimdienst tätig gewesen zu sein.

Putin durch den KGB verbunden

Die gemeinsame KGB-Schule dürfte die Freundschaft zu Russlands Präsident Wladimir Putin begründet haben. Jakunin ist einer der Mitbegründer des legendären Petersburger Datschen-Kooperativs "Osera" um Putin, dessen Mitglieder bis heute zumeist in einflussreichen Positionen sitzen.

Jakunin galt und gilt als einer der engsten Weggefährten des Präsidenten. Als Putin nach seinem Umzug aus St. Petersburg zum Kremlchef aufstieg, machte auch Jakunin in Moskau Karriere; erst als stellvertretender Verkehrsminister und dann bei der Eisenbahn, wo Jakunin sich seit 2005 mit dem Titel Präsident schmücken kann.

Wandlung vom Kommunisten zum Kirchgeher

Unter Jakunin wurden zahlreiche Modernisierungsprojekte der Bahn, wie eine Hochgeschwindigkeitsstrecke, angeschoben. Und doch wurde er vor allem durch seine politischen Initiativen und durch Korruptionsvorwürfe der Opposition bekannt. Wie kein zweiter verkörpert Jakunin als Leiter einer orthodoxen Stiftung die Wandlung der atheistischen Sowjet-Nomenklatura zu Bannerträgern der russisch-orthodoxen Kirche.

Putins Politik hat Jakunin stets unterstützt, sein Auftauchen auf einer US-Sanktionsliste nannte er eine Ehre. Und doch gibt es seit Jahren Gerüchte über die Ablösung des allzu ambitionierten Bahnchefs, der schon 2013 einmal einen Tag lang als abgesetzt galt, ehe der Kreml den Rückwärtsgang einschaltete und das umlaufende Dekret als "Hackerattacke" zurückzog. Sollte sich die angeblich bevorstehende Degradierung zum Senator bestätigen, so deutet dies auf heftige Machtkämpfe innerhalb des Kremls. (André Ballin, 19.8.2015)

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    foto: reuters / maxim shemetov
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