Pro und Kontra: Streit um Normenstrategie

Kommentar19. August 2015, 05:30
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Sind Normen wichtig für den Wohlstand oder eine Schikane für Kleinbetriebe?

PRO: Für einheitliche Reisestecker

von Johanna Ruzicka

Spätestens dann, wenn man im Urlaub den Reisestecker mitzunehmen vergessen hat, weiß man um den Wert von Normen. Hätten sich die werten Stromlieferanten nämlich – zumindest in Europa – einmal auf eine einheitliche Steckdose geeinigt, müsste man nicht immer den blöden Adapter mitschleppen.

Die Norm, erfährt man, wenn man mit nassen Haaren im Hotelbadezimmer steht und den mitgebrachten Föhn nicht anstecken kann, die Norm erleichtert das Leben ungemein. Sie steht für Erwartbarkeit und macht das Leben damit bequemer. Schließlich kann man sich dadurch immer auf eine ähnliche Ausformung einer Sache verlassen – im Idealfall eine, die sich bewährt hat. Dies macht die Dinge billiger. Wären Steckdose und Stecker genormt, würde die Produktion vieler Elektrogeräte billiger.

Ähnlich bei den Aufladekabeln für Handys und Smartphones. Mit vielen Tricks wehrten sich Mobiltelefon-Hersteller, genormte Ladekabel samt einheitlichen Buchsen im Gerät anzubieten. Da hätte es der Konsument ja einfach, und bei einem Phonewechsel müsste er nicht alles wegschmeißen! Erst seit relativ kurzer Zeit und auf Betreiben der streitbaren ehemaligen EU-Kommissarin Viviane Reding werden peu à peu die Ladekabel vereinheitlicht.

Die Standardisierung ist ein Grundpfeiler der Industriegesellschaft und damit wichtig für Wohlstand. Es gäbe noch viel zu normieren. (Johanna Ruzicka, 18.8.2015)

KONTRA: Noch mehr Schikane

von Regina Bruckner

Österreich ist ein Land der Klein- und Mittelbetriebe. Sie sind das vielgepriesene Rückgrat der Wirtschaft. Bei der Normierungsarbeit haben aber die großen Konzerne die Nase vorn. Für den langwierigen Prozess der Normierung bedarf es nämlich jeder Menge finanzieller und monetärer Ressourcen. Wer Normen durchsetzen kann, hat aber auch die Macht, Standards vorzugeben und sich als Innovationsführer zu positionieren. Nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa sind sich die teilnehmenden Experten dessen bewusst. Ja, sie sind stolz darauf, besonders viele Normen hervorzubringen.

Dies hat natürlich Schattenseiten. Nicht ohne Grund fühlen sich Kleinbetriebe davon schikaniert und überfordert. Verkommen Normen aber zu lästigen Regeln, läuft etwas grundlegend falsch. Denn die Wendigkeit und die Kreativität der kleinen Firmen bleiben auf der Strecke.

Die Betriebe müssen als Anwender die Normen nicht nur teuer kaufen, sie müssen auch eine Flut an vielfach komplizierten Texten durchackern. Für einen Handwerker ist das schweißtreibende Arbeit. Doch auch Kleine sollten von dem in Normen gegossenen Standard profitieren.

Mit einigen Initiativen gegen zu teure und überholte Normen sind schon die ersten Schritte in die richtige Richtung getan. Nun gehören noch verschiedene Doppelgleisigkeiten beseitigt. Und man kann zu einer vorgeschlagenen Norm auch Nein sagen, nicht alles gehört normiert. (Regina Bruckner, 18.8.2015)

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