Vergewaltigungsprozess: Champagner und K.-o.-Tropfen

19. August 2015, 05:30
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Ein 28-Jähriger soll in einem Lokal eine junge Frau betäubt und missbraucht haben. Ein Beispiel, wie schwierig Sexualstrafverfahren sind

Wien – Vor einem Monat hat Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek kritisiert, dass es im Jahr 2013 bei 920 Anzeigen nur 104 Verurteilungen wegen Vergewaltigung gegeben hat. Doch wie schwierig die Wahrheitsfindung gerade bei Sexualdelikten ist, kann man im Prozess gegen Spendi Z. erleben.

"Sexueller Missbrauch einer wehrlosen oder psychisch beeinträchtigten Person" wird dem 28-Jährigen vorgeworfen – der Strafrahmen beträgt ein bis zehn Jahre Haft. Ende September soll er eine junge Frau in einem Lokal betäubt und anschließend in einer Wohnung missbraucht haben. Was er energisch bestreitet.

Es scheint ein lustiges Fest in der Lounge am Wiener Gürtel gewesen zu sein. Der Chef spendierte den Stammgästen Champagner und Sushi, gebechert wurden auch Wodka, Bier, Wein und Jägermeister. Der unbescholtene Angeklagte ist ein Stammgast, die Frau kannte er vom Sehen.

Wachsendes sexuelles Interesse

Man kam sich näher, erzählt Z. dem Schöffensenat unter Vorsitz von Petra Poschalko, auf Fotos sieht man die beiden in bester Stimmung. "Hat Sie Ihnen gefallen?", fragt Poschalko. "Nein, überhaupt nicht." Ganz so war es dann doch nicht, kommt später heraus: "Ich war am Anfang nicht interessiert, aber irgendwann habe ich dann auch Interesse gehabt", sagt der Unternehmer.

Z. sagt, man habe das Lokal Hand in Hand verlassen, sei zu seinem Auto gegangen. "Da hatten wir dann kurz Sex, aber nach ein paar Minuten wollte ich nicht mehr." So erklärt er, wie seine DNA-Spuren an Strumpfhose und Slip des Opfers gekommen sind.

Laut Angeklagtem habe man dann in einem Schnellrestaurant Essen gekauft, sei zurück ins Lokal und mit dem Kellner in dessen darüberliegende Wohnung. Er und der Kellner seien nochmals zum Würstelstand, nach zwei Uhr sei er mit dem Taxi heimgefahren. Am nächsten Tag erkundigte er sich auf Facebook bei der Frau noch, wie es ihr gehe.

Bruchstückhafte Erinnerung

Die Frau erzählt eine ganz andere Geschichte. Sie vermutet, dass sie schon im Lokal K.-o.-Tropfen in einem Getränk bekommen hat, kann sich nur mehr bruchstückhaft erinnern. Sex im Auto habe es keinen gegeben, sie habe den Angeklagten einmal nackt gesehen, weiß sie noch, einmal habe ein Mann seinen Penis aus ihr gezogen, am nächsten Vormittag sei sie neben dem Kellner aufgewacht.

Sicher ist, dass sie völlig aufgelöst nach Hause kam und auch zwei Freundinnen erzählte, sie sei vergewaltigt worden. Eine fuhr mit ihr am Abend ins Spital, wo zwar kein Betäubungsmittel festgestellt, aber DNA sichergestellt wurde. Hier wird es seltsam: Gefunden wurde Genmaterial von zwei Männern – dem Angeklagten und einem Unbekannten.

Opfervertreterin Irene Oberschlick und Verteidiger Georg Brandstetter haben einen Verdacht, von wem die Spur stammt: vom Kellner. Der bestätigt als Zeuge die Geschichte des Angeklagten. Die Frau sei in seiner Wohnung geblieben, da sie sich noch ausruhen wollte. Er ging zurück ins Lokal, zwischen fünf und sechs Uhr morgens sei er wiedergekommen, da habe sich die Frau gerade die Schuhe angezogen und sei gegangen. In ihre eigene Wohnung kam sie allerdings erst Stunden später, bestätigt ihr Mitbewohner.

Gleichlautende Aussagen

Die Zeugen der Verteidigung schildern die Frau überraschend gleichlautend als "anlassig"; deren Freundinnen wiederum sind überzeugt, dass sie nie ungeschützten Sex in einem Auto haben würde.

Der Senat spricht Z. schließlich, nicht rechtskräftig, im Zweifel frei. "Wir konnten Ihnen nicht widerlegen, dass Sie Sex im Auto hatten", begründet Poschalko. Ob auch vom Kellner eine DNA-Probe genommen wird, will die Anklagebehörde erst entscheiden. (Michael Möseneder, 19.8.2015)

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