Mindestlohn-Anhebung: Staat als Hauptprofiteur

19. August 2015, 12:54
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Glaubt man der liberalen Denkfabrik Agenda Austria, wären die Arbeitnehmer nicht Hauptgewinner einer Anhebung des Mindestlohns

Wien – Die liberale Denkfabrik Agenda Austria liefert neues Futter für die Mindestlohndebatte. Wolfgang Katzian, Chef der Gewerkschaft der Privatangestellten, hatte wie berichtet zuletzt mit neuen Mindestlohnforderungen aufhorchen lassen. Die Untergrenzen in den Kollektivverträgen sollten sich "in Richtung" 1.700 Euro bewegen, erklärte Katzian in der "Presse" als Reaktion auf die Kritik von Finanzminister Hans Jörg Schelling (ÖVP), dass das Arbeitsloseneinkommen in vielen Fällen fast genauso hoch sei wie das Arbeitseinkommen. Arbeiterkammer-Chef Rudolf Kaske gab im "Kurier" die Devise aus, dass 1.700 Euro "ein mittelfristiges Ziel" seien, zunächst gelte es, die Hürde von 1.500 Euro für alle zu schaffen.

Dürftiges Ergebnis für Arbeitnehmer

Glaubt man den Berechnungen der Agenda Austria, wären die Hauptgewinner einer Anhebung der Mindestlöhne aber nicht wie beabsichtigt die Arbeitnehmer, sondern der Staat. Weniger als die Hälfte der zusätzlichen Arbeitskosten gingen demnach an die Beschäftigten. Das liege insbesondere an den hohen Sozialversicherungsbeiträgen.

Am Beispiel Handel sieht das nach den Berechnungen von Agenda Austria folgendermaßen aus: 60 Prozent des Lohnzugewinns gingen über Sozialversicherungsbeiträge und Steuern an die öffentliche Hand. Der Arbeitnehmer selbst erhielte 1.896 Euro im Jahr mehr, der Staat 2.884 Euro. Den Arbeitgeber kostet die Anhebung des Mindestlohns somit 4.781 Euro pro Mitarbeiter und Jahr. Das sind um 18 Prozent höhere Arbeitskosten, die erwirtschaftet werden müssen, wenn der Job nicht verloren gehen soll.

Zeitungszusteller bekommen mehr

Einen etwas höheren Anteil würde etwa ein Zeitungszusteller erhalten. Mit 866 Euro brutto monatlich (für 36 Stunden) müssen sie mit dem mit Abstand geringsten Einkommen aller Branchen (vor den Taxifahrern mit 1.100 Euro) auskommen. 1.700 Euro Mindestlohn für die Zusteller hätten folgende Auswirkungen: Der Arbeitnehmer würde einen etwas höheren Anteil der Zusatzkosten des Unternehmers bekommen, 49 Prozent. Allerdings ginge noch immer etwas mehr als die Hälfte an den Staat. Die Arbeitgeber würde ein solcher Mindestlohn 15.279 Euro pro Jahr und Beschäftigten mehr kosten.

Die OECD hat zur Debatte bereits Anfang Juli etwas beigesteuert: Österreich sei eines der wenigen Länder, in denen kein gesetzlicher Mindestlohn gelte. Die von den Sozialpartnern 2009 vereinbarte Lohnuntergrenze von 1.000 Euro sei seither nicht angepasst worden und im Vergleich zum Medianverdienst sehr niedrig. Nur ein verschwindend geringer Teil der Arbeitnehmer würde davon profitieren, so die OECD. (rebu, 19.8.2015)

  • Die Einkommen im Handel sind generell eher niedrig.
    foto: ap/roland

    Die Einkommen im Handel sind generell eher niedrig.

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