Serbiens Bierrevolution

Blog19. August 2015, 16:12
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Ein Abend in einer Bierstube mit dutzenden exzentrischen Biersorten ist für viele zur Tür in eine andere Welt geworden

Vor nicht so langer Zeit war in Serbien Bier – Bier. Man ging in eine Kneipe und bestellte – Bier. Eventuell hatte man die Auswahl zwischen zwei, drei einheimischen Biersorten. Schnapstrinker waren Biertrinkern zahlenmäßig sowieso weit überlegen. Denkt man an Serbien, denkt man ja an Sliwowitz, den bekannten serbischen Zwetschkenschnaps. Weingenießer betrachtete man grundsätzlich misstrauisch, als Angeber, die besser sein wollen mit ihren Ritualen und endlosen Gesprächen über Traubensorten und Weinlese. Wenn Wein, dann bitte billig, sauer und in großen Mengen, hieß es. Oder einen weißen Gespritzten.

Die Revolution in der serbischen Kneipenkultur begann in den 1980er-Jahren mit der Gründung erster Cafés (Kafić, Diminutiv von Café) in Großstädten: kleine Lokale mit einer Bar, wenigen Tischen, vornehmer eingerichtet als traditionelle Kneipen. Statt Volksmusik spielte man dort New Wave, Punk, Rock oder Pop. Sie entsprachen dem Geschmack der neuen, urbanen Generationen.

Zu Beginn gab es drei solcher Lokale in Belgrad, heute gibt es hunderte, vielleicht tausende, viele von ihnen sind richtige Meisterwerke der Innenarchitektur. Das Publikum in den neuen Lokalen, das westliche Musik hörte und sich modern anzog, wollte mehr westliche Biermarken haben. Und so kamen allmählich Heineken, Budweiser und Amstel auf die Getränkekarten, etwas teurer, aber, wie es in einer alten Werbung steht, es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben.

Kaum eine Wahl in den 1990ern

Dann brach 1991 der Krieg in Jugoslawien aus. In Serbien folgte ein Jahrzehnt der internationalen Verhöhnung und Isolation, des Wirtschaftsembargos und der größten Inflation der Weltgeschichte. Die Ansprüche der Bevölkerung waren gering, man trank, was es zu trinken gab und wofür man Geld hatte. Trotzdem, oder gerade deswegen, wurde 1996 der erste Irish Pub in Belgrad eröffnet mit Guinness und Kilkenny vom Fass. Für viele junge Menschen war dieser frische Biergeschmack aufregend. Allein die Möglichkeit, in Belgrad Guinness vom Fass zu trinken, während die Welt rundherum untergeht, entsprach dem menschlichen Streben nach Neuem und Besserem.

Im Frühjahr 1999 bombardierte die Nato fast drei Monate lang Serbien, im Oktober 2000 kam es zur demokratischen Wende. Nun folgte ein Jahrzehnt, erfüllt von politischen Krisen, doch mit Hoffnung auf ein besseres Leben. Auch wenn das politische System in demokratischer Hinsicht viel zu wünschen übrig lässt, ist Serbien heute politisch stabil, doch wirtschaftlich und sozial ruiniert, eingeschläfert in apathischer Hoffnungslosigkeit. Was hat das aber alles mit Bier zu tun?

Neue Weltansicht

"Es gibt noch andere Dinge im Leben als Bier, aber Bier macht diese anderen Dinge einfach angenehmer", schrieb der amerikanische Schriftsteller Stephen Morris. Nein, es geht hier nicht ums Beschwipstsein sein, das das schwierige Alltagsleben verträglicher macht, im Sinne der Bierklugerei von Thomas Mann: "Ich Geringer trinke täglich zum Abendbrot ein Glas helles Bier und reagiere auf diese anderthalb Quart so stark, dass sie regelmäßig meine Verfassung durchaus verändern. Sie verschaffen mir Ruhe, Abspannung und Lehnstuhlbehagen, eine Stimmung von 'Es ist vollbracht!' und 'Oh, wie wohl ist mir am Abend!'" Es geht um eine neue Weltansicht mancher Bürger Serbiens, um ein kulturelles und gesellschaftliches Phänomen.

Aus dem Nichts kam es vor wenigen Jahren zu einem Durchbruch in der serbischen, hauptsächlich der Belgrader Bierkultur. Man könnte natürlich behaupten, dass die serbische Hauptstadt dem Trend anderer europäischer Großstädte folgte, in denen es immer mehr Bierstuben mit erlesenen Biersorten und Craftbieren gibt, die in kleinen, unabhängigen Brauereien produziert werden. In Wien gibt es seit einiger Zeit so einige Craftbier-orientierte Lokale.

Die Tür zu einer anderen Welt

Doch in Belgrad ist es anders, denn weder gibt es in Serbien eine so entwickelte Bierkultur wie in Österreich, Deutschland, Belgien oder Großbritannien noch zahlkräftiges Publikum, das sich die teuren Biere locker leisten könnte. Für viele Belgrader ist ein Abend in einer Bierstube mit Dutzenden exzentrischen Biersorten keine modische Angelegenheit oder eine Abwechslung im Biergeschmack, sondern die Tür zu einer anderen Welt, die man anders nicht erreichen und sich nicht leisten kann. Man leistet sich einen Moment der Genugtuung. Ein Schluck eines eigenwilligen Bieres auf dem Gaumen versetzt einen, wohin immer man versetzt werden möchte.

Statt kleiner Cafés werden nun große Lokale eröffnet, statt auf vornehm setzt man auf innenarchitektonischen Minimalismus, im Vordergrund nicht mehr das Wie, sondern das Was – nämlich das Bier. Die Auswahl an Bierlokalen ist in Belgrad mittlerweile so groß, dass eine Website unter dem Name "Wo aufs Bier" entstand. Man erfährt dort alles, was man über Bier in der serbischen Hauptstadt erfahren möchte. Immer mehr serbische Webseiten beschäftigen sich ausschließlich mit Bier.

"Nur Bier"

Eine der bekanntesten Bierstuben im Zentrum der Stadt heißt "Nur Bier" (Samo pivo). Wie schon der Name sagt, kriegt man dort nichts anderes als Bier. Dafür aber eine riesige Auswahl: Brewdog, Krombacher, Dab, Bernard, Mönchshof, Radeberger, Schöfferhofer Kristallweizen oder Schneider Aventinus … Oder das "Berliner", in dem es neben der großen Auswahl an österreichischen, deutschen und belgischen Bieren auch gebratene Wurst und Fish and Chips gibt. Die Eigentümer des "Passanger" in der City sind stolz auf ihre Bierauswahl und werben mit Sorten, die "sonst niemand in Serbien anbietet". Es gibt mittlerweile Dutzende bierorientierte Lokale in Belgrad. Paulaner und Hoegaarden vom Fass sind schon Standard geworden.

Man findet auch Geschäfte, in denen man alles, was man braucht, kaufen kann, um selbst zu Hause Bier zu brauen, vom Braugerät bis zu Gerstenmalz, Hopfen und Hefe. Man findet Anweisungen und Rezepturen auf Serbisch im Internet, es finden Versammlungen von "Biermeistern" statt, die privat Bier für den Eigenkonsum oder in ganz geringen Mengen brauen.

Unabhängige Brauereien

Die kleine, unabhängige Brauerei Krugher & Brent wurde noch 1991 in Jugoslawien, im Ort Ritiševo im Banat, gegründet. Danach war lange Stillstand. Doch in den vergangenen Jahren entstanden unabhängige Brauereien wie The Camelot in Novi Sad, Kum in Šabac und The Black Turtle im Dorf Kukujevci in der Vojvodina.

Richtig auf dem Markt positioniert hat sich jedoch nur die unabhängige Brauerei Kabinet, die sich an den Hängen des Berges Kosmaj in Zentralserbien befindet. Die Eroberung Belgrads dauerte nur wenige Jahre, und zwar ohne Werbung. Man ging von Lokal zu Lokal und bot die im Geschmack selbstbewussten, naturtrüben Biere an. Nach kurzer Zeit sprach sich das Qualitätsbier herum. Man ging in ein Lokal, nur weil Kabinet im Angebot stand. In der Zwischenzeit gibt es das Bier mit erkennbarem Design überall, man kann es auch in spezialisierten Geschäften kaufen.

"Ich bin auf den Geschmack gekommen"

Selbstgebrannter Schnaps ist Tradition in Serbien. Auch Wein macht man traditionell für den Hausgebrauch. Doch die Besessenheit mit Bier ist etwas ganz Neues, und sie verbreitet sich unaufhaltsam. Wie eine arbeitslose Architektin sagt: "Als ich mir keine exzentrischen Dinge mehr leisten konnte, wollte ich wenigstens exzentrisches Bier trinken. Und dann bin ich auf den Geschmack gekommen."

Bier als Weltanschauung, wenn man den Glauben an alles andere verloren hat? Mag übertrieben sein, aber Bier als Lebensstil könnte stimmen, als kleine Freude im freudlosen Leben in einem von sozialer Misere gekennzeichneten Land, die man sich ab und zu leisten kann. Denn "Bier ist der überzeugendste Beweis dafür, dass Gott den Menschen liebt und ihn glücklich sehen will", wie Benjamin Franklin sagte.

Bei der immer größeren Nachfrage nach immer selteneren Biersorten ist es nur eine Frage der Zeit, bis aus kleinen serbischen Hausbrauereien große werden, bis Bier als Hobby für einige zum Geschäft wird. (Andrej Ivanji aus Belgrad, 19.8.2015)

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    foto: m.milenkovic/kamarades.com
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