Wo Öl und Gas sind, da ist Schlumberger

20. August 2015, 13:11
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Er ist überall in der Welt, wo es um fossile Brennstoffe geht, hat mehr Angestellte als Google und mehr Umsatz als Goldman Sachs und ist mehr wert als McDonald's – dennoch kennt kaum jemand den geheimnisvollsten Betreiber des weltweiten Ölgeschäfts

Als bei einer hochrangigen Konferenz am Ufer der Themse im späten April die letzte Stunde des Tages beginnt, sitzen zwei Führungskräfte des Ölgeschäfts geduldig in ausgeblichenen Lederstühlen in der Lobby des Tower-Bridge-Hotels. Zu ihren Füßen finden sich Aktenkoffer, Baupläne und ein Bogen gefaltetes Flipchart-Papier.

Die zwei bebrillten Führungskräfte, die aussehen wie dezent gekleidete Filialleiter, entschwinden plötzlich in ein Separée, um sich mit Abdullahi Haider zu treffen, einem leitenden Berater der somalischen Regierung und kanadischen Mittelsmann, der mit einer Stunde Verspätung auftaucht.

Bei Somalia könnte es sich um eine der großen, noch nicht erschlossenen Offshore-Ölquellen handeln; wenn jemand imstande ist, einen derartigen Vertrag abzuschließen und Öl zu finden und zu fördern – wenn das jemand zustande bringt, dann ist es jenes Unternehmen, für das diese Männer arbeiten.

Das afrikanische Land ist eines der politisch instabilsten, unsichersten und korruptesten der Welt; es gehört zu den härtesten Orten, an denen ein Unternehmen tätig sein kann.

Kein Rampenlicht

Aber genau das macht Schlumberger – das große Unternehmen, von dem Sie noch nie zuvor gehört haben –, wenn die Belohnung nur hoch genug ist.

Schlumberger war der "Gold"-Sponsor der Konferenz, eines Zweitageevents mit rund 100 Teilnehmern. Diskutiert wurde, wie die somalischen, potenziell unermesslich großen Öl- und Gasvorräte erschlossen werden können.

Die Inhalte der Gespräche, die die vier Männer führten, als die Konferenzveranstalter um sie herum zusammenpackten, sowie ihre Plakate bleiben geheim. Die Führungskräfte, typisch für den geheimnisvollen Ölgiganten, lehnten es ab, dem "Guardian" zu sagen, was sie besprochen haben.

Schlumberger beschäftigt mehr als 100.000 Angestellte, die erkunden, planen und in 85 Ländern überall auf der Welt so viel Öl und Gas wie möglich fördern. Mit einem Umsatz von 48 Milliarden Dollar im Jahr und einer Bewertung von mehr als 116 Milliarden Dollar hat Schlumberger mehr Angestellte als Google, einen größeren Umsatz als Goldman Sachs und einen höheren Wert als McDonald's.

Die Firma arbeitet mit allen großen internationalen Ölgesellschaften zusammen und direkt für die meisten der Ölstaaten – inklusive Saudi-Arabien, Libyen, Russland und Turkmenistan. Sie ist in den schwierigsten Gebieten tätig, sei es politisch, logistisch oder technologisch, und ist Weltmarktführer bei jenen Technologien, die fossile Brennstoffe aus dem Boden holen – mit 36.000 patentierten Verfahren, die den Kunden helfen, genau das zu tun. Und Schlumberger schafft all das, ohne im Rampenlicht zu stehen.

Größte Geldstrafe wegen Verstoßes gegen Sanktionen

Ende vergangenen Monats stellte Schlumberger im Rahmen einer Einigung mit den US-Behörden einen Rekord auf, den das Unternehmen nicht an die große Glocke hängen will: die größte Geldstrafe, die je ein Unternehmen in der Geschichte der USA wegen eines Verstoßes gegen Sanktionen zahlen musste.

Die Straftat, zu der sich die Firma schuldig bekannte, bestand darin, ihre US-Angestellten in sanktionsumgehende Aktivitäten einzubeziehen, mit dem Iran und dem Sudan, sowie für ihre (nicht erfolgreichen) Anstrengungen, diese Aktivitäten vor den Behörden zu verschleiern.

Jährlicher Umsatz von 48 Milliarden Dollar

Schlumberger muss nun eine Geldstrafe von 155 Millionen Dollar bezahlen, auf 77,5 Millionen Dollar Gewinn verzichten und unterliegt als Unternehmen einer dreijährigen Bewährungsfrist – die gelbe Karte der Geschäftswelt. Allerdings ist eine derartige Geldstrafe bei einem Unternehmen, das einen jährlichen Umsatz von 48 Milliarden Dollar erzielt, dessen Anteil aus dem Iran-Geschäft sich alleine im Jahr 2012 auf 208 Millionen Dollar belief, nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

An dem Tag, als Schlumberger sein Schuldeingeständnis unterschrieb, legten die Schlumberger-Aktien um beinahe zwei Prozent zu. Ein deutliches Zeichen dafür, dass die Investoren in der Strafe wenig mehr sahen als einen Klaps auf die Finger. Allerdings wirft die Vereinbarung in beispielloser Weise Licht auf einige der internen Abläufe einer Gesellschaft, die für das Geschäft der Ölförderung überall auf der Welt maßgeblich sind.

Tiefseebohrungen, arktische Erkundungen, Refracking

Tatsächlich gehört Schlumberger kein Öl- oder Gasfeld, es stand deshalb auch nicht auf der Desinvestitionsliste jener 200 Unternehmen des "Guardian" im Rahmen der "Lassen wir es unter der Erde"-Kampagne. Schlumberger ist vielleicht die raffinierteste Ölfeld-Dienstleistungsgesellschaft der Welt – unabkömmlich bei Tiefseebohrungen, arktischen Erkundungen, dem Refracking (ein Kaufangebot, um den schrumpfenden Fracking-Standort zu "stimulieren" und die Produktion anzukurbeln) und Ähnlichem – und arbeitet mit vielen der in staatlicher Hand befindlichen Ölgesellschaften zusammen, denen die meisten der weltweiten Ölreserven gehören.

All das wird durch eine große Investition von 114 Millionen Pfund des Wellcome Trust ermöglicht; auch der Gates Foundation Trust hält einen Anteil in Höhe von drei Millionen Dollar an der Gesellschaft. Schlumberger mag es an einem öffentlichen Profil fehlen, wie es sein Branchenrivale Halliburton hat – dieser war nach dem Irak-Krieg für seine engen Kontakte zu dem früheren US-Vizepräsidenten Dick Cheney unter Wahlhelfern berüchtigt –, dennoch ist Schlumberger um einiges größer als Halliburton. Schlumberger ist fast dreimal so viel wert wie sein in US-Hand befindlicher Rivale und beschäftigt 35.000 Angestellte mehr.

Arbeit unterhalb des Radars

Schlumberger wurde 1926 von zwei französischen Brüdern als Schürfgesellschaft gegründet und arbeitet unterhalb des Radars. Wo seine besser bekannten, aber kleineren Rivalen offen Lobbyarbeit betreiben, politischen Parteien spenden und sogar namhafte Politiker anstellen, macht Schlumberger nichts davon. Die Ergebnisse verdeutlichen die Überzahl: Im letzten Vierteljahr wurde über Halliburton mehr als 1.700-mal in der britischen Presse berichtet. Über Schlumberger nur in 500 Artikeln, zumeist kleine, im Unternehmensteil versteckte Meldungen.

Einer von Schlumbergers Kunstgriffen ist seine Beinahe-Staatenlosigkeit. Ganz anders als Halliburton ist es nicht in amerikanischer Hand. Obwohl es ein börsennotiertes Unternehmen sowohl in den USA als auch in Großbritannien ist und auch "Zentralen" in London (ein schlanker Glasturm nur einige Meter vom Buckingham-Palast entfernt), Paris, Den Haag und Houston hat, ist Schlumberger formal in Curaçao, einem karibischen Offshore-Steuerparadies mit Verbindungen in die Niederlande, gegründet worden.

Keine rein amerikanische Gesellschaft

Die komplexe Struktur der Gesellschaft, die ihre Betriebsgesellschaften über Tochtergesellschaften in den Niederlanden, auf den Britischen Jungferninseln und in Panama steuert, arbeitet oftmals zu ihren Gunsten. Einer dieser Vorteile, der über mehrere Jahre bestand, war, dass Schlumberger, eben weil es keine amerikanische Gesellschaft war, trotz der US-Sanktionen im Iran und dem Sudan tätig sein konnte – inklusive direkter Tätigkeit für die National Iranian Oil Company.

Die wesentliche Voraussetzung war, dass keine US-Bürger oder Angestellten auf amerikanischem Boden in derartige Verträge involviert werden durften. Bedauerlicherweise war es Schlumberger unmöglich, sich an diese Klauseln zu halten – was die amerikanischen Behörden herausfanden und dann zuschlugen.

Die Dokumente, die das US-Justizministerium einreichte und die von Schlumberger durch das Schuldbekenntnis akzeptiert wurden, zeigen, wie gegen die US-Sanktionen wiederholt und absichtlich verstoßen wurde.

Die US-Mitarbeiter haben, so die Dokumente, Investitionen freigegeben – Geld, das für Ausrüstungsgegenstände und anderen Bedarf ausgegeben werden sollte –, was gegen die Klauseln der US-Sanktionen verstieß. Das Dokument des Justizministeriums führt auch aus, welche Schritte die Mitarbeiter unternahmen, um ihre Spuren zu verwischen, was auch das Erstellen von Decknamen umfasste – und die aus dem Sudan "Südliches Ägypten" machten, wenn für das jeweils betreffende Land Gelder beantragt wurden.

Codewörter für Länder angegeben

"In E-Mails und Briefen wurden oftmals Codewörter für den Iran und/oder Sudan angegeben", steht im Bericht. "Beispielsweise bezeichneten die Angestellten des Geschäftsbereichs Bohren und Vermessen im Nahen Osten und Ostasien grundsätzlich den Iran als "Nördlichen Golf" und den Sudan als "Südliches Ägypten" … die Gelder wurden von den Angestellten des Geschäftsbereichs Bohren und Vermessen in den USA freigegeben, obwohl die Gelder für oder im Auftrag des Iran oder des Sudan bestimmt waren."

Ein E-Mail-Verkehr zwischen Schlumberger-Angestellten beleuchtet, welche Schritte die Mitarbeiter unternahmen, um zu verhindern, dass Sendungen, die an gesperrte Länder adressiert waren, amerikanischen Boden erreichen. In einer E-Mail nach Texas steht: "Ich habe absichtlich keine weiteren Akten verschickt, denn dort wird namentlich 'Südliches Ägypten' beim Namen genannt."

In den Dokumenten wird angegeben, dass Schlumberger-Mitarbeiter Länderkennzeichnungen veränderten, um Hinweise auf den Iran und den Sudan zu vermeiden. Ferner wurde auch der "Austausch" von Ausrüstungsgegenständen koordiniert, um so in den USA hergestellte Ausrüstungsgegenstände leichter an Standorte im Iran und dem Sudan liefern zu können, indem neue Ausrüstungsgegenstände in erlaubte Länder (wie Jordanien) geschickt wurden, wo sie nicht gebraucht wurden und von wo die angeblich gebrauchte Ausrüstung zum Weiterversand in die gesperrten Länder freigegeben wurde. "Damit unterstützen wir den Sudan erneut während ihres Embargos", schreibt ein Angestellter, der einen dieser Deals koordiniert, in einer E-Mail.

"Ein peinliches Ereignis"

Geldstrafe und Bewährungsfrist zum Trotz, die für Schlumberger das Verbot einschließt, wieder im Iran und dem Sudan tätig zu werden (es hat beide Länder soeben verlassen), halten Analysten diesen Vorgang für grundsätzlich machbar – die Gesellschaft sei jetzt frei, anderswo zu tun, was sie will.

"Jeder kannte die Gesellschaft Schlumberger, denn sie besitzt praktisch die doppelte Staatsangehörigkeit … und es wurde ihr gestattet, in bestimmten Gegenden tätig zu sein, was ihr einen gewissen Vorteil vor bestimmten anderen Gesellschaften und Gegenden einräumt, und der Iran war eine davon," erläutert David Anderson, ein Analyst für Öldienstleister und Investitionsgüter bei Barclays. "Sie war in dem Land tätig und sie hat die Geldstrafe bezahlt".

Für die Ölanalysten ist die Verletzung der Sanktionen durch Schlumberger eine Sache der Vergangenheit, ein peinliches Ereignis, das man am besten vergisst. Die Gesellschaft kann möglicherweise nicht mehr im Iran und dem Sudan tätig sein, aber sie kann ihre Geschäftstätigkeit weiterhin an den schwierigsten Orten der Welt ausüben.

Schlumberger hat bewiesen, dass es keine Angst vor umstrittenen Kunden hat, es treibt Geschäfte in autokratischen Staaten, die von Menschenrechtsgruppen und westlichen Regierungen scharf kritisiert werden. Zu den Kunden der Gesellschaft zählen Libyen, Burma, Turkmenistan, der Tschad und Angola.

Tätigkeit in schwierigen Gegenden

Die von Wikileaks im Jahr 2011 offengelegten Dokumente werfen Licht auf die Ansichten des US-amerikanischen Außenministeriums, die einige der damals von Schlumberger ausgeübten Tätigkeiten betreffen, und untermauern seine Präsenz in einigen der schwierigsten Gegenden, in denen man tätig sein kann.

Die US-Botschaft in Turkmenistan stellte fest, dass die Gesellschaft einen einheimischen Schieber angestellt hatte – einen "Ombudsmann" in ihrer Ausdrucksweise –, um "Schikanen und räuberische Erpressung durch die örtliche Polizei" zu verringern, was dubiose "Geldstrafen", Steuerprüfungen und sogar Deportationen von Angestellten einschloss, die sich mit turkmenischen Frauen "verbrüdert" hatten, was in dem autoritären Staat einen großen Tabubruch darstellt.

Als gute Nachricht wurde in einem Memorandum des US-Außenministeriums vermerkt, dass eine Führungskraft von Schlumberger "angab, dass die Korruption in Turkmenistan nicht so schlimm sei wie in Kasachstan oder Aserbaidschan" – Länder, in denen Schlumberger ebenfalls tätig ist.

Andernorts musste sich Schlumberger gegen Geiselnahmen und Überfälle in Nigeria verteidigen – dort musste die Gesellschaft "ihre Ausgaben für die Sicherheit verdreifachen, die sich nun auf 55 Prozent ihres Budgets belaufen".

Weltweiter Kundenstamm

Jedenfalls standen die finanziellen Belohnungen für die Öldienstleister-Gesellschaften wie Schlumberger und dessen kleinere Rivalen für ihre Bereitschaft, dort zu arbeiten, wo andere vor dem Wagnis zurückschrecken, bereits fest. In Kuwait wurden Schlumberger und seine Rivalen mit "nahezu allen" Geländearbeiten für die einheimische Ölgesellschaft beauftragt, während in den Vereinigten Arabischen Emiraten einem Vermerk einer Führungskraft des Außenministeriums zufolge im Jahr 2005 "Halliburton, Baker-Atlas, Schlumberger und andere Dienstleister sich wie Oligopolisten verhalten und sich immer größerer Gewinne erfreuen".

Die Herzstücke von Schlumbergers Unentbehrlichkeit sind sein weltweiter Kundenstamm und seine Spezialisierung auf die Förderung von so vielen fossilen Brennstoffen wie möglich. Den Rivalen wird oftmals nachgesagt, um den niedrigsten Preis zu konkurrieren, wohingegen Schlumberger seine technische Expertise anbietet, Öl und Gas zu finden und bis zum letzten Tropfen oder Hauch auszubeuten.

"Man könnte fast meinen, Schlumberger sei das Zentrum der Ölfelder, als Hightech-Unternehmen ist es allgegenwärtig", sagt Robert MacKenzie, Analyst bei Iberia Capital Partners und früher Angestellter von Schlumberger.

"Wenn Sie ein Ölfeld erschließen wollen, und Sie wollen den Besten, dann beauftragen Sie Schlumberger. Wenn Sie noch keine klare Vorstellung davon haben, wie alles vonstattengeht, und Sie jemanden wollen, der Ihnen bei der Erschließung hilft, dann holen Sie Schlumberger. Es hat in der Vergangenheit schon viele technische Entwicklungen in diesem Industriebereich vorangebracht, und das Ende ist noch nicht erreicht."

Technologische Dominanz

Schlumbergers technologische Dominanz zeigt sich auch in einem überaus beeindruckenden Patentportfolio. Eine Suche in "Espacenet", einer internationalen Datenbank, die vom Europäischen Patentamt betrieben wird, zeigt mehr als 36.000 Patente, die auf die Firma angemeldet sind. Die gleiche Suche für Halliburton gibt 25.000 an, während für Baker Hughes, die drittgrößte Gesellschaft in diesem Industriezweig, 20.000 angezeigt werden.

"Ihre Technologie ist real, legitim und sicherlich das Gütesiegel der Gesellschaft", sagt David Anderson von Barclays, der Schlumbergers Patentportfolio als "Aushängeschild" der Gesellschaft seit ihrer Gründung beschreibt. Dadurch bleibt die Gesellschaft weiterhin erfolgreich: Schlumbergers Bilanzgewinn überstieg im Jahr 2014 fünf Milliarden Dollar, und die Gesellschaft erfreute sich auch in der Vergangenheit an historisch höheren Gewinnmargen als ihre Rivalen.

Die Gesellschaft schwadroniert überall von ihrem technischen Vorsprung, insbesondere Patrick Schorn, einer der Vorstände der Gesellschaft, der auf einer Energiekonferenz im Dezember 2014 erzählte, dass Schlumberger 2013 weitere 689 Patente erteilt wurden – um 166 Prozent mehr als fünf Jahre zuvor. Schorn stellte Techniken vor, um Fracking anzukurbeln, und für die Detailprüfung schwer zu analysierender Ölvorräte.

Vorräte fördern, die Umweltschützer im Boden lassen wollen

Schlumberger nutzt seine Forschung und Entwicklung, um mit gänzlich neuen Verfahren Geld zu verdienen und Bohrungen zu ermöglichen, die es den großen westlichen Öl- und Gasgesellschaften sowie staatlichen Unternehmen ermöglichen, genau jene Vorräte zu fördern, die den Umweltschützern zufolge in der Erde bleiben müssten.

"Die schiere Größenordnung der Tiefseereserven und das Produktionspotenzial sind für die Industrie einfach viel zu groß, um sie zu ignorieren", sagte der Vorstandsvorsitzende Paul Kibsgaard vor Branchenvertretern Anfang des Jahres.

Das Werbematerial seiner Gesellschaft schlägt in dieselbe Kerbe. "Keine Firma kann mit unseren laufenden Investitionen im Bereich Forschung & Entwicklung in der Tiefsee mithalten", verspricht eine Broschüre aus dem Jahr 2014, bevor sie Bezüge herstellt zu der "überragenden Marktposition" im Bereich von Ultratiefsee-Bohranlagen, einer gefährlichen und umstrittenen Fördermethode, insbesondere im Gefolge der Deepwater-Horizon-Katastrophe im Golf von Mexiko.

Risikopotenzial für die Geschäftstätigkeit

Schlumbergers Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen drängt zu neuen Wegen. Die Firma hat kürzlich begonnen, ihren Refracking-Kunden neue, risikolose Angebote zu unterbreiten, für die keine Provision bezahlt werden muss, es sei denn, Schlumberger hebt seine Produktion über ein bestimmtes Maß an. Zu diesem Zeitpunkt steigen die Kunden dann mit einem Anteil ein; sie werden im Großen und Ganzen zu einer Ölgesellschaft zusammengeschlossen – das Angebot an die Ölindustrie ähnelt dem von klagewütigen [amerikanischen] Anwälten: "Kein Sieg – keine Kosten."

Die Abhängigkeit der Geschäftstätigkeit von der Förderung fossiler Brennstoffe wurde vor kurzem in einem Abschnitt des offiziellen Jahresberichts von 2012 stillschweigend anerkannt, der das bedeutende Risikopotenzial für die Geschäftstätigkeit kurz erwähnte. In der zurückhaltenden Sprache der Firmenwelt wird gewarnt, dass "die Nachfrage nach unseren Produkten und Dienstleistungen infolge von Änderungen der gesetzlichen Vorschriften zurückgehen" könnte.

"Einige internationale, nationale und Landesregierungen und Behörden bewerten und verkünden derzeit eine das Klima betreffende Gesetzgebung und Regulierung, die auf die Einschränkung von Treibhausgasen ausgerichtet ist", wird in dem Abschnitt erläutert.

"Eine derartige Gesetzgebung … kann die Nachfrage nach und die Produktion von fossilen Brennstoffen wie Öl und Gas in den Weltgegenden, in denen unsere Kunden tätig sind, deutlich beschneiden und negative Auswirkungen auf die künftige Nachfrage nach unseren Dienstleistungen nach sich ziehen, was sich nachteilig auf unsere finanzielle Lage, die Ertragslage und den Cashflow auswirkt."

Dennoch ist die Firma derzeit noch darauf aus und gewillt, nach den ungenutzten Grenzen der fossilen Brennstoffe zu suchen. Zu den avisierten Zielorten gehört die Arktis, wo Schlumberger vergangenes Jahr auf ein riesiges Ölvorkommen in Russlands eisiger Karasee gestoßen ist.

Bewährungszeit von drei Jahren

Obwohl sie mit den USA wegen der Sanktionen aneinandergeraten ist, ist die Firma laut einem Bloomberg-Bericht in der Lage, in Russland in der Arktis Öl zu fördern, allen US-Sanktionen zum Trotz. Da die Gesellschaft jedoch eine Bewährungszeit von drei Jahren abzuleisten hat, wird sie sich diesmal entsprechend vorsichtig verhalten, um nicht in die Schlagzeilen zu geraten.

Der "Guardian" hat Schlumberger fünf Tage vor Veröffentlichung dieses Artikels kontaktiert, um der Firma die Gelegenheit zu geben, zu dem erhobenen Sachverhalt dieses Artikels Stellung zu nehmen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, 72 Stunden nach dem ersten Fristablauf für die Stellungnahme, standen Schlumbergers Antworten auf die E-Mail und die Fragen des "Guardian" noch aus, die über den bloßen Verweis auf eine kürzlich erfolgte Veröffentlichung des US-Justizministeriums zum rechtskräftigen Urteil in einem Sanktionsfall hinausgehen.

Der nicht greifbare Vorstandsvorsitzende

Es gibt nur wenige Presseinterviews, und auf der Website der Firma erscheint nur eine kurze Biografie mit den Karrierehöhepunkten. Kibsgaard trat 1997 als Ingenieur in Saudi-Arabien in die Firma ein und arbeitete sich Stufe um Stufe empor; 2011 wurde er zum Geschäftsführer ernannt und im April auf den Thron des Vorstandsvorsitzenden gehoben.

Obwohl nur verhältnismäßig wenig über Kibsgaard bekannt ist, gehört er zu den am höchsten bezahlten Führungskräften in den USA. Vergangenes Jahr betrug sein Gesamteinkommen inklusive Anteilen und Optionen gemäß von Equilar zusammengestellten Daten nahezu 17 Millionen Dollar – mehr, als Tim Cook von Apple und die Vorstandsvorsitzenden von Nike und Ford erhalten.

Kibsgaard sitzt am Ruder eines wahrhaft globalen Unternehmens; im Jahr 2013 wurde der 47-Jährige aus Ålesund, einem malerischen Hafenstädtchen inmitten schneebedeckter Berge an Norwegens Westküste, vom Magazin "Foreign Policy" zu einem der 500 mächtigsten Menschen dieses Planeten ernannt.

Einblick in kühne Vision

Früher in diesem Jahr hat Kibsgaard eine Medaille von einem anderen der mächtigsten Menschen der Welt erhalten: Wladimir Putin. Aufgrund einer vom russischen Präsidenten unterschriebenen Urkunde wurde Kibsgaard die Medaille des "Ordens der Freundschaft" verliehen – für Schlumbergers Beitrag zur großen Entdeckung in der russischen Arktis.

Vergangenen Monat hat Kibsgaard – von dem angenommen wird, der höchstbezahlte Norweger zu sein – bewiesen, dass er ein rücksichtsloser Rüpel ist, als er die Belegschaft von Schlumberger als Antwort auf die gesunkenen Ölpreise um drastische 15 Prozent zusammenstrich. Auch jetzt unterstützen die Aktionäre Kibsgaard – vermutlich ist das einer besonders großzügigen Anhebung der Dividende zu verdanken, seit er den Führungsjob innehat.

In einem der seltenen Interviews im vergangenen Jahr hat Kibsgaard mit dem Finanzmagazin "Barron's" über seine Ziele für Schlumberger gesprochen und einen Einblick in seine kühne Vision gewährt. "Ich finde nicht, dass es reicht, wenn wir uns darauf konzentrieren, nur die beste Firma in unserer Branche zu sein", sagte er. "Wir haben das Potenzial, die bestgeführte Firma der Welt zu sein, und das wollen wir erreichen." (James Ball, Harry Davies, "The Guardian", 19.8.2015)

Hintergrund

Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung des "Guardian" veröffentlicht und ist Teil einer internationalen Medienkooperation zum Thema Klimawandel.

Weitere Informationen zur Medienkooperation

Der Artikel ist Teil der "Keep It In The Ground"-Serie.

Deutsche Übersetzung von Karen Gay-Breitenbach, DVÜD – VoxEurop (Editing: Yann Schreiber, VoxEurop)

  • Arbeiter auf einem Ölfeld in Basra im Süden des Irak.
    foto: reuters / atef hassan

    Arbeiter auf einem Ölfeld in Basra im Süden des Irak.

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