Goldglanz in einer windschiefen Hütte

19. August 2015, 09:24
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Sebastian Coe ist neuer Präsident des Weltverbands der Leichtathletik. Der zweimalige Olympiasieger stach in der Wahl zu Peking den einmaligen Olympiasieger Sergej Bubka aus. Seine demonstrative Gelassenheit wird der Brite im neuen Amt gut brauchen können

Über 1500 Meter gewann Sebastian Coe 1980 und 1984 olympisches Gold, über die längste Mittelstrecke und die 800 Meter gelangen ihm Weltrekorde. Als Organisationschef der hochgelobten Olympischen Spiele 2012 in London absolvierte der glänzend vernetzte Funktionär einen wahren Marathon. In der neuen Position als Präsident des internationalen Leichtathletikverbands (IAAF) ist der Londoner eher als Sprinter gefragt: Das Image seines Sports ist durch Korruptionsvorwürfe und immer neue Dopingskandale schwer geschädigt, Coe muss unverzüglich aufräumen.

Das wurde ihm eher zugetraut als der Stabhochsprunglegende Sergej Bubka. Der 51-jährige Ukrainer unterlag bei der Wahl im Vorfeld der WM in Peking mit 92:115 Stimmen, wurde aber als Vizepräsident bestätigt.

Wird Coe der neuen Aufgabe gewachsen sein, die er als "Riesenherausforderung und hohe Ehre" bezeichnet? Bei den Experten halten sich Optimismus und Skepsis die Waage. Dass der 58-Jährige vor kurzem die Enthüllungen von ARD und Sunday Times über Blutdoping als "Kriegserklärung an meinen Sport" bezeichnete, lassen viele noch als Wahlkampfrhetorik durchgehen. Schwerer wiegt sein Versprechen an die 214 Mitgliedsverbände, sie würden in den nächsten vier Jahren je 100.000 Dollar erhalten. Für viele der kleineren Nationen wäre das eine Labsal. Freilich erinnert die Praxis an Sepp Blatter und dessen von Korruptionsvorwürfen korrodierten Weltfußballverband Fifa.

Lichtgestalt

Andererseits hat Coe reichlich Erfahrung und den Ruf persönlicher Integrität. In seiner Heimat gilt der konservative Baron im Oberhaus als Lichtgestalt, seit er 2004 Londons schlingernde Olympiabewerbung übernahm und erfolgreich zu Ende führte. Gelassen umschiffte der Vorzeige-Athlet alle Klippen – das exponentiell wachsende Budget, schlimme Sicherheitspannen, den Sponsorenstalinismus des Internationalen Olympischen Komitees.

Die große innere Ruhe führt Coe auf den Großvater mütterlicherseits zurück, der aus dem Punjab stammte. Den sportlichen Ehrgeiz hat der Vater geformt. Im Eigenstudium machte sich der Ingenieur Peter Coe zum "führenden Mittelstreckencoach seiner Generation", wie der Sohn glaubt. Dieser flog elegant von Sieg zu Sieg, obwohl er viel weniger Trainingskilometer pro Woche absolvierte als damals üblich. "Mein Vater hat mir viele Verletzungen erspart, weil er wusste, dass oft weniger mehr ist."

Dem Grundsatz, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren, ist Coe seither mit Erfolg treu geblieben. Erst kamen die Medaillen, dann eine Karriere in der Politik. Für die Konservativen saß Coe fünf Jahre im Unterhaus, zog später ins Oberhaus ein. Der Job im Olympia-OK beendete eine schwierige Lebensphase, in der sich der heutige Knight Commander des Order of the British Empire auch von der Mutter seiner vier Kinder trennte. Inzwischen ist er in zweiter Ehe mit einer Journalistin verheiratet.

Medienberatung erhält Coe von der PR-Agentur Vero Communications, die auch so zweifelhafte Kundschaft wie das OK der Fußball-WM in Katar 2022 betreut. Viel wird davon abhängen, ob die IAAF rasch glaubwürdige Antworten auf die brennensten Fragen findet. Sonst könnte selbst Coes Goldglanz bald dahin sein.

Sebastian Coe war ein eleganter Läufer, ein wortgewandter Politiker und ein ausdauernder Organisator. In seiner neuen Funktion kann der zweimalige Olympionike alle seine Talente sehr gut gebrauchen. Er will aber auch einem Grundsatz treu bleiben: "Oft ist weniger mehr." (Sebastian Borger aus London, 19.8.2015)

  • Sebastian Coe war ein eleganter Läufer, ein wortgewandter Politiker und ein ausdauernder Organisator. In seiner neuen Funktion kann der zweimalige Olympionike alle seine Talente sehr gut gebrauchen. Er will aber auch einem Grundsatz treu bleiben: "Oft ist weniger mehr."
    foto: epa/wu hong

    Sebastian Coe war ein eleganter Läufer, ein wortgewandter Politiker und ein ausdauernder Organisator. In seiner neuen Funktion kann der zweimalige Olympionike alle seine Talente sehr gut gebrauchen. Er will aber auch einem Grundsatz treu bleiben: "Oft ist weniger mehr."

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